Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.06.11, Pastorin Beate Raguse

Arbeit

Es war bei einer Fortbildung. Zu Beginn sollten wir uns alle recken. „Wir dehnen uns, stellen uns auf die Haken, wackeln mit den Zehen.

 Merken, dass wir mehr sind als unser Kopf.“ Ich fand das wunderbar. Wohltuend. Für mich war es Entspannung pur. Bis der Dozent  mich eines Besseren belehrte: Es war Körperarbeit.

Aber das war nur der Anfang. Es folgten Paararbeit, Klang-Schalen-Arbeit, Trauerarbeit und Erholungsarbeit. Eine ganze Liste von Dingen, die der Mensch so tut, die lange Zeit ganz selbstverständlich zum Alltag gehörten. Bis sie von einer Seuche befallen wurden, die sich rasend schnell ausgebreitet hat. Nämlich alles und jedes zu „Arbeit“ zu erklären. Und ich frage mich: warum?

Warum ist es Beziehungsarbeit, wenn ein Paar darüber spricht, was ihm wichtig ist? Warum ist es Traumarbeit, sich anhand seiner Träume mit seinem Inneren auseinander zu setzen? Warum ist es Bibelarbeit, wenn Menschen gemeinsam nach biblischer Botschaft fragen? Was bitte ist Erholungs- oder Energiearbeit? Und überhaupt: Warum gibt es immer mehr und mehr Arbeit, für die kein Mensch bezahlt wird. Wer braucht sie?

Es ist nicht mehr selbstverständlich, wenn die Mutter meines Patenkindes mich zum Geburtstag einlädt. Nein, neuerdings fällt  das unter Kontaktpflege und gehört zur Familienarbeit.  Bisher war ich einfach eine gute, alte Freundin, jetzt bin ich Objekt familiärer Bestrebungen zur Aufrechterhaltung sozialer Bindungen.

Immer weniger geschieht absichtslos oder spontan. Alles wird einem Zweck, einer Ideologie oder einer Richtigkeit unterworfen. Lust und Spaß sind als Antriebsfeder gestrichen. Ich treibe keinen Sport mehr, weil es Spaß macht, weil ich nette Leute treffe, sondern weil es gut für mich ist. Weil ich dann leistungsfähiger bin. Auch in der Freizeit wird Handeln zielgerichtet, bekommt einen Überbau, eine Schwere, wird als Aufgabe, als fremdbestimmt, als Arbeit empfunden.

Es ist kurios. Millionen Menschen sind arbeitslos, bekommen nur Halbtagsstellen  oder Minijobs und doch gibt’s Arbeit satt. Es herrscht gefühlte Vollbeschäftigung.

Schon stöhnt eine Kollegin, sie würde 70 Stunden in der Woche arbeiten. Und das, obwohl sie montags in die Sauna geht, abends mit ihrer Tochter Rad fährt, die Wochenenden am Meer verbringt. Wahrscheinlich ist auch sie ein Opfer der Sprachverwirrung. Leistet neben ihrem Job unentwegt  Familien- Erziehungs- und auch mal Erholungsarbeit.

Klar wird mir auch, warum ich mich manchmal abends so k.o. fühle. Es muss an zuviel Entspannungsarbeit liegen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, sagt der Volksmund. Die Bibel sagt es anders: Alles hat seine Zeit, auch arbeiten und ruhen, tun und lassen. Sechs Tage sollst du arbeiten, alles erledigen, am siebten Tag sollst du ruhen. Auch wenn man die Diskussion um die Sonntagsruhe einmal außen vor lässt. Fakt ist: Der Mensch braucht den Wechsel von Arbeits- und Ruhezeiten. Es ist gut, wenn Menschen Arbeit haben und für diese angemessen bezahlt werden. Und es ist gut, wenn sie ruhen können. Zeit nutzen können für sich selbst, mit andern Menschen, mit purem Vergnügen. Und sie genießen können, als das, was sie ist: freie Zeit.

Audiobeitrag Arbeit


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