Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.05.11, Pfarrer Jochen Müller

Lange Weile

„Du darfst alles machen –nur nicht langweilen.“Das ist der unausgesprochene Satz, der unsere Medien- und Konsumwelt bestimmt. Langeweile ist der Urfeind der Unterhaltung.

Ob im Tatort, in den Nachrichten, beim Computerspiel, in einer Radioandacht, in Büchern, in Gesprächen, in der Kunst oder der Musik: Du darfst alles machen – nur nicht langweilen.

Schon vor 2000 Jahren, so schreibt es die Apostelgeschichte von den Athenern, wollten die Leute immer etwas Neues hören und sagen. (Apg 17,21) Das hat sich bis heute nicht geändert. Woher kommt das eigentlich, dass wir immer das Neueste hören müssen? Weil wir sonst Angst haben, abgehängt zu werden? Weil wir nicht mehr mithalten können? Weil wir dann gesellschaftliche Verlierer würden?

In meinem Studium habe ich immer nach den neuesten Veröffentlichungen zum Thema gesucht, weil ich dachte, die neuesten Autoren hätten sicherlich alles andere, was zum Thema gedacht wurde,  kompetent verarbeitet und dargestellt. Heute weiß ich, dass ich da einem Trugschluss aufgesessen bin, der weit verbreitet zu sein scheint. Das Neueste ist gar nicht immer das Beste!
 
Unsere Informationswelt dreht sich immer schneller. Längst kann man das weltweite Netz nicht nur von zu Hause am PC erreichen, sondern mit Smartphones, i-pads und i-pods natürlich überall und jederzeit. Stets ist unser Wissen nur noch ein paar Klicks weit entfernt. Und die Flut an wissenschaftlicher Information verdoppelt sich alle fünf bis zehn Jahre. Langeweile kann da nicht mehr aufkommen, denn wir sind immer online. Auf meinem Handy empfange ich nicht nur Anrufe, sondern Kurzmitteilungen, e-mails, Bilder, ja ganze Filme. Ständig auf Empfang und Sendung.

Noch bis in die 90er Jahre hinein gab es einen Sendeschluss bei ARD und ZDF. Heute undenkbar. Das wäre ja Langeweile pur. Woher kommt das eigentlich, dass die Langeweile so verpönt ist? Ich glaube, uns ist da etwas verloren gegangen, was wir eigentlich für unser Leben brauchen. Nämlich eine lange Weile., Zeit. Manchmal lange Zeit, um mit unseren Gefühlen, unseren Gedanken, unseren Seelen nachzukommen.

Ein Indianer fährt das erste Mal in einem Auto mit. Nach 50 km lässt er anhalten, steigt aus, setzt sich an den Straßenrand. Der Autofahrer fragt: "Was soll das denn?" Der Indianer sagt: "Ich sitze hier und warte, dass meine Seele nachkommt."

Und wann setzen wir uns hin und warten, dass unsere Seelen nachkommen nach atemberaubenden Fahrten über die Datenautobahnen? Gönnen Sie sich Zeiten der langen Weile? Einen freien Tag in der Woche. Keine e-mails, keine Arbeit, keine events. Einfach Zeit für sich selbst, für echte Begegnungen und für Gott. Jesus hat es uns vorgemacht: Er zieht sich immer wieder in die Einsamkeit zurück und sucht das Gespräch mit Gott. Auch wenn es scheinbar sinnlos und langweilig ist: 10 Minuten Stille am Tag, kann meiner Seele helfen, nachzukommen. Und das ist alles andere als langweilig, sondern lebensnotwendig.

Audiobeitrag Lange Weile


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