Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

30.05.11, Pfarrer Jochen Müller

Evangelische Spiritualität

Autor: Wieder einer von den Tagen: Aufstehen, Morgenwäsche, Frühstück und los. Alltag eben. Elke Weiher-Vogt, war das irgendwann zu wenig:

O-Ton: Ich arbeite in der evangelischen Kirchengemeinde und habe viel mit Verwaltungsarbeit zu tun und mir fehlte diese spirituelle Dimension.

Autor: Die Sehnsucht nach Spiritualität ist heute populär. Das Gefühl: Da muss noch ein bisschen mehr Leben ins Leben hinein. Das kann es doch noch nicht gewesen sein, jeden Tag nur Alltag. Es ist die Sehnsucht nach einer anderen Dimension. Die Sehnsucht nach Gott.

O-Ton: Dann war ich neugierig, was ist christliche oder evangelische Spiritualität? Dazu habe ich eine Fortbildung gemacht, die heißt: Spirituelle Kompetenz und da habe ich eben Dinge kennengelernt, wie man Spiritualität leben kann.

Autor: Spiritualität hat das ältere Wort Frömmigkeit ersetzt und klingt irgendwie geheimnisvoll. In der Tat beschäftigt sich die Spiritualität mit dem Geheimnis des Lebens, mit dem Geheimnis wie Gott in mein Leben kommt. Wie das geht?

O-Ton: Zum Beispiel: Die Erfahrung mit der Stille. Dass man sich zurückzieht aus dem Alltag. Nicht spricht, ruhig wird, lernt, achtsamer und aufmerksamer mit seiner Umgebung, mit sich selbst umzugehen.

Autor: Achtsamkeit als eine spirituelle Haltung, die uns einen neuen Blick auf die Welt lehrt. Oftmals beginnt die Achtsamkeit mit der Stille und dem Schweigen.

O-Ton: Schweigen ist mehr als Nicht-Reden, das ist auf jeden Fall so. Wir haben angefangen mit dem Frühstück eben und das ist erstaunlich wie man sich auch ohne Worte verständigen kann mit Blicken und mit netten Gesten, sich auch gegenseitig das Essen reichen kann und man wird einfach sofort aufmerksamer.

Autor: So soll das auch mit dem Geschmack des Lebens  werden. Ihn wieder deutlicher wahrnehmen. Zu merken: Da gibt es mehr als immer nur zu funktionieren.

O-Ton: Nachdem der Tag beendet ist, setze ich mich bei einer Kerze auf einen Meditationshocker und lasse den Tag erstmal Revue passieren. Und gib ihn dann an Gott zurück. Dann sitze ich zehn bis 15 Minuten in der Stille und merke dann irgendwann, dass es jetzt gut ist, spreche ein Gebet und das war`s.

Autor: Gar nichts Aufsehenerregendes, könnte man meinen. Es geht bei dieser evangelischen Spiritualität nicht um eine besondere Offenbarung, sondern darum, sich dem liebenden Blick Gottes auszusetzen.

O-Ton: Ohne Erwartungshaltung dazusitzen. Also nicht zu erwarten, was kommt jetzt, wenn ich da sitze, habe ich auch ´ne Begegnung mit Gott, was passiert da. Sondern einfach ganz vertrauensvoll dazusitzen und nichts zu erwarten. Das ist glaube ich, das was ein ruhig macht und gelassen.

Autor: So scheint diese einfache tägliche Übung das Leben von Elke Weiher-Vogt zu beeinflussen.

O-Ton: Ich merke im Alltag hat das die Auswirkung, dass ich einfach so gelassener bin und vieles gelassener und aufmerksamer sehen kann. Auch meine Mitmenschen toleranter behandeln kann. Als das vorher der Fall war.

Autor: Durch dieses evangelische Ritual der Achtsamkeit hat sich der Alltag unserer Mitarbeiterin verändert, ja sogar sie selbst hat sich verändert. Ob man ihr das anmerkt?

O-Ton: Vielleicht sollte man eher die anderen Leute fragen, wie mich das verändert hat.

Autor: Ich habe es bemerkt, dass ihr Alltag einen tieferen Grund bekommen hat. Danach sehne ich mich doch auch.

Audiobeitrag Evangelische Spiritualität


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