Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.05.11, Pfarrer Eberhard Helling

Das ewige Gespräch - die Bibel

Autor: Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? - eine klassische Partyfrage, um ein stockendes Gespräch wieder in Gang zu bekommen.

Aber aus dieser Frage ist das Buch der Bücher entstanden. Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Mein Name ist Eberhard Helling; ich bin evangelischer Pfarrer aus Lübbecke in Westfalen. Das Buch der Bücher, die Bibel wird so genannt – das ist so ein Buch für die Insel, weil die Menschen, die die ersten biblischen Bücher geschrieben haben, sich genauso gefühlt haben – wie auf einer einsamen Insel, obwohl sie in einer turbulenten Zeit lebten.

Musik:  About a tree, Track 2 auf:  Seven Seas

Autor:  Die Menschen mussten ihre sieben Sachen packen. Nicht um auf eine Insel zu fahren. Sie sind im Exil, in Babylon. Ihr Land, Israel, das Land der Verheißung, war von den Babyloniern erobert; die Hauptstadt, Jerusalem nur noch ein Trümmerhaufen, der Tempel Gottes ein Tummelplatz für Schakale. Sie müssen für lange Jahre ihre Heimat verlassen. Eine Menge Fragen stürzen auf sie ein. Und nun, im Exil geschieht etwas neues:
Einige sortieren ihre Gedanken und schreiben sie auf - und auch die ihrer Leidensgenossen. Und sie schreiben das auf, was vor der Katastrophe die Propheten über das drohende Unheil gesagt haben, Jeremia zum Beispiel. Wahrscheinlich hatten sie seine Aussprüche als Sammlungen auch schon im Gepäck.
In der Fremde, in Babylon, müssen sie die Gedanken neu sortieren. Und sie schreiben, sie schreiben ganze Bücher. Eine Gruppe von Freunden des Propheten stellt das Buch „Jeremia“ zusammen. In die alten Androhungen des Propheten weben sie nun die Gedanken und Fragen nach der Katastrophe hinein:

Sprecher:  11 Warum ist es soweit gekommen? Warum wird das Land verbrannt und verwüstet, so daß kein Mensch mehr hindurchzieht? Gibt es einen Weisen, der das erklären kann, einen Propheten, dem der HERR es offenbart hat und der es uns sagen kann?12 Der HERR selbst gibt darauf die Antwort: »Sie halten sich nicht an meine Weisung, sie hören nicht auf das, was ich sage.13 Vielmehr tun sie, was ihr böses und eigensinniges Herz ihnen eingibt: Sie laufen den Baalen nach, wie sie es von ihren Vorfahren gelernt haben. 14 Darum sage ich, der Herrscher der Welt, der Gott Israels: 'Ich werde diesem Volk bittere Kost zu essen geben und Gift zu trinken. 15 Ich treibe sie fort zu fremden Völkern, von denen weder sie noch ihre Vorfahren etwas wußten; ich lasse Kriege gegen sie wüten, bis nichts mehr von ihnen übrig ist.' (Jeremia 9, 11-15, nach: Die Gute Nachricht)

Musik: Halah, Track 4 auf Seven Seas,

Autor:  Sie versuchen  das für sie Unbegreifliche in Worte zu fassen. Sie aktualisieren die alten Worte des Propheten. Neben dieser Jeremia-Gruppe gibt es im babylonischen Exil noch andere Gruppen. Sie haben viel verloren, z.B. die ehemaligen königlichen Beamten vom Jerusalemer Königshof. Die schreiben ein gewaltiges Geschichtswerk, in dem vor allem die politischen Anteile an der Vertreibung aus dem gelobten Land dargestellt werden. Dieses Werk wird sich über sieben biblische Bücher erstrecken, vom Josuabuch bis zum 2. Buch der Könige.

Die ersten Bücher der Bibel wurden geschrieben, weil diese Menschen sich von Gott und allen guten Geistern verlassen vorkamen. Die Bibel ist also nicht in einer Situation entstanden, als alles eindeutig und der Glaube gewiss war. Im Gegenteil, als alles auf dem Spiel steht, als die Frommen ihren Glauben zu verlieren drohen, als die Unglücklichen keine Hoffnung mehr für sich entdecken, als die Ausgeplünderten die grauenhafte Lieblosigkeit dieser Welt zu spüren bekommen, da ist die Bibel entstanden. Es ist für das geistige und seelische Überleben dieser Menschen notwendig, sich darüber klar zu werden, was die Katastrophe bedeutet und warum sie, trotz allem, noch an Gott festhalten können.
Wenn einsame und verlassene Menschen also immer wieder zur Bibel greifen, dann liegt das in den Ursprüngen dieser Schrift selbst begründet.

Musik  Dreaming, Track 1 auf Seven Seas,

Autor:  Wenn der erste, der jüdische Teil unserer Bibel, das sogenannte „Alte Testament“ in einer Zeit von äußerer Bedrohung zusammengestellt worden ist, dann ist der zweite, der griechischen Teil, das sogenannte „Neue Testament“ einer inneren Bedrohung zu verdanken.

Im 2. Jahrhundert nach Christus lebt der Bischofssohn Marcion. Er zwingt die verstreut lebenden Christen dazu, sich auf das zu einigen, was für sie verbindlich ist. Marcion macht einen radikalen Vorschlag: für ihn sind nur Teile des Lukasevangeliums und 10 Briefe des Apostels Paulus verbindlich. Das „Alte Testament“ hat nach seiner Einschätzung im christlichen Glauben nichts zu suchen. Deswegen beseitigt Marcion auch gleich einige Stellen aus dem Lukasevangelium und aus den von ihm ausgewählten Paulusbriefen, die seinem Anliegen entgegenstehen. Alles, was für seinen Geschmack zu sehr nach jüdischem Glauben, nach Vorschriften und Gesetz klingt, das wird von ihm beseitigt. Mit dem Matthäusevangelium, der ersten Schrift unseres heutigen Neuen Testamentes kann so jemand wie Marcion gar nichts anfangen. Dieser Evangelist hat eine entscheidende Szene so gestaltet, dass sie den Anliegen von Marcion nur widersprechen kann. Es ist die Szene, in der Jesus von einem seiner engsten Vertrauten an die geistlichen Machthaber verraten wird; die schicken ihre Tempelpolizei los, um ihn zu verhaften; die kleine Polizeitruppe stößt auf Jesus und seine Freunde in einem Gartengelände; es entsteht ein Handgemenge. Einer der Freunde Jesu zieht ein Schwert, schlägt nach einem der Tempelpolizisten und verletzt ihn. Im Matthäusevangelium sagt Jesus daraufhin folgendes:

Sprecher:  Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.53 Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, daß er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte?54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, daß es so geschehen muß?

Autor:  In der Version dieses Evangelisten bezieht Jesus sich ausdrücklich auf das jüdische Testament. Wer Jesu Leben und  seinen grausamen Tod  verstehen will, muss das Alte Testament kennen. Wer im christlichen Glauben meint, ohne das Alte Testament auskommen zu können, der hat sich von den Wurzeln getrennt und damit Jesus zu einem Glaubensinhalt gemacht, der nach dem eigenen Gutdünken zurecht gestutzt werden kann. Jesus wird in solch einem Glauben zu einer Figur, die den jeweiligen Autoren zum Verwechseln ähnlich ist. Jesus glaubt das, was die Autoren glauben, Jesus tut das, was die Autoren tun. Alles Fremde und Widerspenstige ist beseitigt. Und mit solch einem Glauben geht in der Regel ein handfester Antijudaismus einher.

Dieser Gefahr haben die verschiedenen Kirchen nur mühsam widerstehen können. Oft, allzu oft sind die Kirchen der Gefahr erlegen und haben beim Antijudaismus, bei der Hetze gegen den jüdischen Glauben mitgemacht. Oft, allzu oft waren die Kirchen Motor einer antijüdischen Bewegung. Es fiel den Kirchen schwer, sich auf eine Auswahl von biblischen Büchern zu einigen, die für alle verbindlich ist. Diese verbindliche Auswahl wird Kanon genannt. Es hat bis ins Mittelalter hinein gedauert, bis ein (für die meisten westlichen Kirchen) verbindlicher Kanon festgelegt war. Aber nun sind diese 66 ganz verschiedenen Schriften im Alten und Neuen Testament zusammengestellt. Und sie ermöglichen eine besondere Erfahrung: gerade in Krisenzeiten gibt diese Zusammenstellung Orientierung, vor allem hilft sie gegen einen immer wieder aufkommenden Antijudaismus. Als in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland die Lehre und die Organisation der  Kirche nach rassischen Gesichtspunkten umgebaut werden sollte, da wurde einigen Männern und Frauen klar, welche Bedeutung die ganez Heilige Schrift für die Kirche hat.

So ist die Entstehung der Bibel selbst ein Spiegelbild der immer neuen Frage: woran können wir uns wirklich halten, was dürfen wir glauben und worauf können wir hoffen? Die Bibel ist ein groß angelegtes, ein über Jahrhunderte dauerndes Gespräch zu diesen Fragen.

Musik  Voice, Track 13 auf Colors,

Autor:  Was dürfen wir glauben, worauf können wir hoffen? Immer noch befragen Menschen die biblischen Texte. Aber die Antworten fallen aus diesem Buch nicht einfach so heraus, wie bei einem Kirmesautomaten. So funktioniert die Bibel auf jeden Fall nicht.
Und dass die Bibel so nicht funktioniert, hat wenigstens zwei Gründe: Zum einen gibt die Bibel keine vorgestanzten Antworten. Das eigentümliche der Bibel ist, dass sie für jeden Menschen eine persönliche, ja ich möchte sogar sagen intime Antwort bereithält. Durch die Bibel spricht der Gott zu uns Menschen, der uns gewollt und geschaffen hat. In der biblischen Botschaft hören wir also die Stimme von einem Gott, der uns besser kennt, als wir uns selbst jemals  kennen lernen können.

Sprecher: HERR, du erforschest mich und kennest mich.
2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.
3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.
4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüßtest.
5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. ...
13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.
14 Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.
16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.
17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß!
18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir. (aus: Psalm 139)

Autor:  So freundlich und so eindringlich redet die Bibel im Psalm 139. Und es gibt noch einen anderen Grund, warum ich glaube, dass Menschen immer wieder zur Bibel greifen: dieses Buch kann eine Hoffnung vermitteln, die nicht aus dieser Welt stammt,  die aber für diese Welt, für uns Menschen gedacht ist. Das beginnt mit der Befreiung des Volkes Israels aus Ägypten, das geht weiter über die Zeit des babylonischen Exils bis hin zu den Geschichten von Jesus aus Nazareth. Bei ihm kommt die Hoffnung auf ein gutes und erfülltes Leben noch einmal auf eine neue Ebene. Diese Hoffnung soll durch nichts und niemanden mehr in Frage gestellt werden, denn Jesus hat den Tod überwunden. Diese Hoffnung ist für Christen der Kern ihres Glaubens. Und das hört sich im letzten Kapitel der Bibel so an:

Sprecher:  Und ich sah  einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21, 1-5)

Autor:  Ich bin gemeint und ich darf eine unbesiegbare Hoffnung haben. Das sind für mich die beiden Gründe, warum ich  immer wieder zur Bibel greife. Aber das vermittelt sich nicht von allein. Wie die Bibel ein großes Gespräch ist, kann ich den Inhalt und die Bedeutung der Bibel nur im Gespräch mit anderen erfassen. Wenn man allein vor diesem Buch sitzt, dann bleibt es oft das Buch mit sieben Siegeln. Wer sich mit anderen über die biblische Botschaft austauscht, erfährt: das Gespräch hilft mir zu verstehen, es hilft mir, mich selbst vielleicht ein bisschen besser zu verstehen und es hilft mir, mich Gott zu nähren.
Es grüßt sie ganz herzlich Eberhard Helling, evangelischer Pfarrer aus Lübbecke .

Musik: Our spanish love song; von Quadro nuevo, Luna Rossa, Track 6,

verwendete Literatur:

Albertz, Rainer, Religionsgeschichte Israels, Göttingen 1992, ATD Ergänzungsreihe 8.2, S. 383-413

Benoit, Andre, Die Krise des 2. Jahrhunderts, in Ökumenische Kirchengeschichte I, Mainz 1983, S. 96-103

Hertzsch, K.P., Zeit für die Bibel, in : Evangelische Kommentare 6, 1987, S. 314-317
 
ders., Leben mit der Bibel, Vortrag auf der VELKD – Synode 1991 in Königslutter, vervielfältigtes Manuskript

Möller, Christian, Leben mit der Bibel – Leben aus der Bibel, in: Neukirchener Predigthilfe 5.2, S. 64-76

Pohl-Patalong, Uta, Bibliolog, Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule, Stuttgart, 2011, 2. Aufl.

Ritter, Adolf Martin, Zur Kanonbildung in der Alten Kirche, in: ders., Charisma und Caritas, Aufsätze zur Geschichte der Alten Kirche, hg. von A. Dörfler-Dierken u.a., Göttingen, 1993, S. 265-280


CD’s:

Avishai Cohen, Colors, © 2000, Stretch Records, SCD 9031 - 2

Avishai Cohen, Seven Seas, © 2011 EMI Music France, LC 0542

Quadro Nuevo, Luna Rossa (P) 2002 Fine Music, GLM Musikverlag, LC 11188

Audiobeitrag Das ewige Gespräch - die Bibel


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