Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.05.11, Pfarrer Max Koranyi

Hilfe-Stellung

Ich habe mir schon früher gerne helfen lassen. Das lag daran, dass ich selten etwas direkt auf Anhieb konnte. Atmen, zum Beispiel.

Da saß ich als Kind mehr als einmal mit meinem kleinen Asthmainhalator auf dem Bett und japste nach Luft. Wenn ich dann aber unsere Hausschelle klingeln hörte, wusste ich auf Anhieb: Da kommt der gute Doktor. Der gibt dir gleich eine Spritze. Und dann geht es Dir sofort wieder besser.

Manchmal ist das also gar nicht so verkehrt, nicht perfekt zu sein. Man muss halt nur wissen, wo man die nötige Hilfe, Unterstützung, Ergänzung findet. Bis heute halte ich Ausschau nach solchen Menschen. Die all das können, was ich nicht kann. Richtig: Manches kann man irgendwann selber übernehmen. Man muss sich ja nicht kleiner machen, als man in Wirklichkeit ist. Jeder Mensch hat Stärken und Fähigkeiten. Aber eben nicht in allen Lebenslagen. Und auch nicht immer.

Ich nutze meine Helfer nicht aus. Ich sage ihnen nur: Dich könnte ich gebrauchen. Für dies und das. Mit dem, was Du siehst und kannst. Meistenteils fühlen sich die Angesprochenen geehrt. Sie können ja wirklich alle irgendwas. Und wenn das abgerufen wird, sind sie stolz. Sie rufen ja auch mich mit meinen Gaben herbei. Wenn sie mich brauchen. Und dann komme ich auch zu ihnen. Mit dem, was ich halt alles so kann. In aller Bescheidenheit.

Manchmal möchte ich manchen Menschen sagen: Schäm dich doch nicht, dass du Hilfe brauchst. Meist gilt dieser Ruf Männern mehr als Frauen. Vielleicht erfahren ja Frauen eher als wir Männer, dass Leben begrenzt, verletzlich, vielschichtig ist. Und geben das auch ganz offen zu. Wie dem auch sei, jeder Mensch, der wirklich sagt: Ich hole mir jetzt Hilfe, findet meist irgendwann irgendwo auch eine Hand. Ist am Ende viel erfahrener, stärker und glücklicher als derjenige, der immer alles allein bewältigen will. Und es dann doch nicht schafft.

Oft denke ich: Kleinere und Schwächere haben es deshalb nicht unbedingt schwerer. Sie lernen nämlich oft viel früher als andere, wie man sich woanders anlehnen kann. Wenn ich es recht beurteile, gehören 2/3 der Menschen, die die Psalmen in der Bibel beten, zu diesen Hilfsbedürftigen. Sie alle suchen nicht nur Trost in ihrer Nachbarschaft. Nein, sie appellieren gleich an die höchste Instanz. Unterstützung bei Gott. Stütze suchend bei ihm. Dazu waren sie sich nicht zu schade. Haben sich auch nicht geschämt, das in aller Öffentlichkeit zu vertreten: „Denkst Du, Gott, eigentlich überhaupt noch an mich“, rufen sie etwa schamlos. „Wie lange sollen sich eigentlich die anderen noch über mich lustig machen?“ (Nach Psalm 13,1f).

Wer so ruft, hat noch nicht aufgegeben. Es steckt viel Kraft in Menschen, die Ausschau nach Begleitung halten. Oft übrigens auch eine ganze Menge Phantasie, wo man sie sich ungewohnter weise auch noch überall suchen könnte. Wer um Hilfe schreit, hat mit dem Leben noch nicht abgeschlossen. Wer dabei Gott zu sich ruft, vertraut darauf, dass der mit großer Aufmerksamkeit zuhören wird. Das ist schon viel. Wenn wenigstens Er ganz Ohr ist. Dann ist man schon mal nicht mehr ganz allein. Und beim Hilfeschrei wird noch eines deutlich: Ich merke beim Aussprechen, was meine Not konkret ausmacht und was ich tatsächlich an persönlicher Hilfe, Zuspruch oder Anregung brauche. Dass dies alles kein Hirngespinst ist, belegt die schlichte Tatsache, dass viele, ganz viele Psalmgebete mit dem Satz enden: „Ich freue mich, dass du so gerne hilfst. Gut gemacht, mein Gott!“ (nach Psalm 13,6) Das erzählen diese Menschen dann wie kleine Kinder völlig offenherzig auch noch überall herum. Empfehlen es sozusagen weiter. Damit auch andere es einmal versuchen: „Hilfe zu bekommen, dort wo man sich wirklich danach sehnt“. (nach Psalm 12,6). Hilfsangebote - göttlich vermittelt. Auch deshalb sage ich übrigens zu Menschen, die mir beim Rechnen, am Computer oder in der Verwaltung helfen: Dich schickt der liebe Himmel.

Solch gute Erfahrungen wünscht Ihnen an diesem Tag Pfr. Max Koranyi aus Königswinter.

Audiobeitrag Hilfe-Stellung


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