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Verfalls-Datum
Im Grunde genommen gehe ich ganz gerne einkaufen. Die Auswahl der Lebensmittel verspricht nämlich eine gute Zeit. Denn die reife Avocado und der dunkle Wein, sie sagen mir:
Es wird ein schöner Abend. Nun bin ich als erfahrener Einkäufer natürlich immer auch auf das Verfallsdatum aus. Bei der Butter z.B.. Da steht also haltbar bis - siehe Seitenaufdruck. Ich drehe dann immer das Viertelpfund in Goldstaniol wie einen Zauberwürfel so lange hin und her, bis ich die Zahlen entdeckt habe: 15.Juni 2011.
Dieses Datum hat nun für mich immer zwei Bedeutungen. Zunächst natürlich: Die Butter ist noch frisch, ich habe Wochen Zeit, sie zu lagern, aufzuheben, in Ruhe zu verspeisen. Aber dann erfasst mich noch ein völlig anders Gefühl. Nämlich die gute Aussicht, den 15.Juni noch erleben zu dürfen. Ich kaufe doch keine Butter, um sie selber nicht mehr genießen zu können. Bis Mitte Juni bin ich also auf der sicheren Lebensseite. Da bin ich bestimmt mit Essen und allem anderen auch noch dabei.
Besonders angerührt bin ich immer bei Verfallsdaten in besonderen Übergangszeiten. Da stand einmal auf einer Milch: Jetzt noch länger haltbar. Bis zum 22.September. Nun muss man wissen: Am 20. hatte ich eine wichtige Prüfung. Und das Datum hat mir jetzt zwischen den Zeilen verraten: Schau mal, Dein Leben geht weiter, so oder so. Das hat mich entspannt. Auch deshalb bin ich wahrscheinlich nicht durchgefallen: Die Milch wollte mich schließlich fröhlich erleben.
Besonders komisch ist es auch, wenn in der Adventszeit der Aufdruck sichtbar wird: Verfallsdatum 9.Januar. Oder in den Sommerferien: Bis Oktober zu verzehren. Das sind ja oft Feierzeiten, deren Ende man sich gar nicht so schnell herbeiwünscht. Aber dann sage ich mir auch immer: Selbst wenn Spekulatius und Strandkorb hinter mir liegen, es kommt noch was Schönes danach.
Es kommt noch was. Ich hab noch Zeit. Mein Verfallsdatum steht noch aus. Die Geschichte, die Jesus dazu parat hat, klingt hoffnungsvoll: Ein Feigenbaum bringt keine Frucht. Der Besitzer will ihn fällen. Sagt der Gärtner zu ihm: Gib ihm noch eine Chance, ich werde ihn umgraben und düngen. Wie viele Chancen und Neuanfänge haben mir nicht auch schon so manche verlängerte Haltbarkeitsdaten geschenkt? Gott wird auf solch Verbrechen / nicht stracks das Urteil sprechen / und haben noch mit mir Geduld, sang man dazu in altväterlicher Weise 1642.
Aber das klingt doch etwas düster. Viel bunter ist die Perspektive: Neugierig wie ich bin, kann ich noch was erleben. Nach dem Haltbarkeitsdatum gehts weiter. Da kommt noch was. Da möchte ich noch dabei sein. Schreibt Theodor Fontane: Eigentlich ist alles nichts, / Heute hälts und morgen brichts, / Hin stirbt alles, ganz geringe / Wird der Wert der irdschen Dinge; / Doch wie tief herabgestimmt / Auch das Wünschen Abschied nimmt, / Immer klingt es noch daneben: / Ja, das möchte ich noch erleben. - Und dazu schenkt Gott mir noch Zeit.
Und wenn nicht? Wenn ich das nächste Verfallsdatum tatsächlich nicht mehr erreichen sollte? Nicht nur die Butter hält sich ja nicht ewig. Ich mich ja auch selber nicht. Dann, ja dann finde ich die Geschichte von der Frau so schön, die zu ihrem Pfarrer sagt: Begraben Sie mich doch bitte mit einer Gabel in der Hand! Der Geistliche staunt: Warum? Nun, sagt die Dame, bei großen Abendessen hieß es oft nach dem letzten Gang: Behalten Sie bitte die Gabel! Und da war mir klar: Es kommt noch was - Besseres.
Einen guten Tag wünscht Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
Verfalls-Datum
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