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Gedulds-Faden
Wo wäre ich heute, wenn andere nicht unendliche Geduld mit mir gehabt hätten? Nun muss man wissen: Ich bin kein einfacher Mensch.
Obwohl: Gibt es einfache Menschen überhaupt? Jedenfalls habe ich es mir inzwischen angewöhnt, wenn ich wieder einmal die elende Ungeduld in mir hochsteigen fühle mit anderen, mit mir, mit Gott und der ganzen Welt - Geduldsgeschichten in mir wach zu rufen. Episoden aus meinem Leben also, wo andere sich von ihrer Geduld mit mir durch nichts haben abbringen lassen.
Manchmal sehe ich dann meine Mutter wieder mit ihrer weißen Küchenschürze vor mir, die vor dem Herd Backhendl paniert. Ich sitze nebenan vor dem Flügel und hämmere falsche Akkorde auf die Tasten. Immer wieder die gleichen schrägen Tonfolgen. Ich merke wohl, dass dabei etwas nicht stimmt. Aber ich kanns allein nicht ändern. Meine Mutter schon. Sie ruft aus der Küche, dass die Töne nicht stimmen. Und als auch das nichts hilft, setzt sie sich mit semmelbröselverschmierten Händen neben mich und wartet so lange, bis Noten und Klang übereinstimmen. Das kann dauern. Zum Glück hat sie die Pfanne mit dem Fett vorher vom Herd geschoben. So haben übrigens viele Menschen in meinem Leben auf anderes kurzfristig verzichtet, um mir in der dadurch freigewordenen Zeit zur Hand zu gehen. Ein Englischlehrer, der mich nachmittags extra bestellte und stundenlang das th lispeln ließ. Immer und immer wieder. Nur für mich.
Auch denke ich oft an Freunde und Gesprächspartner, die mit einer wie sagt man? - Eselsgeduld sich meine revolutionären Weltverbesserungsthesen anhörten und nicht nachließen, der Wirklichkeit meiner sozialutopischen Entwürfe auf den Zahn zu fühlen. In diesen Fragen konnte ich besonders verbockt sein. Als ob es dabei um mein Leben ginge. Und deshalb auch überhaupt keine Alternativen von mir zugelassen wurden. Manche haben dann nur den Kopf über mich geschüttelt und irgendwann einmal vor diesem unverbesserlichen Träumer die Flucht ergriffen. Aber es gab auch geduldige Seelen, die sich von meinem Idealismus nicht abschrecken ließen und mir wie einem kranken Pferd zuredeten. Irgendwann einmal hatte sich ihre Geduld dann doch ausgezahlt und ich sah vieles klarer und wahrer als jemals zuvor.
Die Geduld auch meiner Frau. Mit meinen vielen Eigenarten und Gewohnheiten, die zwar irgendwie jeder Mensch in den Alltag hineinbringt.. Die aber längst nicht immer angenehm oder gesellschaftsfähig sind. Manches hat mir meine Frau nach langem Training ausgetrieben. Und manches erträgt sie in Geduld, obwohl es einfach so geblieben ist, wie es immer schon war: Gurgeln im Bad; angstvolle Hektik, irgendwo zu spät zu kommen; unbedachte Äußerungen allüberall. An einem seidenen Geduldsfaden gehalten. Mehr noch als all dies das Ertragen meines Selbstmitleids, als ich - hervorgerufen durch eine völlige Überforderung - in ein schwarzes Loch gefallen bin. Und ständig die gleiche Selbstmitleids-Litanei wiederholte. Sie hat sich das zig-mal angehört. Ich wundere mich noch heute darüber, wie sie das geschafft - und dabei noch getröstet hat!
Ach ja, Theologen, wie ich es bin, können andererseits so überheblich und anmaßend sein. Als ob sie allein die Wahrheit gepachtet hätten. Was haben meine Gottesdienstbesucher nicht für eine Engelsgeduld aufgebracht, bei manchen meiner Geistesflüge nicht schwindelig zu werden. Um sich beim Ausgang dann auch noch für die Ansprache zu bedanken. Unbeschreiblich. Wie schafften die anderen das nur? So unendlich mit mir geduldig sein zu können? Ich vermute, es waren weise Menschen, die sich selber zuvor von anderen geduldig behandelt fühlten Und viele von ihnen hatten wohl auch den biblischen Gott der Geduld (Röm 15,5) erlebt, der nicht will, dass jemand unterwegs verloren geht (2.Petr. 3,9); der also auch sie ertragen und gehalten hat. Gott, ein Vorbild an Duldsamkeit, das am Ende mir zugute kam; damit ich es möglichst bald auch an andere weitergeben würde.
Am Mikrophon verabschiedet sich Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
Gedulds-Faden
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