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Aus-Rangiert
In einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen sind die meisten Friedhöfe in städtischer Hand. Und folgerichtig ihre Trauerhallen und Kapellen auch.
In ihnen bin ich berufsmäßig sozusagen ganz oft beschäftigt. Die Räume für die Trauerfeiern sind - wie soll ich sagen? keine sehr erbaulichen Orte. Meinen Talar ziehe ich immer in einer Abstellkammer an. Da stehen auch Gartengeräte, schmutzige Stiefel und zerfledderte Liedzettel. Und die Trauerhallen selber, nun, man merkt ihnen an, dass irgendwie eine liebevolle Hand fehlt. Die Mobiliar, Kerzen, Schmuck und damit auch die Seelen der Besucher durchgehend pflegen würde. Alles atmet den Hauch einer etwas verwahrlosten Durchgangsstation.
Eines Tages aber steht ohne jede Vorankündigung plötzlich eine neue Bestuhlung da. Nun, ganz neu sind die hohen Sitze nun auch wieder nicht. Denn irgendwie kommt mir ihr Türkis bekannt vor. Richtig, jetzt fällt es mir wieder ein: In meiner Kindheit standen sie in der größten Konzerthalle der Stadt. Jetzt waren sie, etwas verschlissen, aber immer noch besser brauchbar als ihre angeknacksten Holzvorgänger, auf dem Friedhof gelandet. Zuerst grollt etwas in der Tonart Moll mir. Ist es wirklich so, dass man für die Abschiedsfeier von einem Menschen nur ausrangierte, zweite Ware einzusetzen bereit ist, weil er sowieso nichts mehr davon mitbekommt? Und die Angehörigen sie mit ihrer meist immer noch schwarzen Trauerkleidung milde zudecken? Aber beim Orgelvorspiel und da geben viele Musiker immer noch das Beste vom Besten verändern sich plötzlich meine Gefühle - von Note zu Note.
Ich sehe die türkisfarbenen Stühle in einer anderen Tonart und denke mir jetzt dabei: Was haben diese Sitze nicht alles an wunderbarer Musik hören dürfen? Kammermusik von Beethoven. Symphoniekonzerte von Brahms. Große Chorauftritte. Aber auch immer die Prinzenproklamation zu Beginn des Karnevals. Ihre ganze musikalische Lebensgeschichte steckt in der Polsterung. Und damit verzaubern sie für mich auch die dunkle Trauerkapelle. Sie erzählen etwas über die Zeitenläufe, die der Verstorbene vielleicht sogar persönlich auf einem der Stühle sitzend miterlebt hat. Die Modeerscheinungen und Musik-Interpretationen. Politische Versammlungen und Pressebälle. Und dieses ganze bunte Leben zieht jetzt auf dem Friedhof noch einmal vorbei. Denn die Bestuhlung war ja bei allem dabei gewesen und lässt leise Zeitgeist und Zeitgeschichte, die Lebenswelt des Verstorbenen also, aufleuchten.
So ist es ja oft auch in anderen Kirchen und Gotteshäusern. Viele, viele Generationen vor uns haben in diesem Räumen gesungen, geklagt, lachend geheiratet, geschwiegen und manchmal einfach nur dagesessen. Und der Gehalt ihrer Texte, Lieder und Gebete, er hat sich in den Balken, Giebeln, Statuen und Säulen, auf dem Buntglas und unter den Altären gesammelt. Und ist dort heute immer noch spürbar. Wie die Heimat eines guten Geistes, der ununterbrochen vom farbigen Leben und einer großen Seligkeit erzählt. Leise und zart. Für denjenigen aber, der dafür sein Herz zu öffnen bereit ist, auch voller Töne in Dur und mit Trost. Und genau das machen inzwischen bei jeder Beerdigung auch meine türkisfarbenen ehemaligen Konzertstühle in der Friedhofskapelle. Für mich. Vielleicht für andere auch. Sie sind alt. Aber längst nicht verbraucht. Sondern äußerst erfahrungsgesättigt. Genau wie der ältere Mensch, den wir gleich zu Grabe tragen werden. Auch dessen Leben erscheint durch die beredten Stühle noch einmal hellwach. Übrigens zusätzlich mächtig unterstützt von ausrangierten Gesangbüchern einer überlebten Ausgabe der 60er Jahre. Die sich auch noch einmal mit allen Kräften auf dem Friedhof räuspern. Überlebt? Oh nein, auch sie stecken voller Töne und Stimmen, die überfließen von unzähligen Lebensgeschichten. Und bereichern zuletzt auf ihre Art die Feier zu einem wunderbar gelungenen Fest des Lebens.
So einen Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
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