Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.05.11, Pfarrer Max Koranyi

Sonder-Angebot

Der Fisch ist ein altes christliches Symbol. Und außerdem sehr gesund. Das liest man immer wieder.

Deshalb schaue ich mir vor jedem Einkauf den Werbezettel meines Supermarktes für die neue Woche an. Neulich stand drin: „Schlemmerfisch“. Für 1,77 Euro. Das ist ein sehr guter Preis. Vielleicht, weil er vierzig Jahre alt geworden ist. Die Marke. Nicht der Fisch. Ein Vorratskauf lohnt also auf jeden Fall. Sicherheitshalber schaue ich vorher noch einmal in die Zeitung. Ich habe davon zwei. Und da gibt’s jetzt ein Problem. Während die regionale Zeitung ganzseitig ebenfalls den “Schlemmerfisch“ anpreist, wagt die überregionale ganz keck noch eins draufzulegen: Nicht bloß der „Schlemmerfisch“ wird hier preisgünstig feilgeboten. Daneben steht noch ein Bild von einem „Feinfilet“. Das ist die Nummer drüber. Noch zarter. Und auch nur für 1,77 Euro. Ich habe mich entschieden und werde von jedem drei Exemplare erwerben.

Kaufe ich wenig, stelle ich mich schon mal an der Sonderkasse Post, Lotto, Tabakwaren an. Dort kann man nämlich auch zahlen. Der “Schlemmerfisch“ geht problemlos durch den Scanner. Aber dann: Das „Feinfilet“ zeigt den satten, vollen Preis. Nichts reduziert. Ich frage nach. Ich verweise auf die Anzeige in der überregionalen Zeitung „Da muss ich den Chef fragen“, sagt die verunsicherte Dame, „oder fragen Sie doch erst mal an der Normalkasse.“ Das tue ich. Aber die Kassiererin dort kann nicht von Außen in den Post-, Lotto-, Tabakwaren-Vorgang eingreifen. Also zurück. Da hat sich aber inzwischen auch etwas getan.. Ein Postkunde mit roter Karte in der Hand will sein Paket. Und das ist nicht auffindbar. Nun darf man nicht vergessen: Ich stehe mit sechs Packungen Tiefkühlfisch in der Hand, und die werden ja auch immer wärmer. Schwitzig wie ich selber.

Da nähert sich ein recht distinguierter Herr von hinten, klopft mir auf die Schulter und fragt: „ Kennen Sie sich mit Konfirmationen aus?“ Ich bin überrascht. Verstanden hätte ich noch, wenn er mich als Fisch-Vertreter deklariert hätte. Aber er meint es wirklich ernst. Mit der Konfirmation. Das sehe ich seinen freundlichen Augen an. Ganz professionell gelingt es mir, ihm zu antworten: „Ich bin der Dorf-Konfirmator“. Obwohl ich einen Moment lang doch versucht bin, in all meiner Sonderangebots-Hilflosigkeit loszuschreien „Nein, ich bin  der Fisch-Terminator und beende gleich das grausame Preis-Spiel!“ Aber das tue ich  nicht. „Konfirmator“, nickt mein Gegenüber. „So hat man mir mit Hinweis auf  Sie an der Käsetheke gesagt.“ Und fährt dann fort: „Wann ist dieses Jahr die letzte Konfirmation in Ihrer Kirche?“ So etwas habe ich natürlich bestens im Kopf: „Nächsten Samstag. Am 21.Mai. Aber wozu...?“ Ich hätte gar nicht nachzufragen brauchen. Die Erklärung kommt. Er zieht den Hut. Er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand. „Glückwunschkarten-Grossist“ steht drauf. Und sein Name natürlich. „Sagen Sie“, fährt er fort, „gibt’s hier im Dorf mehr Kommunion oder mehr Konfirmation?“ Das weiß ich natürlich auch alles, anders als bei den Fisch-Preisen: „Im Kirchspiel Stieldorf sind 2/3 katholisch und 1/3 evangelisch.“ „Sehr hilfreich“, murmelt er. „Ich bestücke nämlich den Glückwunschkartenständer. Dann lohnt es sich ja doch noch, bis zum Wochenende nachzuliefern.“

Er bedankt sich und zieht noch einmal den Hut. Inzwischen steht der Chef neben mir. Ich erkläre, dass doch beide Fischsorten im Angebot seien. „Ja“, sagt der Chef, „ich sage der Zentrale immer wieder: Plant eure Anzeigen doch bitte deutschlandweit kompatibel. Dann würde uns allen so ein Werbemischmasch erspart bleiben..“ Mit anderen Worten: Ich hätte mich auf meine bekannte Region beschränken sollen. So verfrachte ich die „Feinfilets“ rechtzeitig vor ihrer Auflösung  in ihr angestammtes Eisfach. Und, komisch, ich bin nicht einmal sauer. Freue mich stattdessen, wie gut ich mich zumindest in meinem „Einsegnungs-Fach“ auskenne Und über die wundersame Fischverwechslung, die mit dafür gesorgt hat, dass meine Konfirmanden in einer Woche mit den schönsten Gratulationsgrüßen versorgt werden.

Am Mikrophon verabschiedet sich Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.

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