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Wieder-Begegnung
Ich hatte als Kind krumme Zähne. Aber ganz aufrechte Eltern. Und so wurde ich von ihnen einmal die Woche zu einem Zahnarzt geschickt, dessen Klammer-Kunst sie richten sollte.
Es war für mich als schüchterner Zehnjähriger ein weiter Weg. Von Bonn-Dottendorf nach Beuel. Zum Glück fuhr genau diese Strecke die Linie 2 der Straßenbahn.
Von der Zielstation aber waren es bis zum Zahnarzt nur ein paar Schritte.. Ich entsinne mich, dass ich von einer Sprechstundenhilfe immer ausgesprochen freundlich empfangen und in einen Raum geführt wurde. In dem dunklen, mit grünen Polstermöbeln ausgestatteten Wartezimmer saß ich meist alleine, vor mir ein runder Tisch mit Exemplaren der Zeitschrift Praline, die übrigens damals als Mode- und Hausfrauenblatt noch gänzlich jugendfrei war.
Die Zahnspange wurde gerichtet. Und ich fuhr wieder zurück. Ach ja, die Fahrkarte: Der Schaffner auf einem eigenen Thron im hinteren Wagenteil riss sie aus einem kostbaren Holzbuch heraus. 50 Pfennig, glaub ich, für Hin- und Rückfahrt. Wenn ich Glück hatte, schenkte er mir die abgerissenen Blöckchen. Sie wirkten irgendwie kostbar und begründeten meine unstillbare Sammelleidenschaft..-
Am vergangenen Samstag machte ich einen Geburtstagsbesuch zum 80.. Ich frage, was die Jubilarin früher beruflich gemacht hat. Sie sagt: Ich war Zahnarzthelferin und Technikerin. Vorher schon hatte sie mir erzählt, dass sie in Beuel groß geworden war. Evangelisch im knatschkatholischen Beuel schon recht ungewöhnlich. Ja, fährt sie fort, das war bei Dr..Linder, Medizinalrat Dr. Linder, 16 Jahre lang.. Blitzschnell realisiere ich: Das war ja er, mein Klammer-Zahnarzt, von vor fünfzig Jahren. Damals war die Zahnarzthelferin 30. Das haut also genau hin. Sie muss es also gewesen sein, die mir die Tür aufgemacht hat, mich ins Behandlungszimmer bat und mir das Papierlätzchen umband. Immer war sie zu mir, einem etwas unbeholfenen Schlaks, ausgesprochen freundlich gewesen. Einmal, bei Schmerzen, hatte sie mir sogar die Hand gehalten und mich getröstet. Aber als Kind hält man so was ja für selbstverständlich.
Jetzt aber hat sich alles gedreht. Ich bin es heute, der ganz für sie da ist, besuche sie mit Buchgeschenk als ihr Pfarrer zum Geburtstag und halte ihr nun die Tür zum Wohnzimmer auf. Das wiederum ist für sie ganz selbstverständlich und normal. So sollte es ja auch sein. Weil diesmal mein Hilfsdienst das so mit sich bringt. Und doch ist da eine geheimnisvolle Verbindung zwischen uns beiden: Denn ich darf ihr heute unbewusst etwas zurückgeben von ihrer damaligen liebenswürdigen Aufmerksamkeit.
Die Beziehung ist geblieben, wir haben nur die Plätze getauscht. Die Zeit, die Jahre verändern unsere Rollen. Damals waren wir Empfangende. Jetzt sind wir die Gebenden. Eine Zeitlang. Bis die Zeit wieder einmal weitergelaufen ist. Dann, irgendwann wird sich alles wieder ändern. Dann könnte mich ein Arzt behandeln, den ich vielleicht einmal getauft habe. Wir nehmen. Wir geben. Wir nehmen. Eine ewige Wieder-Begegnung, weil wir Menschen, schreibt der Dichter Eduard von Keyserling ja doch alle einer auf den anderen angewiesen sind. - Und bleiben, damit es auch weiterhin menschlich unter uns zugeht.
Einen in diesem Sinne gelungenen Tag wünscht Ihnen Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
Wieder-Begegnung
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