Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.05.11, Pfarrer Martin Vogt

Verlassen (Psalm 23)

Als die Tür ins Schloss gefallen war, starrte er erst einmal ungläubig auf das lackierte Holz vor ihm. Jetzt war es wirklich passiert.

Sie hatte ihn verlassen, war ausgezogen und fuhr nun zu dem anderen. „Sie ist weg!“ Dieser Satz kreiste in seinem Kopf wie eine dicke Fliege um eine Lampe. Er konnte nicht weinen, er hatte keine Kraft, um zu schreien. In ihm war nur dieser eine Satz: „Sie ist weg!“

Vor ein paar Wochen hätte er sich das noch nicht vorstellen können. Im Nachhinein nannte er sich natürlich einen Idioten, aber er hatte überhaupt nichts bemerkt. Bis sie ihm eines Abends eröffnete, sie würde ihn verlassen. Sie hätte sich neu verliebt, sei damit so glücklich wie schon lange nicht mehr und wolle sich diese Chance nicht entgehen lassen. Das war für ihn ein Schock. Klar war es nicht mehr so lustig gewesen wie am Anfang ihrer Beziehung. Sie waren ja auch schon ein paar Jahre zusammen. Aber es lief doch eigentlich alles ganz gut. Viel Arbeit halt und manchmal auch ziemlicher Stress. Aber trotzdem hätte es doch einfach so weitergehen können, fand er.

Sie sah das offenbar anders. Und als ihm klar wurde, wie ernst sie es meinte, war es zu spät. Alles Reden, alles Bestürmen, alle Versprechungen nutzten nichts mehr. Sie hatte sich entschieden. Und wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hatte, dann zog sie es auch durch. Das wusste er. Das hatte ihm eigentlich auch immer an ihr gefallen, dass sie Sachen nicht liegen ließ, sondern anpackte und am Ball blieb, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. Er hatte sich häufig darauf verlassen, dass sie die Dinge schon regeln würde. Aber die geschlossene Tür, vor der er jetzt stand, machte ihm deutlich, dass diese Zeiten vorbei waren.

Als er ein paar Tage später zusah, wie der Kaffee durch die Maschine lief, ging ihm ein Satz durch den Kopf: „Wenn ich auch durch ein finsteres Tal wandern muss, bist du doch bei mir.“ Oder so ähnlich. Der Satz war aus einem Psalm, den mussten sie damals im Konfirmandenunterricht auswendig lernen. Das hatte er total blöd gefunden. Aber dieses Bild mit dem finsteren Tal, das fand er damals ganz plastisch. Er hatte dieses Tal richtig vor Augen gesehen, umgeben von hohen Bergen, so dass die Sonne kaum hineinscheinen kann. Und da muss man durch - das hatte seine Fantasie von Entdeckungsreisen und Abenteuern angeregt.

Jetzt passte dieses Bild auf ganz andere Weise zu seiner Situation. Denn in der Tat sah es bei ihm ganz schön finster aus. Er hatte sich zwar vom ersten Schock erholt und versuchte nun, sein Leben in den Griff zu bekommen. Aber das fiel ihm noch ziemlich schwer. Und die Vorstellung, dass jemand bei ihm sein könnte, der ihm hilft, die konnte er gut gebrauchen.

„Wenn schon niemand Sichtbares da ist, dann wenigstens Gott.“ Im ersten Moment grinste er etwas spöttisch bei diesem Gedanken. Aber andererseits war das ja genau das, was er jetzt brauchte: Dass jemand für ihn da war,  ihn unterstützte, ihm half, damit er aus seinem Loch wieder herauskam. Dass jemand ihm einen Weg zeigte, eine neue Perspektive für sein Leben. Und auch wenn er sich nicht als besonders gläubigen Menschen bezeichnet hätte - er musste zugeben: Für das, was er jetzt brauchte, war Gott ein ziemlich guter Partner.

Audiobeitrag Verlassen (Psalm 23)


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