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Hängen lassen
Ein Freund ist jemand, bei dem man sich mal hängen lassen kann. Auf der Postkarte, die dieser Satz ziert, sind zwei Igel abgebildet,
die ihre Stacheln an der Garderobe aufgehängt haben. Nun sitzen sie gemütlich zusammen und unterhalten sich angeregt miteinander. Das ist ein schönes Bild. Und eine schöne Vorstellung: Einen Freund oder eine Freundin zu haben, wo man sich mal hängen lassen kann, wo man keine Stacheln oder sonstigen Verteidigungswaffen braucht. Wo man einfach über irgendetwas nett plaudern kann und die Welt in Ordnung ist.
Das gehört auch mit Sicherheit zu einer Freundschaft dazu. Aber ich finde, das kann nicht alles sein. Wenn ich mich hängen lasse, also einfach mal so sein darf, wie ich wirklich bin, dann kann ich dafür nicht unbedingt meine Stacheln ablegen. Die gehören schließlich zu mir. Vielleicht kommen sie im Gespräch mit dem Freund sogar erst richtig zum Vorschein. Weil ich merke, dass ich jetzt nicht mehr nett und höflich, ausgeglichen und gut gelaunt sein muss. Sondern zeigen darf, wie es in mir brodelt. Und dann kann es gut sein, dass auf einmal allerlei Ärger herauskommt und Frust, vielleicht Aggressionen, möglicherweise sogar gegen den Freund oder gegen die ganze Welt, was weiß denn ich! Wenn ich erst mal anfange, ehrlich zu sein, kann ich so schnell nicht wieder aufhören.
Das ist dann keine nette Plauderei mehr. Aber umso befreiender. Und umso wichtiger. Schließlich tut es ja gut, bei einem Freund oder einer Freundin auch mal die nicht so schönen Seiten zeigen zu können. Also die, die man sonst lieber unter einer starken Außenhaut verbirgt. Die Brüche und Kanten, Risse und Verletzungen. Oder eben die Stacheln, die man sonst nicht zeigen darf. Weil sich das nicht gehört oder weil man Angst vor den Folgen hat. Oder weil man sich einfach nicht traut.
Bei einem guten Freund aber muss man so was mal rauslassen dürfen. Von einem guten Freund erwarte ich auch, dass er das aushält. Dass er mit dem klar kommt, was hinter meiner Fassade ist. Und nicht nur die netten Seiten akzeptiert. Sondern auch die weniger netten.
Von Gott erwarte ich das übrigens auch. Vor Gott will ich ja auch nicht nur gute Laune haben und friedlich, freundlich und geduldig sein. Ich will Gott nicht nur artig Danke! sagen für das, was ich von ihm Gutes bekommen habe. Das ist zwar wichtig. Aber wenn ich mich darauf beschränken müsste, wär das, wie wenn ich mit meinem Freund immer nur nett plaudern dürfte und dabei so tun müsste, als wär alles in bester Ordnung. Aber bei mir herrscht nun mal nicht überall eitel Sonnenschein.
Und weil das so ist, müssen sowohl meine Freunde wie auch Gott zwischendurch mal Tacheles vertragen, sich meine Sorgen genauso anhören wie meinen Ärger, meinen Frust ebenso wie meine unerfüllten Sehnsüchte. Wie bei meinen Freunden will ich auch gegenüber Gott nicht fröhlich sein müssen, wenn mir zum Heulen zumute ist und nicht nett, wenn ich voller Ärger stecke. Und wenn ich Stacheln habe, dann will ich die nicht erst an der Garderobe abgeben müssen, um mit Gott reden zu dürfen.
Aber - wenn es sogar Menschen gibt, die das aushalten, dann ist eigentlich nicht einzusehen, warum ich Gott das nicht auch zutrauen soll. Gott gibt uns ja gerade die Zusage, dass er sich anhört, was wir zu sagen haben. Egal, worum es geht. Und egal, ob wir dabei unsere Stacheln abgelegt oder aufgestellt haben.
Hängen lassen
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