Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.05.11, Stefanie Schardien

Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen...

„Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen…“ So beginnen neuerdings auffallend häufig Sätze in Diskussionsrunden, vom Stammtisch bis zur Talkshow.

Weiter geht es dann z.B. so: Man wird ja wohl – Emanzipation hin oder her – noch mal sagen dürfen, dass ein Kind seine Mutter braucht. Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen, dass man sich unwohl fühlt, wenn zu viele Ausländer ins Viertel ziehen; dass man für die eigenen Kinder was Besseres als die Schule im sozialen Brennpunkt will; dass man trotz aller Ökokatastrophen Spaß an seinem dicken Schlitten hat. Und man wird ja wohl noch mal sagen dürfen, dass man keine Lust hat, die Arbeitslosen durchzufüttern, die auf der faulen Haut liegen.

Solche Sprüche funktionieren prima: Als scheinbare Kleinigkeiten getarnt gehen sie nämlich schwer ans Eingemachte. Sie erwecken den Eindruck, doch etwas ganz Selbstverständliches zu sagen. Als würden endlich mal jemand die Sache auf den Punkt bringen. Ende aller komplizierten Diskussionen. Worum es dabei aber eigentlich geht, sind fast immer ziemlich rückwärtsgewandte, reißerische Meinungen. Gegenargumente wollen die Sprücheklopfer nicht hören, z.B. dass Kinder ja auch prima in Kitas groß werden, dass Spritschleudern keine Zukunft haben dürfen und dass eben nicht der türkische Laden an der Ecke, sondern Intoleranz ein Desaster für unsere Gesellschaft ist.

„Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen…“ Ja, natürlich, aber was noch viel sinnvoller wäre, damit man es sich nicht ein kleines bisschen zu leicht macht: Erst denken, dann reden.

Sprecherin: Alexa Christ

Audiobeitrag Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen...


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