Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.05.11, Pfarrer Joachim Gerhardt

„Der Herr ist mein Hirte“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes seit mit Euch allen. Amen.

1. Bilder von Gottes Wirken

Sprecherin: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Pfarrer: Dieses alte und so bewährte Gebet, liebe Gemeinde, leitet uns auch durch die Predigt. Der Hirte, die grüne Aue, die Quelle, die einen erquickt, der reich gedeckte Tisch, der einen erwartet. Für mich könnten die Bilder des Psalms 23 aus einem Bergwanderführer oder einem Reiseführer stammen.

Das sind Bilder wie aus einem Urlaubskatalog. Bilder für die Seele. Der Psalm will uns aber nicht in die Ferne führen. Wir müssen auch nicht in die Lüneburger Heide pilgern, damit sich die Vorstellung vom guten Hirten entfalten kann. Jeder Mensch kann in seinem Umfeld etwas spüren von Gottes Wirklichkeit, so wie der Psalm sie uns vor Augen malt. Und dankbar sollten wir festhalten, wo wir Schutz, Geborgenheit und Vertrauen in unserem Leben finden.

Sprecherin: Mir wird nichts mangeln.

Pfarrer: Objektiv gesehen haben wir wenig Mangel. Wir leben in einem reichen Land. Essen und Trinken stehen immer auf unserem Tisch. Wir müssen uns nicht fürchten, dass nachts wilde Tiere über uns herfallen, so wie das zu den Zeiten war, als der Psalm entstand. Und doch ist das finstern Tal manchmal nicht weit.Es gibt Ereignisse und Situationen, die uns dann nach Gott rufen lassen. Ängste oder eine schwere Krankheit sind so ein finsternes Tal, es kann die Einsamkeit sein oder die Mutlosigkeit. Dann ist die Not auf einmal groß und die Sehnsucht auch, nach einer grünen Aue und nach frischem Wasser.

Marin Luther, der Namenspatron unserer Kirche hat diesen Psalm 23 so sprachprägend ins Deutsche übersetzt hat. Er hat viel Kraft aus den Psalmen geschöpft und hat bei sich selbst gespürt: Unsere Seele dürstet nach Bildern, die wir uns vor Augen führen können, wenn wir Gott suchen.

Sprecherin: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

2. Unsere Bilder von Gott

Pfarrer: Für Martin Luther waren die Psalmen Bilder von Christus. So wie das Jesus im Johannes-Evangelium für diesen Sonntag ja auch von sich gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte.“

Ich bin mir sicher: jeder Mensch hat Bilder von Gott vor seinem inneren Auge. Nicht wenige haben ein bedrohliches Bild: das Bild von einem strafenden Gott. Bei anderen ist das Bild eher unklar: da ist Gott weit weg, wenn überhaupt nur schemenhaft zu erkennen.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln hält dagegen: Sein Bild von Gott ist nicht bedrohlich – es ist voller Vertrauen: Der gute Hirte. Die Bilder von Gottes Wirken sind nicht dunkel – sie sind hell. Sie sind nicht diffus – sie sind ausgesprochen klar.

Ich wünsche jedem von uns, dass er solche Bilder in sich trägt. Bilder, die Vertrauen schaffen und dass er spüren kann: Der Herr ist mein Hirte, er ist Hirte auch für mich. Er ist auch für mich die grüne Aue, die Quelle, die mich erquickt, der reich gedeckte Tisch, der auf mich erwartet.

3. Die Welt braucht heile Bilder

Unsere Welt, unsere Mediengesellschaft ist stark von Bildern geprägt. Nur sind das andere Bilder, nicht so heile wie in dem Psalm 23:
- Ich sehe die ausgebrannten Atommeiler in Fukushima.
- Ich sehe Leichen im staubigen Straßenrand in Libyen.

Das sind zwei Katastrophenbilder von vielen, die in den vergangenen Wochen um die Welt gegangen sind und die sich tief in meine Seele eingebrannt haben. Heillose Bilder von menschengemachter Zerstörung und einer von uns nicht beherrschbaren Technik.
Meine Seele sucht nach Bildern, die meinem Leben einen Halt geben:

Sprecherin: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele und führet mich auf rechter Straße.

Pfarrer: Unsere Welt braucht diese Bilder. Wir haben als Christen die Aufgabe, diese Bilder der Welt vor Augen zu führen. Uns selbst immer wieder, sicher, aber eben auch unseren Nachbarn und vor allem unseren Kindern. Wir haben die Aufgabe, von der Sehnsucht und der Hoffnung erzählen, die diese Bilder vermitteln. Vielleicht sogar von ihnen zu singen …

[Musik „Little Lamp“ 2:30]

4. Endloses Vertrauen

Der Psalm 23 erzählt vom Vertrauen. Und was das Vertrauen angeht, da sind wir gefragt: Wir stellen, wie die Schafe dem Hirten, unser Vertrauen zur Verfügung. – Und im Gegenzug sozusagen deckt Gott uns den Tisch, führt uns zur grünen Aue und an das frische Wasser.

Manche hören den guten Hirten und denken bei sich: Tja, blindes Vertrauen. Das ist nicht meins. Da ist der Hirte, ich bin das Schaf, mache die Augen zu und folge irgendwie dem Hirten hinterher, egal wie. Das entspricht so gar nicht dem Selbstbild eines klugen Menschen. Allerdings: So doof sind Schafe nicht. Sie sind sogar durchaus kluge Tiere. Denn sie wissen genau: in der Wüste wird es lebensgefährlich, wenn sie die Herde verlassen. Und sie wissen vielleicht besser als mancher von uns, welchen großen Wert Gemeinschaft hat.

Andere hören den guten Hirten und die schönen Bilder dieses Psalms und denken: Das ist mir alles zu schön geredet, zu leicht gesagt. Diese frommen Worte können das Schwere des Lebens und die Wucht meiner Lebenserfahrungen nicht aufwiegen.
Aber der gute Hirte verschweigt gerade nicht das Elend, das unsere Welt bedroht. Leiden gehört zum Leben mit dazu. Vertrauen heißt nicht: wir könnten uns locker und leicht an den dunklen Tälern des Lebens vorbeischleichen. Beim guten Hirten ist immer beides: beim dunklen Tal auch die grüne Aue, da ist im Angesicht der Feinde eben auch der gedeckte Tisch. Dieses „Beides“ macht den Psalm für mich so wertvoll.

Ich denke an die Bilder aus meiner Kindheit: Wenn ich bei einer Krankheit von den Eltern gepflegt wurde. Ich lag mit Fieber im Bett und sie wachten an meiner Seite. Oder ich kam nach der OP im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein, spürte die Hand der Eltern und auf der Bettdecke lag das Modellflugzeug, das ich mir schon so lange gewünscht hatte. Ich habe Bilder vor Augen von Streits mit Jungs auf der Straße, von blutenden Knien und wusste doch, wenn ich um Viertel vor Sieben zum Abendbrot nach Hause komme, da ist dann der gedeckte Tisch, da ist Frieden und die Welt wieder in Ordnung.

Sprecherin: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Pfarrer: Nicht blindes Vertrauen ist angesagt. Nein, es geht um endloses Vertrauen. Für meinen Glauben heißt das: Ich setze Vertrauen auf etwas, das weiter greift als ich selbst ermessen kann, sogar über den Tod hinaus.

5. Selbstvertrauen und Gottvertrauen

Ich gebe zu: wir Menschen heute neigen dazu, diesen von Luther so wunderbar übersetzten Psalm auf unsere Weise zu übertragen. Dann heißt es – und dazu muss man an Worten gar nicht viel ändern:

Sprecherin: Ich bin mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Ich weide mich  auf einer grünen Aue und gehe selbst  zum frischen Wasser. Ich erquicke meine Seele und fürchte kein Unglück, auch nicht im dunklen Tal, denn ich finde schon die rechte Straße.

Pfarrer: So ein Selbstvertrauen ist gut. Und ich wünsche jedem Menschen, dass er damit weit kommt und weiß, wann er daraus schöpfen kann. Ich weiß aber auch: es gibt eine Grenze für jedes Selbstvertrauen. Darum sind Sich-Selbst-Vertrauen und Gott-Vertrauen für mich keine Gegensätze. Ich widerspreche energisch allen Menschen, die das behaupten.

6. Ich packe meinen Rucksack

Liebe Gemeinde, es gibt das beliebte Kinderspiel „Ich packe meinen Rucksack“. Die Kunst ist es, möglichst viele Dinge zu behalten, die man sich da vor der großen Reise in den Rucksack eingepackt hat, und diese auch immer wieder benennen zu können. Tipp dazu: Man sollte sich nur das mitnehmen, was man wirklich braucht. Dieses Spiel ist durchaus lebenstauglich. Denn auch auf der großen Reise durch unser Leben tragen wir einen Rucksack auf dem Rücken. Darin befinden sich die Dinge, es sind Erfahrungen und Worte, die wir brauchen, um im Leben zu bestehen. Es wird Sie nicht wundern, wenn ich Ihnen jetzt sage, was in meinem Rucksack einen festen Platz hat. Dieser Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“. Er ist so etwas wie das Schwarzbrot auf der Bergwanderung.

Unsere Hochleistungs-Gesellschaft formuliert hohe Ansprüche an jeden einzelnen Menschen: maximal selbständig und lebenstüchtig, flexibel und leistungsstark muss heute jeder sein. Und die Rucksäcke, die uns diese Gesellschaft anbietet, werden entsprechend
immer schicker, windschnittiger und multifunktionaler. Was ich aber reinpacke in meinen Lebens-Rucksack, dafür bekomme ich wenig Hilfe. Das muss ich selbst entscheiden. Der gute Hirte ist mein Reisegepäck. Auf ihn kann ich zurückgreifen,
- wenn ich eine Vorstellung brauche, warum ich Gott dankbar sein kann,
- aber auch, wenn die eigenen Kräfte nachlassen
- oder ich spüre, dass sie zu Ende gehen.

Sprecherin: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal …

Pfarrer: und ob mich schon schwere Gedanken quälen, dunkle Stunden sich über meine Seele legen; ob mich schon das Leid meiner Mitmenschen entsetzt und die Ohnmacht in dieser Welt mir in die Knochen fährt, bist Du, Gott, bei mir und hältst mich fest an Deiner Hand.

Und der Friede Gottes, der so viel höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen  und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 24.07.2011 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev.-methodistischen Kirche Bochum gesendet. Die Predigt hält Pastor Rainer Mittwollen.


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen