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Arbeit als Würde und Bürde
Es ist schon seltsam mit dem ersten Mai. In allen Kalendern, die ich nachgesehen habe, steht Tag der Arbeit unter diesem Datum, und er ist als Feiertag markiert.
Aber in allen Feiertagsgesetzen der deutschen Bundesländer, bis auf drei, ist nur das Datum genannt. Warum und wieso der 1. Mai ein Feiertag ist, steht nicht da. Nur in Brandenburg und Sachsen heißt er ausdrücklich Tag der Arbeit. In Nordrhein-Westfalen aber steht im Feiertagsgesetz:
Zitatsprecher: der 1. Mai als Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde.
Autor: Kein ausdrückliches Wort von der Arbeit. Dabei fing die Geschichte des 1. Mai genau damit an: Mit dem Kampf amerikanischer Arbeiter für erträgliche Arbeitszeiten und gerechten Lohn. In diesem Kampf ging es auch um den Wert von Arbeit, um Macht, um Gerechtigkeit, um die Frage, was eigentlich zum Menschsein gehört und um die Frage, wer den Arbeitern in diesem Kampf hilft. Die Kirche hat sich dabei nicht immer mit Ruhm bedeckt. Mir als einem Mann der Kirche fällt es nicht leicht, das einzugestehen, aber es muss um der Wahrheit willen sein. Ich heiße Traugott Vitz und wünsche Ihnen einen guten Morgen. Ich bin evangelischer Gemeindepfarrer in Hilden bei Düsseldorf.
Arbeit, das weiß jeder, gehört seit jeher zum Menschen. Aber sie wird sehr verschieden erlebt. Da gibt es die einen, die sich jeden Morgen mit hängenden Schultern auf den Weg machen. Tretmühle. Quälende Schufterei. Und es gibt die anderen, die sogar im Rentenalter noch herumwerkeln, weil sie es nicht aushalten, auch nur einen Tag untätig zu verbringen. Für die ist Arbeit also unverzichtbar, ein Grundbestandteil für ein menschenwürdiges Leben und für die anderen ein Fluch.
Musik: Lied der Arbeit (Text: Josef Zapf, Musik: Josef Scheu / Ausführende: Chor CHEMIE-Linz, Leitung und Chorsatz Fritz Hinterdörfer)
Stimmt an das Lied der hohen Braut, Die schon dem Menschen angetraut, Eh' er selbst Mensch war noch. Was sein ist auf dem Erdenrund, Entsprang aus diesem treuen Bund. Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!
Und wie einst Galilei rief, Als rings die Welt im Irrtum schlief: Und sie bewegt sich doch! So ruft: Die Arbeit, sie erhält, Die Arbeit, sie bewegt die Welt! Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!
Autor: Ob Arbeit etwas Positives, ja sogar Schönes ist oder nicht die Antwort auf diese Frage fällt verschieden aus, je nachdem, wen man fragt. Ein Fließbandarbeiter erlebt seine Arbeit ganz anders als zum Beispiel ein Künstler. Auch auf die Menge kommt es an. Mein Urgroßvater hat Mitte des 19. Jahrhunderts noch über 70 Stunden in der Woche gearbeitet. Wir heute arbeiten nur gut die Hälfte davon.
Wie einer über die Arbeit denkt, hängt also ganz stark von der Zeit ab, in der er lebt, und von seiner sozialen Stellung. Ob er arbeitet, um seinen Unterhalt zu verdienen, oder ob er arbeitet, um sich zu verwirklichen. Und außerdem davon, ob er von der konkreten Arbeit redet, die seinen Tag bestimmt, oder von der Arbeit an sich und quer durch die Jahrhunderte. Das Entweder-Oder trifft es also anscheinend nicht.
Arbeit hat immer ein Doppelgesicht. So sieht es auch die Bibel. Nach der Schöpfungsgeschichte gab es für den Menschen schon im Paradies, bevor alles schief ging, den Auftrag, die Erde zu bauen und zu bewahren . Arbeit hat damit eine hohe Würde, denn sie ist Teil von Gottes Weltregierung. Aber dann gerät sie unter einen Fluch:
Zitatsprecher: Verflucht sei der Acker um deinetwillen
Autor: muss sich Adam anhören, und:
Zitatsprecher: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.
Autor: Der Grund für diesen Fluch ist der Sündenfall. Soll heißen: der Mensch hat sich aus eigenem Entschluss aus dem Einklang mit Gott verabschiedet. Erst deshalb und seitdem wurde Arbeit zur Mühsal und schmeckt bitter. Der Mensch arbeitet jetzt nach seinem eigenen Kopf; anders kann er auch nicht mehr. Der Erfolg der Arbeit wird fraglich und ihre Würde bekommt Löcher. Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie Menschen mit der Arbeit umgehen.
Wo Arbeit nicht mehr freudig getan werden kann, da neigt man dazu, sie sich zu ersparen. Weil aber nun mal gearbeitet werden muss, weil sonst der Hunger droht, lässt man möglichst andere arbeiten, Sklaven zum Beispiel, Kriegsgefangene, Untertanen. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man die Macht dazu hat. Wer arbeiten muss und wer arbeiten lassen darf, wird also zu einer Frage, die mit Oben und Unten in der Gesellschaft zu tun hat. Das selbe gilt von der Verteilung der Arbeit: Wer körperlich anstrengende Arbeit verrichten muss, und wer sich in Muße geistiger Beschäftigung widmen darf. Auch der arbeitet ja, aber jemand wie der römische Politiker Cicero aus dem 1. Jahrhundert vor Christus schreibt halt Bücher und hält Distanz zur Lohnarbeit:
Zitatsprecher: Wer seine Arbeit für Geld hergibt, verkauft sich selbst und stellt sich auf eine Stufe mit den Sklaven.
Autor: Dieser Stand der Dinge darf natürlich möglichst nicht in Frage gestellt werden, sonst ist es mit den Privilegien der Reichen und Mächtigen vorbei. Also muss man zusehen, dass die Handarbeiter viel zu erschöpft sind, um über ihre Lage noch groß nachzudenken.
Zitatsprecher: Man drücke die Leute mit Arbeit, dass sie zu schaffen haben und sich nicht um falsche Reden kümmern.
Autor: Diese Weisheit könnte von einem Konzernchef des 19. Jahrhunderts stammen aber sie ist viel älter. Als das Volk Israel in Ägypten Zwangsarbeit leistete und sich unter Moses Führung dagegen auflehnte, soll der Pharao diese Parole ausgegeben haben. Es nutzte aber nichts. Nicht nur unter den Arbeitern selbst, auch unter anderen gab es die Überzeugung, dass man das Leben nicht von der Arbeit auffressen lassen darf:
Zitatsprecher: Sechs Stunden sind genug für die Arbeit; die anderen sagen zum Menschen: lebe!
Autor: Aber auch das ist kein Zitat aus der Rede eines heutigen Gewerkschafters zum 1. Mai; die Worte sind 1900 Jahre alt und stammen von dem antiken Schriftsteller Lukian. Und gehört wurden sie nicht.
--MusikJohn Lennon, Working Class Hero
Von sechs Stunden Arbeit pro Tag, wie der antike Satiriker Lukian es forderte, konnte noch Jahrhunderte später einer wie August Spies nur träumen. Seine Wirklichkeit hieß: 10, ja sogar 12 Stunden Arbeit pro Tag. Tageslohn: 3 Dollar, ungefähr so viel, wie man im Restaurant für ein eher mageres Abendessen bezahlen musste. Das war 1886 in den USA. Dort gab es schon seit 18 Jahren den Achtstundentag für Arbeiter in Staatsdiensten. Und nun streikten die Arbeiter, um ihn auch in der Privatwirtschaft durchzusetzen. Einer der Redner, die am 4. Mai 1886 auf dem Haymarket, dem Heumarkt, in Chicago sprachen, war August Spies, der Chefredakteur der sozialistischen Arbeiterzeitung. Da warf irgend jemand eine Bombe. 12 Menschen starben, darunter 7 Polizisten. Die Polizei schoss, es gab Tote in der Menge, es gab Verhaftungen, es gab einen Prozess. August Spies war unter den Angeklagten. Er war Anarchist, und da Anarchisten bekanntlich Bombenwerfer sind, war für die parteiisch ausgewählten Geschworenen seine Schuld praktisch bewiesen. Am 11. November 1887 wurde er mit 3 anderen wegen Mordes gehängt. Unschuldig. Seine Hinrichtung war ein Justizmord. Schon sechs Jahre später gab der Gouverneur des Staates Illinois das offiziell zu. Ein Jahr nach der Hinrichtung riefen Gewerkschaftsvertreter in St. Louis für den übernächsten 1. Mai zu erneuten Streiks und Kundgebungen auf. Sechs Monate nach St. Louis trat in Paris ein Internationaler Kongress zusammen. 400 Delegierte aus sozialistischen Parteien und Gewerkschaften beschlossen eine Resolution:
Zitatsprecher: Es ist für einen bestimmten Zeitpunkt eine große internationale Manifestation zu organisieren, und zwar dergestalt, dass gleichzeitig in allen Städten an einem bestimmten Tage die Arbeiter an die öffentlichen Gewalten die Forderung richten, den Arbeitstag auf acht Stunden festzusetzen (...). In Anbetracht der Tatsache, dass eine solche Kundgebung bereits von dem amerikanischen Arbeiterbund (...) für den 1. Mai 1890 beschlossen worden ist, wird dieser Zeitpunkt als Tag der internationalen Kundgebung angenommen.
Autor: Das war die Geburtsstunde des 1. Mai als Kampftag der Arbeiter.
Musik: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit (dt. Text: Hermann Scherchen, Musik: russ. Volkslied / Ausführende: Chor CHEMIE-Linz, Leitung und Chorsatz Fritz Hinterdörfer, Bläser: Koch Sextett, Leitung und Arrangement Wolfgang Weißengruber) Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor! Hell aus dem dunklen Vergangnen Leuchtet die Zukunft hervor.
Autor: Die Arbeiterbewegung stand mit ihrer Forderung nach dem Achtstundentag weitgehend allein. Es gab zwar innerhalb der christlichen Kirchen auch religiöse Sozialisten, aber sie waren in der Minderheit. In Deutschland stand die Mehrheit der evangelischen Kirchenmänner in Treue fest zu Monarchie und Bürgertum, sie teilte Bismarcks Kampf gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie, wie es im Titel der Sozialistengesetze von 1878 hieß, und wurde infolgedessen von der Arbeiterschaft auch als Gegner betrachtet. Die Kluft zwischen Arbeiterschaft und Kirche wurde in dieser Zeit deutlich vertieft zum großen Leidwesen von Theologen wie Christoph Blumhardt in Deutschland und Leonhard Ragaz und Hermann Kutter in der Schweiz. Denn die hatten sich mit Wort und Tat an die Seite der Arbeiter gestellt, und zwar in erster Linie aus theologischen Gründen. Das kommende Reich Gottes, in dem Jesus siegt und aller Ungerechtigkeit, allem Seufzen und allen Tränen ein Ende bereitet, das war ihr großes Thema. Und anders als Karl Marx im Kommunistischen Manifest von der Religion behauptete, war ihnen die christliche Hoffnung eben nicht ein Opium, ein Rauschgift, mit dem sich der Leidende über seine Misere hinwegtröstet, sondern ganz im Gegenteil das Ziel, auf das hin sie arbeiten, und zugleich die Kraft, durch die sie es erreichen wollten.
Zitatsprecher: Dass sich das Kapital bedient und die Menschen verhöhnt werden, damit muss endlich Schluss sein. Die Politik gegen die Menschen Ungerechtigkeit, falsche Lobbypolitik und Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft muss ein Ende haben.
Autor: Das allerdings haben nicht Blumhardt, Kutter und Ragaz gesagt das stammt aus einem aktuellen Aufruf zum 1. Mai. Aber die drei hätten es vermutlich unterschrieben. Nur dass sie wohl laut oder leise hinzugefügt hätten: Um Jesu willen muss es sein. Denn der liebt die Menschen.
Seit Blumhardt, Kutter und Ragaz ist etwas geschehen zwischen Kirche und Arbeitswelt. Die katholische Kirche hatte ihre Arbeiterpriester; die deutschen Protestanten haben ihre Industriepfarrer und den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.Weder für die Arbeitgeber noch für die Arbeiter oder Gewerkschafter ist es mehr etwas Unerhörtes, dass es da Kirchenleute gibt, die sich bei aller Parteinahme für die wirtschaftlich Schwächeren dennoch als Mittler verstehen: als Leute, die mit beiden Seiten gesprächsfähig bleiben wollen und müssen. Und wenn es gut läuft, dann werden sie als solche auch von beiden Seiten in Anspruch genommen.
Ich wünsche einen fröhlichen 1. Mai, mit Kirchgang, Kundgebung oder Maispaziergang, ganz nach Ihrer Vorliebe. Ich heiße Traugott Vitz und bin Pfarrer in Hilden.
--Musik Pink Martini, Symphatique
Arbeit als Würde und Bürde
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