Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.05.11, Pfarrerin Claudia Kiehn

In allen meinen Taten (eg 368)

Sprecher: Und Jesus sagt: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. (…)

Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. (Matthäusevangelium 6, 25.32b.)

Choral 1 / 1. Strophe: In allen meinen Taten lass ich den Höchsten raten, der alles kann und hat; er muss zu allen Dingen, soll´s anders wohl gelingen, mir selber geben Rat und Tat.

Autorin: „In allen meinen Taten, lass ich den Höchsten raten, der alles kann und hat!“ Gott als mein Lebensberater? Der mir zeigt, wo’s lang geht? So ganz stimmt das nicht für mich! Manchmal, ja manchmal gelingt es mir, auf Gottes Rat zu hören. Aber oft versuche ich lieber meine Dinge selber zu regeln, unabhängige Entscheidungen zu treffen und meine Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Dann frage ich nicht danach, was Gott mir raten würde.

Choral 1 / 1. Strophe: In allen meinen Taten lass ich den Höchsten raten, der alles kann und hat; er muss zu allen Dingen, soll´s anders wohl gelingen, mir selber geben Rat und Tat.

Sprecher: In allen meinen Taten lass ich den Höchsten raten, der alles kann und hat; er muss zu allen Dingen, soll´s anders wohl gelingen, mir selber geben Rat und Tat.

Autorin: Was ist das für ein Mensch, der sich so vollmundig zu Gottes Rat bekennen kann? Paul Fleming heißt der Lieddichter, der hier von seinem großen Gottvertrauen und seiner Glaubensgewissheit singt. Man könnte meinen, so kann nur jemand dichten, der von allem Leid in dieser Welt verschont geblieben ist. Aber weit gefehlt: 1609 wurde Fleming im sächsischen Erzgebirge als Sohn eines Pfarrers geboren, und bereits mit neun Jahren erlebte er den Beginn des dreißigjährigen Kriegs mit. Im Alter von zwölf Jahren verlor er seine Mutter und musste sein Elternhaus verlassen, um in Leipzig auf eine Internatsschule zu gehen. Später studierte er dort Medizin. Dieses Studium musste er aber immer wieder unterbrechen. Mal war Leipzig belagert, mal wütete die Pest. Dennoch vertraute Paul Fleming ganz auf Gottes Gnade, Güte und Bewahrung:

Choral 1 / 3. Strophe: Es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen und was mir selig ist. Ich nehm es, wie er´s gibet; was ihm von mir beliebet, desselben hab auch ich erkiest.

Autorin: Bereits im Alter von 22 Jahren wird Paul Fleming, der inzwischen zahlreiche geistliche und weltliche Gedichte geschrieben hat, zum „kaiserlichen Poeten“ gekrönt. Zwei Jahre später bietet sich dem Barockdichter die Gelegenheit, den Kriegswirren zu entgehen. Er kann sich als Hofjunker einer fürstlichen Gesandtenreise anschließen. Diese bricht nach Persien auf, um über Russland neue Handelswege für den ostindischen Seidenhandel zu erschließen. Wenige Tage vor der Abreise dichtet er mitten im Krieg unseren Choral, ein Reiselied mit ursprünglich fünfzehn Strophen. Von denen nur sieben Eingang in das Evangelische Gesangbuch gefunden haben.

Bei der Entstehung des Liedes hat der Dichter offenbar zweierlei im Blick: nicht nur seine bevorstehende Russlandreise, sondern auch die Lebensreise, die jeder von uns von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus bis in die Ewigkeit vor sich hat. Und beide Reisen bergen gewisse Gefahren!

Instrumentalmusik

Sprecher: Ich zieh in ferne Lande, zu nützen einem Stande, an den er mich bestellt. Sein Segen wird mir lassen, was gut und recht ist fassen, zu dienen seiner Welt.

Bin ich in wilden Wüsten, so bin ich doch bei Christen und Christus ist bei mir. Der Helfer in Gefahren, der kann mich doch bewahren, wie dorte, so auch hier.

Instrumentalmusik

Autorin: Auf der Gesandtenreise ging es zuweilen sehr abenteuerlich zu. Unter anderem erlitt Paul Flemings Schiff im kaspischen Meer Schiffbruch. Dem Ertrinken nahe, konnte er sich nur retten, indem er sich an leere Fässer band und wartete, bis er endlich an Land gespült wurde. „Ihm hab ich mich ergeben zu sterben und zu leben.“ Dichtet Fleming in seinem Choral. Und er erreicht das rettende Ufer und kehrt von seiner Reise wohlbehalten zurück.

Choral 2 / 6. Strophe: Ihm hab ich mich ergeben zu sterben und zu leben, sobald er mir gebeut; es sei heut oder morgen, dafür lass ich ihn sorgen, er weiß allein die rechte Zeit.

Sprecher: Ihm hab ich mich ergeben zu sterben und zu leben, sobald er mir gebeut; es sei heut oder morgen, dafür lass ich ihn sorgen, er weiß allein die rechte Zeit.

Autorin: Nach der Reise kann Paul Fleming endlich sein Medizinstudium in Leiden beenden. Er will zu seiner Verlobten ins heutige Estland zurückkehren, um sich dort als praktischer Arzt niederzulassen. Doch es kommt anders: kurz vor dem gefühlten Happy-End stirbt Paul Fleming im jungen Alter von nur dreißig Jahren an einer Grippe. Das große Gottvertrauen bis in den Tod ist es, das mich an seinem Choral fasziniert.

Choral 1 / 2. Strophe: Nichts ist es spät und frühe um alle meine Mühe, mein Sorgen ist umsonst; er mag´s mit meinen Sachen nach seinem Willen machen, ich stell´s in seine Vatersgunst.

Autorin: „Alle eure Sorgen werft auf Gott; denn Er sorgt für euch.“ (1. Petrusbrief 5,7) Dieses biblische Gottvertrauen wünsche ich mir auch. Denn ich kann etwas noch so sehr wollen und wollen, mich noch so sehr anstrengen und mir Mühe geben. Es liegt letztlich nicht in meiner Hand, ob mein Leben wirklich gelingt. „An Gottes Segen ist alles gelegen.“, weiß Psalm 127. Ich kann gesund leben, und doch ist es Geschenk, wenn ich nicht krank werde. Ich kann meinen Beruf mit Hingabe ausüben, und doch kann ich ihn verlieren. Wenn ich etwas leiste, fühle ich mich vermeintlich sicher, aber gleichzeitig steht mein Leben immer auf wackeligen Füssen. Der Theologe Fulbert Steffensky beschreibt sehr eindrücklich, welchem Irrtum wir auf sitzen, wenn wir nicht glauben, nicht vertrauen, sondern alles aus uns selber heraus regeln wollen.

Sprecher: Die todessüchtige Selbstübersteigerung ist das, was die Bibel Unglauben nennt. Diese Selbstübersteigerung glaubt nicht an die Güte des Lebens und an das Haus, das schon gebaut ist. Sie kann nicht wohnen. Sie muss jagen, vorne sein, überwinden, übertreffen. Sie kann nicht spielen, sie muss ich dauernd selber überholen. Gut ist, was man selber gemacht hat. Und daran scheitert der Mensch. Denn man kann sich nicht selber machen.

Instrumentalmusik

Sprecher / 4. Strophe: Ich traue seiner Gnaden, die mich vor allem Schaden, vor allem Übel schützt; leb ich nach seinen Sätzen, so wird mich nichts verletzen, nichts fehlen, was mir ewig nützt.

Instrumentalmusik

Autorin: An Gottes Güte glauben und an das Haus, das – wie Steffensky erwähnt - schon für uns gebaut ist, das will ich von ganzem Herzen. Wie Paul Fleming kann auch ich voller Gottvertrauen gegen den Unglauben, der sich immer mal wieder in meinem Leben breit macht, demütig ansingen:

Choral 1 / 7. Strophe: So sei nun, Seele, deine und traue dem alleine, der dich geschaffen hat. Es gehe, wie es gehe, dein Vater in der Höhe, der weiß zu allen Sachen Rat.

Musikinformation

1. Musik:
Mein Gott, ich will dich loben;
CD-Verlag und Ort: Schulte & Gerth
Text von Dichter:  Paul Fleming
Komponist:   Heinrich Isaac
Chor:    Jubilate-Chor unter der Leitung von: Mann, Wilfried

2. Musik:
Dirigent:  Hans-Joachim Meyer-Pohrt
Text von Dichter:  Paul Fleming
Komponist:   Heinrich Isaac
Chor:    Essener Bachchor

3. Musik:
Ein Choralbuch für Johann Sebastian Bach
CD-Verlag und Ort: Kistner und Siegel
Text von Dichter:  Paul Fleming
Komponist:   Heinrich Isaac
Solist:    Andrew Joy (Horn); Wolfgang Karius (Orgel)


Aufsätze und Bücher:
Fulbert Steffensky: Feier des Lebens, Spiritualität im Alltag, Freiburg 2009, S. 82.
Paul Fleming: Gedichte, Leipzig 1970.

Audiobeitrag In allen meinen Taten (eg 368)


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