Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.05.11, Pfarrerin Claudia Kiehn

Seufzen

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, und, haben Sie heute Morgen schon richtig tief durchgeatmet?

Vielleicht sogar schon am offenen Fenster gestanden, die Morgenluft eingesogen und sie hörbar wieder herausgelassen? Möglicherweise sogar schon geseufzt?

Seufzen.

Zum Seufzen gehört es, kräftig auszuatmen. Die Luft richtig rauszulassen. Die meisten von uns haben sich als Erwachsene leider angewöhnt, nicht mehr so besonders tief zu atmen. Wir nutzen unser Zwerchfell kaum noch. Dabei brauchen wir es, um wirklich zu fühlen. Denn je flacher wir atmen, desto weniger empfinden wir. Vielleicht erinnern Sie sich auch an Situationen in Ihrem Leben, in denen Ihnen der Atem gestockt ist – an Hiobsbotschaften oder auch frohe Botschaften, die Ihnen den Atem verschlagen haben. Wenn es gut läuft, wenn wir uns trauen, atmen wir nach unserem kurzfristigen Atemstillstand nach solchen guten oder schlechten Botschaften tief aus, um dann wieder neue, frische Luft in unsere Lungen zu lassen. Wir seufzen!

Was hat es mit dem Seufzen auf sich? Mediziner der Universität Bern haben festgestellt: Säuglinge bauen etwa alle 50 bis 100 Atemzüge automatisch einen tiefen Seufzer ein. Er dient dazu, die Atmung zu stabilisieren. Fällt dieser Seufzer aus, droht bei zu starkem, unregelmäßigem Atmen das ganze System instabil zu werden.

Offensichtlich also gehört das Seufzen ursprünglich zum natürlichen Biorhythmus des Menschen. Wir sind so geschaffen – als Seufzende. Deshalb brauchen wir immer wieder diesen einen tiefen Ausatmer für unseren inneren Ausgleich und denNeuanfang, wenn die Dinge zu schwierig oder wir selbst allzu euphorisch werden.

Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer (Röm 8,22): Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt. Im Atmen, in Gottes Odem, im Seufzen sind wir alle heute Morgen verbunden. Wir sind darin sogar mit der ganzen Schöpfung verbunden. Wir atmen dieselbe Luft. Wir alle leiden mehr oder weniger an dieser Welt und haben Grund zum tiefen Seufzen.

In dem Leid dieser vergänglichen und unerlösten Welt sind wir alle vereint mit der Schöpfung und mit Gottes Geschöpfen. Darum möchte ich Sie heute Morgen einladen, gemeinsam mit mir zu seufzen. Sie müssen nicht den ganzen Schmerz Ihres Lebens oder dieser Welt in Ihren Seufzer legen. Sie dürfen es aber. Sie können auch einen – wie uns einmal eine Sprecherzieherin in ihren Seminaren aufforderte – „Seufzer für nichts“ machen. Also, lassen Sie uns – vielleicht trotz aller Hemmungen - gemeinsam Luft holen und jetzt gemeinsam seufzen.

Seufzen

Im Seufzen, im Leid dieser Welt sind wir vereint – im Leid sind wir nahe bei Gott. Aber unser Seufzen ist ja nicht nur Ausdruck der Lasten, die auf uns ruhen. Unser Seufzen ist gleichzeitig verbunden mit der tiefen Hoffnung und Sehnsucht nach Erlösung! Jedes Seufzen erleichtert uns und macht uns Hoffnung auf mehr!

Gottes befreiender und erlösender Geist schenkt uns für unsere Welt auf kräftige Weise neue Hoffnung und beflügelt unser Seufzen. Bis wir irgendwann – im Angesicht des neuen Himmels und der neuen Erde, die uns versprochen sind – unser ganz eigenes, freudiges, neues, erlöstes „Hah“ seufzen können.

Einen schönen Tag mit vielen Glücksseufzern wünscht Ihnen Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal

Audiobeitrag Seufzen


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