| |
Beten
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, manche tun es ausschließlich vor dem Essen, manche vor dem Einschlafen, andere nur im äußersten Notfall und einige tun es sogar
mehrmals täglich manche zu ganz bestimmten Zeiten. Wer es tut, kann dabei danken, bitten, klagen oder einfach nur erzählen. Man kann es stumm tun oder laut, öffentlich oder im Verborgenen: Beten!
In früheren Zeiten gehörte das Gebet viel stärker in den Tagesablauf von Menschen als heute. Uns fällt es schwerer, Zeit zu finden, uns an Gott zu wenden. Und wir sind nicht mehr so geübt im Beten.
Dabei ist es eigentlich ganz leicht, weil Beten nämlich keinen Regeln unterliegt. Jeder kann es. Einer langwierigen Einführung oder Anleitung bedarf es nicht. Um sich mit seinen Gedanken, Wünschen, Sorgen und Klagen an Gott zu wenden, muss man auch nicht originell sein und auch nicht besonders wortgewandt. Auch wenn ich die Idee eines kleinen Mädchens nett finde: Seit sie klein war, hatte ihre Mutter Abend für Abend mir ihr gebetet. Immer das gleiche Gebet, eines von jenen Kindergebeten, die sich reimen. Eines Tages verweigerte sich das Mädchen diesem Gebet. Ich will das nicht mehr beten, sagte sie zu ihrer Mutter. Gott langweilt sich doch total, wenn er sich jeden Abend immer dasselbe anhören muss. So wie es das kleine Mädchen genervt hat, wenn Erwachsene immer und immer wieder das Gleiche erzählen. Allerdings hat sie das Beten nicht aufgegeben. Sie hat weiterhin jeden Abend ge-betet, aber ohne ihre Mutter, ohne das vorformulierte Gebet. Seither spricht sie mit Gott so wie ihr der Schnabel gewachsen ist und wie ihr gerade zumute ist.
Ich bin sicher: Gott langweilt sich nicht, auch wenn er immer und immer wieder dieselbe Leier von uns zu hören bekommt. Wenn wir ihm mit denselben Worten in den Ohren liegen oder mit dem immer gleichen Anliegen zu ihm flehen. So gehört zum Beispiel das Unser Vater zu den Gebeten, die immer und immer wieder von Christinnen und Christen auf der ganzen Welt in vielen Sprachen gesprochen werden. Im Gottesdienst, am Grab, zur Andacht, am Abend und am Morgen. Schon Jesus hat dieses Gebet zu seinem Vater im Himmel gesprochen.
Manchmal ist unsere Not so groß und unsere Verzweifelung so raumgreifend, dass wir nicht einmal auf die überlieferten Worte zurückgreifen können. Dann fehlen uns die Worte, um uns an Gott wenden zu können. Wir bleiben merkwürdig stumm, obwohl uns nach Schreien zumute ist. Ich bin sicher, dass dann mancher Gedanke und manche Leere im Gehirn ebenfalls zum Gebet werden kann. Du ver-stehst meine Gedanken von ferne, steht schon in Psalm 139.
Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti spitzt das sogar noch zu. Ihm fehlen offenbar manchmal auch die Worte zum Beten und er schreibt:
SPRECHER: Da du alles schon weißt, mag ich nicht beten ich atme tief ein lang atme ich aus und siehe du lachst.
Da ist tiefes Vertrauen. Gott lächelt freundlich. Er freut sich, wenn wir beten. Selbst dann wenn wir darauf verzichten. Er kennt uns, er weiß von uns und liebt uns. Das macht mir Mut, mich in allen Lebenslagen, in jeder Verfassung und unter allen Umständen mit allem, was mich bewegt, an Gott zu wenden. Denn so lese ich in Psalm 145: Gott ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen. (Ps 145, 18)
Einen Tag unter Gottes Lächeln wünscht Ihnen Pfarrerin Claudia Kiehn aus Wuppertal
Beten
|