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Vergessen
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, oft ärgere ich mich über mich selber, wenn ich mal wieder etwas vergessen habe.
Je mehr ich im Kopf habe, desto schneller passiert es mir, dass sich irgendwas in meinem Kopf versteckt. Auch meine Mutter beklagt sich immer häufiger: sie werde zunehmend vergesslicher und sie mache sich Sorgen, langsam dement zu werden. Vergesslichkeit hat kein hohes Ansehen und ist nicht beliebt. Manchmal kann sie zu peinlichen Situationen führen, zum Beispiel, wenn man eine Verabredung vergisst. Manchmal kann es schwierig werden dann wenn man die Haustür von außen schließt und den Schlüssel vergessen hat. Niemand vergisst gerne etwas. Dabei ist dies eine der wichtigsten Fähigkeiten, die unser Gehirn aufzuweisen hat.
Wenn wir nämlich jedes kleinste Detail unseres Lebens im Gedächtnis behalten würden, was für eine Last wäre das... Gott sei Dank verfügt unser Gehirn über die Fähigkeit zu vergessen. Bei der Amerikanerin Jill Price allerdings wurde erstmalig eine Fehlfunktion des Gehirns diagnostiziert, die das gnadenvolle Vergessen verhindert. Das sog. Hyperthymestische Syndrom. Das heißt: einerseits hat sie ein phänomenales Gedächtnis. Andererseits bleibt es ihr nicht erspart zu wissen, wo genau sie ihr Auto vor einem halben Jahr beim Parken abgestellt hat, wo sie sich heute vor sechzehn Jahren um diese Zeit befunden hat und an welchem Datum sie welche Folge einer ganz bestimmten Fernsehserie sah und für alle diese Ereignisse natürlich auch noch: An welchem Wochentag es war.
Beeindruckend, so viel zu wissen. Doch gleichzeitig bekomme ich bei dieser Aufzählung ein Gefühl dafür, wie schön es ist, vieles, was ich täglich erlebe, auch einfach wieder vergessen zu können. Lauter Informationen, mit denen ich mich nicht belasten muss, die mich möglicherweise sogar daran hindern, jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen. Vergessen können ist schon etwas wunderbares, besonders dann, wenn es sich um negative Erfahrungen handelt. Manchmal erstaunt es mich, wie sich unangenehme Ereignisse ganz im Hintergrund meines Gehirns versteckt haben. Noch dankbarer bin ich dafür, dass ich mich an manches zwar erinnern, es aber nicht mehr fühlen kann: Als ich mir das letzte Mal den Magen verdorben hatte, war die Übelkeit übermächtig. Sie hat mich ganz ausgefüllt und echt leiden lassen.
Heute kann ich mich natürlich noch daran erinnern, aber das schreckliche Gefühl, den Schmerz, den kann ich nicht fühlbar erinnern. Für uns Menschen ist es sehr angenehm und fast überlebenswichtig, dass wir vergessen können. Andererseits möchten wir aber nicht vergessen werden. Wir möchten nicht im Gedächtnis anderer verloren gehen, besonders nicht bei denen, die uns etwas bedeuten. Selbst der Vergessenheit anheim zu fallen, ist für viele ein beängstigender Gedanke. Irgendwo hab ich einmal den Sinnspruch gehört: Nur wer vergessen wird, ist wirklich tot. Aber so ist es nun einmal: auch wir werden einmal aus dem Gedächtnis der Menschen herausfallen. Gut zu wissen ist dann, dass es bei Gott anders ist. Er muss nichts vergessen. Und er wird nichts und niemanden vergessen. Denn alles, was jeder einzelne Mensch erlebt, erbittet, erleidet, bei Gott ist es gut aufgehoben und nichts davon gerät bei ihm in Vergessenheit. Achim von Armin dichtet dazu:
Der Mensch ist bald vergessen, der Mensch vergisst so bald.
Und in der zweiten Strophe heißt es:
Der Mensch ist bald vergessen, nur Gott vergisst uns nicht.
Ja, nur Gott vergisst uns nicht. Denn so wie es unwahrscheinlich ist, dass eine Mutter ihr Kind vergisst, so ist es geradezu unmöglich, dass Gott einen von uns vergessen könnte, verspricht uns der Prophet Jesaja. (Jes 49,15)
Einen Tag, an dem Sie nichts Wichtiges vergessen und selber nicht vergessen werden, wünscht Ihnen Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal
Vergessen
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