Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.05.11, Pfarrerin Claudia Kiehn

Zeichen Gottes

Liebe Hörerinnen und Hörer,Krisen finde ich nicht schön. Besonders, wenn ich selbst drinstecke. Aber Krisen gehören nun einmal zu unserem Leben. Leider!

Manchmal haben sie  gesundheitliche oder berufliche Ursachen. Manchmal entstehen sie wegen eines schweren Beziehungskonflikts oder gar durch den Tod eines geliebten Menschen. Manche Krisen sind klein und die Not ist schnell vorüber. Aber das weiß man ja leider immer erst im Rückblick, dass dies eigentlich nur ein „Krischen“ war. Über manche „Krischen“ kann man dann bald schon schmunzeln und vergisst die Angst und Sorge schnell, die damit verbunden war.

Aber dann gibt es auch jene wirklich schweren Krisen, die so unüberschaubar sind und so lange andauern. Dann scheint es als wollten sie niemals mehr enden. Keine Lösung ist in Sicht! Jede Hoffnung schwindet, dass alles doch noch ein gutes Ende nehmen könnte, dass auch diese Krise überwindbar sein wird.

In solchen nicht enden wollenden Krisenzeiten meines Lebens habe ich immer ein und denselben großen Wunsch: ein deutliches Zeichen von Gott. Und das stelle ich mir so vor: Ich gehe zum Briefkasten, schließe ihn auf, und ein besonderer Brief fällt mir entgegen. Ein Brief von Gott, den ich öffnen kann und in dem in schöner Handschrift schwarz auf weiß zu lesen steht: „Meine Liebe, ich sehe und verstehe deine ganze Not, unter der du im Moment leidest. Habe keine Angst. Ich bin bei dir. Vertrau mir. Dein Leid hat bald ein Ende.“ Und dann lese ich, wie es weitergehen wird mit mir: Wann endlich wieder Land in Sicht ist. Welche simple Lösung es für meine Krise gibt. Netter Wunsch, aber: Bisher musste ich in meinem Leben leider ohne solche postalischen Zeichen von Gott auskommen.

Bei dem Dichter Jochen Klepper finde ich Verständnis für meinen Wunsch nach einem sichtbaren Zeichen Gottes, wenn ich in einer Notlage bin. Er schreibt: „Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft“. Ja, genau so ist es, genau, das drückt meinen Wunsch nach einem Brief von Gott aus. Und das ist ja kein exklusiver Wunsch von mir nur für mich persönlich. Jedem wünsche und gönne ich solche Briefe von Gott, wenn es in unserem  Leben krisenhaft wird.

„Manchmal denkt man, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft“. Jochen Klepper aber belässt es nicht dabei, sondern führt seine Gedanken weiter mit dem Satz: „Aber dies ist eben das Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und dulden lässt.“ Puh, das soll schon alles sein?

Wenn Gott mir keine solch konkreten Zeichen gibt, wie einen deutlichen persönlichen Brief, dann muss ich stattdessen „einfach“ vertrauen, dass Gott an meiner Seite ist und mir Zukunft und Hoffnung gibt? Jochen Klepper hatte solches Gottvertrauen. Er war sicher, dass unser Durchhalten, unser Wagen und unsere Geduld ein Geschenk Gottes ist. Dass Gott uns in den Krisenzeiten unseres Lebens verlässlich begleitet und an unserer Seite ist. „Aber dies ist eben das Zeichen: dass er einen durchhalten und es wagen und dulden lässt.“

Mein kindlicher Briefwunsch an Gott wird wohl Teil meines Lebens bleiben – es ist mir ein tröstlicher Gedanke, dass Gott sich so klar und einfach an meine Seite stellen könnte. Aber genauso wie Jochen Klepper weiß ich, dass Gott bei mir ist in meiner Not und dass er mir hilft, durchzuhalten, es zu wagen und all das, was mich in einer Lebenskrise quält, zu bestehen.

Einen Tag ohne Krisen wünscht Ihnen Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal

Audiobeitrag Zeichen Gottes


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