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Bis ins hohe Alter
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,kürzlich sehe ich mich in einer sich spiegelnden Schaufensterscheibe aus dem Augenwinkel und sehe unwillkürlich genauer hin.
Kurz bin ich erschrocken. Gehören diese herunterhängenden Mundwinkel etwa tatsächlich zu mir? Kein Zweifel. Das ist tatsächlich mein Spiegelbild. Dabei bin ich doch gut gelaunt, zufrieden, ausgeglichen und vergleichsweise stressfrei. Woher also diese herunterhängenden Mundwinkel. Wenn es weder mein Charakter ist, noch meine aktuelle Gemütsverfassung, dann muss es andere Ursachen geben. Die Schwerkraft, denke ich. Schlicht und einfach die Schwerkraft. Auf dem Weg zum Alter erschlafft wohl auch die Gesichtmuskulatur nach und nach.
Wir werden alle älter. Klar. Tag für Tag, das wissen wir, seitdem wir denken können. Und im ersten Teil unseres Lebens ist das einfach nur toll, älter zu werden, die Welt zu erobern. Immer mehr zu ver-stehen, zu wissen, zu können und zu dürfen. Älter werden ist toll und dauert am Anfang so lange. Ich erinnere mich gut: bei meiner Einschulung war ich sicher: So alt wie die Kinder in der vierten Klasse wirst du niemals. Natürlich hat sich auch mein Zeitempfinden im Laufe der Jahre gewandelt. Von Weihnachten bis Weihnachten dauert es nicht mehr wie als Kind eine gefühlte Ewigkeit, sondern eher einen gefühlten Wimpernschlag.
Es ist etwas anderes, ob man als Kind älter wird oder als Erwachsener. Es ist etwas anderes, ob man die Welt entdeckt oder langsam aber sicher Teile von ihr verliert. Ob man durch das Alter dazu ge-winnt oder abgeben muss. Wir werden alle älter, und wir kommen alle in ein Alter, in dem wir das auch körperlich als einen Ver-lust spüren können.
So sagte unser Hausarzt doch kürzlich zu meinem Mann, den leider immer häufiger alterbedingte Krankheiten dort hinführen: Ja, man hat im Alter einfach immer weniger Widerstandkräfte und wird ob man es will oder nicht immer dünnhäutiger. Stimmt, sagt mein Mann.
Ja, aber heißt das jetzt Jammern und Klagen, Trauern und Hadern? Nein! Ganz und gar nicht. Ich nehme es nur wahr und muss dabei oft an einen Satz denken, den eine für mich auch schon sehr alte Dame zu einer noch älteren Dame sagte, die wir gemeinsam im Altenheim besuchten. Die Bewohnerin im Altenheim war gerade gefallen. Sie sah davon noch sehr lädiert aus und hatte etwas von ihrer sonstigen Kraft und Lebensfreude eingebüßt. Da sagt die ältere Dame, die mich begleitet: Mir hat einmal jemand den Satz gesagt: Wer keine Altersbeschwerden haben will, der muss halt früh sterben. Wir waren uns einig: Das stimmt, und das ist wirklich keine Alternative.
Also, ich werde wohl das langsame Schlafferwerden meines Körpers akzeptieren müssen. Schön, finde ich dabei, dass es mir nicht nur alleine so geht, sondern dass es Menschen um mich herum gibt, die die Erfahrung des Alterns mit mir teilen. Und: Noch mehr freue ich mich über die Zusage Gottes, die er im Buch des Propheten Jesaja an uns macht (Jes 46,4): Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten. Der Lieddichter Jochen Klepper hat daraus ein paar wunderschöne Strophen gemacht:
SPRECHER: - Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin. - Ihr sollt nicht ergrauen, ohne dass ich's weiß, müsst dem Vater trauen, Kinder sein als Greis. - Lasst nun euer Fragen, Hilfe ist genug. Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.
Gottes Segen für diesen Tag wünscht Ihnen Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal
Bis ins hohe Alter
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