Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.05.11, Pfarrerin Claudia Kiehn

Ich bin so enttäuscht von Dir

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, Kindergesprächen zu lauschen bereitet mir meist eine große Freude:

Zu hören, was und wie die kleinen Menschen so denken, wofür sie sich begeistern können. Manchmal auch zu hören wie sie schwierige Erfahrungen verarbeiten.

Leider merke ich aber dabei manchmal auch, wenn Kinder nur die Erwachsenen kopieren. So habe ich kürzlich in einem Kindergarten ein Gespräch zwischen Lisa und Ida mitbekommen. Lisa sitzt auf einem Holzpferd und guckt grimmig auf Ida herab. Die hat die Ärmchen in die Hüften gestemmt und sagt mit großer Überzeugung: „Ich habe den Streit nicht angefangen, das will ich dir nur sagen. Du hast den Streit angefangen.“ Und dann nach einer kleine Pause, in der sich das ernste und angespannte Gesicht von Ida noch weiter verdüstert: „Ich bin sehr enttäuscht von dir.“ Dreht sich um und geht. Lisa bleibt alleine und traurig auf dem Holzpferd zurück. Sie wirkt niedergeschlagen.

Mit welcher Wucht der Satz „Ich bin sehr enttäuscht von dir“ Lisa getroffen hat! Ein Satz, von dem ich vermute, dass Ida ihn selber schon häufiger gehört hat. Imitationslernen nennt man das. Solche Sätze denken Kinder sich nicht aus. „Ich bin sehr enttäuscht von dir“. Wem diese Worte in seinem Leben schon einmal gesagt wurden oder wer sie selber verwendet, weiß: Sie sind schneidend wie ein Schwert. Sie lassen kein gutes Haar mehr am Anderen.

Ich bin mir sicher, dass Jesus den Satz „Ich bin sehr enttäuscht von dir“ niemals zu einem Menschen gesagt hat. Weil Jesus sich niemals Illusionen darüber gemacht hat, wie wir als Menschen so sind. Was wir alles nicht hinbekommen und was uns alles nicht gelingt. Auch über seine Jünger hat sich Jesus keine Illusionen gemacht. Er wusste immer, mit wem er es zu tun hat. Jeder seiner Jünger wird Stärken und Schwächen gehabt haben, die Jesus kannte. Drei Jünger sind mit ihren Schwächen be-sonders bekannt geworden: Judas. Von ihm wusste Jesus schon früh, dass er ihn verraten würde. (Joh 6, 64) Und Jesus war klar, dass Petrus ihn verleugnen würde: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei-mal verleugnen.“ Und Jesus war wohl auch nicht überrascht davon, dass sein Jünger Thomas nach der Auferstehung erst seine Wundmale berühren wollte, damit er glauben konnte, das er lebt.

„Ich bin sehr enttäuscht von dir“! Diesen Satz wird Jesus nicht nur deshalb nicht gesagt haben, weil er sich keine Illusionen über seine Mitmenschen gemacht hat. Jesus wird ihn auch deshalb nie gesagt haben, weil er niemanden radikal verurteilt hat. Er hat zwar Anstoß genommen an unserem überaus menschlichen Verhalten. Er war manchmal zornig über das, was seine Jünger taten. So wenn sie Kinder einfach fortschickten, denen er sich doch zuwenden wollte. Die er segnen wollte. Oder wenn seine Jünger schliefen, obwohl er sie bat, mit ihm zu wachen und zu beten.

Wenn Jesus die Menschen kritisierte, dann hatte er ein bestimmtes Verhalten vor Augen und er er-mahnte sie, umzukehren und Buße zu tun. Diese Chance zur Umkehr bis zum letzten Atemzug, lag in jeder seiner Ermahnungen.
Darum wünsche ich mir sehr, dass der Satz „Ich bin sehr enttäuscht von dir“ in Lisas und Idas Leben keine Rolle mehr spielt. Weil die eine wie die andere ein geliebtes Geschöpf Gottes ist. Wie wir alle!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag. Ihre Claudia Kiehn, Pfarrerin aus Wuppertal

Audiobeitrag Ich bin so enttäuscht von Dir


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