Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.05.11, Pfarrer Titus Reinmuth

Erfolgreich scheitern

Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Hatte ich das wirklich vergessen? Das gibt’s doch gar nicht!

Langsam aber sicher beginne ich zu verstehen und werde dabei immer kleiner. Aber es hilft nichts. Ich war’s. Zwei Mitarbeiterinnen mussten am Wochenende richtig arbeiten, um auszubügeln, was ich ihnen eingebrockt hatte. Da half nur eine ehrliche Entschuldigung und am nächsten Tag ein großer Strauß Blumen.

Jeder kennt sie, die kleineren und größeren Patzer im Leben. Gut, wenn die Folgen irgendwie über-schaubar waren und sich die Sache auf der Arbeit wieder einrenken ließ. Schwieriger wird’s schon, wenn es um Beziehungen geht. Nachlässigkeiten in einer Freundschaft, Versäumnisse gegenüber den Kindern, eine echte Krise mit dem Lebenspartner, der Partnerin. Menschen machen nun mal Fehler. Doch den meisten fällt es unglaublich schwer, sie einzugestehen. Wieso eigentlich? Ich dachte immer, aus Fehlern wird man klug.

Aber das ist leicht gesagt. Tatsächlich werden die meisten eher eine gemischte Bilanz ziehen. Es wird nicht immer alles besser. Manche Fehler macht man sogar immer wieder. Neben schönen Erfolgen gibt es eben auch echte Fehlschläge, manchmal schmerzliche. Die Mischung entscheidet wohl darüber, ob wir uns selbst als halbwegs erfolgreich ansehen oder eher als „gescheiterte Existenz“ betrachten. Könnte man nicht auch erfolgreich scheitern? Aus Fehlern wirklich lernen?

Es gibt ja Beispiele dafür: Bevor der Pilot in die neue Maschine steigt, verbringt er Stunden im Flugsimulator. Starts, Landungen, Triebwerkausfall – alles wird geübt. Immer wieder von vorn. Dabei gibt’s natürlich so manche Bruchlandung. Jedenfalls auf dem Monitor. Aber steigt der Mann deshalb gleich aus und gibt auf? Nein, er versucht es nochmal und wird es lernen. Oder: In der Grundschule unserer Tochter wird jetzt Plus und Minus mit Hundertern und Tausendern gerechnet. Da kann man sich schon mal vertun und muss sich sehr konzentrieren. „Ach so, ist ja klar“, ruft sie dann, wenn sie einen Fehler gefunden hat. Irgendwann macht sie es ganz routiniert.

Aber obwohl wir wissen, dass Irren menschlich ist, werden Fehler immer wieder verurteilt  und nicht als normal angesehen oder gar als Chance genutzt. Best Practice. Top-Performance. Das ist heute gefragt. Alles muss immer noch besser werden. Wer soll das durchhalten?

Die Bibel kennt so manche gescheiterte Existenzen. Eine der stärksten Geschichten ist die von dem Vater mit seinen zwei Söhnen. Der eine lässt sich das Erbe auszahlen und will unbedingt seinen eigenen Weg machen. Doch er verprasst das Geld und gerät auf die schiefe Bahn. Irgendwann steht er vor dem Nichts – und bereut alles. Sein schöner Lebensentwurf – gescheitert. Soll er so zurück-kehren auf den Hof seines Vaters?

Er traut sich. Er will seinen Fehler eingestehen und wenigstens als Arbeiter bei seiner alten Familie unterkommen. Und er hat Glück: Sein Vater jagt ihn nicht fort, sondern schließt ihn in die Arme. Er feiert sogar ein Fest für den zurückgekehrten Sohn und nimmt ihn wieder ganz bei sich auf.

Das nenne ich erfolgreich scheitern. Zu den eigenen Fehlern stehen, bereuen, zurückkehren und neu anfangen. Wer sich das traut, ist stark. Wer so verliert, kann nur gewinnen. Mindestens die Achtung vor sich selbst. Und meistens sogar noch mehr: Die andern verstehen und vergeben und fühlen sich noch stärker verbunden als zuvor. So lässt sich leben – auch mit Fehlern.

Audiobeitrag Erfolgreich scheitern


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