Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.05.11, Mark Christian Pollmeier

Kaninchenmord

Vor etwa einem Monat wurde in Norddeutschland ein Kaninchen geschlachtet. Das ist eigentlich keine Nachricht wert:

In Deutschland werden täglich zigtausende Tiere geschlachtet: Hühner, Schweine, Rinder und vieles mehr.

Das besondere an diesem Kaninchen war, dass es nicht anonym in einer Schlachterei ums Leben kam, sondern vor den Augen einer Schulklasse. Die Schülerinnen und Schüler, zehn oder elf Jahre alt, hatten eine Projektwoche zum Thema „Steinzeit“. Und um zu demonstrieren, wie stark der Ur-Mensch von tierischer Nahrung abhängig war, brachte der Vater eines Schülers eben ein Karnickel mit in die Schule, tötete es und zog ihm das Fell über die Ohren. Das Fleisch wurde anschließend auf dem Schulhof gegrillt, und wer wollte, konnte gleich was davon probieren.

Als die Sache bekannt wurde, ging ein Aufschrei durchs Land. Elternvertreter schalteten sich ein, das Bildungsministerium, der Kinderschutzbund und ein Kaninchenzüchterverband kritisierten die Aktion. Sogar im Ausland berichtete man über den „Kaninchenmord von Schleswig-Holstein“.

Nun kann man ja tatsächlich diskutieren, ob man so einen kuscheligen Streichelhasen ausgerechnet vor Fünftklässlern schlachten muss. Aber die Riesen-Entrüstung, die dieses eine Kaninchen ausgelöst hat, ist andererseits auch ziemlich verlogen. Wer gerne mal einen Burger oder eine Currywurst isst, der soll sich ruhig bewusst machen, dass das mal Tiere waren, lebendige Mitgeschöpfe. Fleisch und Wurst wachsen eben nicht steril verpackt aus der Kühltheke.

Sprecher: Daniel Schneider

Audiobeitrag Kaninchenmord


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