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Maria von Magdala
Sprecher: Finsternis herrscht, als sie aufbricht. Sie geht allein in der Dunkelheit. Zum Grab ihres ermordeten Freundes zieht es sie.
Keine Dämmerung lässt den Morgen ahnen. Finsternis auch in ihr: traumatische Bilder von bestialischer Folter und Tod. Das Grauen, zusehen zu müssen und nichts tun zu können. Warten zu müssen, bis er gestorben ist. Und dann mutterseelenallein zu sein. Niemand da, der tröstet. Das, was ihr Halt gibt und den Weg unter die Füße schiebt, ist die Sehnsucht. Sehnsucht, ihm nah zu sein dem, was von ihm geblieben ist: seinem Leichnam. Und zu tun, was zu tun ist: den Leichnam zu salben. Ihm die Würde wiederzugeben, die die Henker und die Schergen der Machthaber ihm zu rauben suchten.
Autorin: Alle biblischen Geschichten zu Ostern beginnen in der Dunkelheit. Alle enden im Licht. Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Sabine Haupt-Scherer, ich bin Pfarrerin im LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho. Maria von Magdala ist in der Dunkelheit des Ostermorgens unterwegs so erzählt es das Johannesevangelium. Maria von Magdala ist allein. Dass wir in den drei anderen Evangelien von drei Frauen hören, die gemeinsam unterwegs sind, als der Morgen schon graut, scheint der Konvention geschuldet. Unkonventionell: im Dunklen allein so war Maria Magdalena.
Magdalena: dieser Zusatz, der später wie ein zweiter Name gebraucht wurde, ist der einzige Hinweis auf ihre Identität, den wir haben. Wahrscheinlich war sie unverheiratet, denn verheiratete Frauen wurden durch ihren Ehemann definiert. Sie trägt den Namen ihres Herkunftsortes Magdala. Der liegt am Westufer des Sees Genezareth in der Nähe von Kapernaum. Einer der Hauptwirkungsstätten Jesu. Auch lässt der Beiname ahnen, dass sie nicht mehr in ihrer Heimat lebte, dass sie einen klaren Bruch auch zur Familie vollzogen hatte. Sie war die fremde Frau aus Magdala. Ihr unkonventionelles Leben mag die Zeitgenossen irritiert haben. Später kamen Gerüchte auf, sie sei die Unbekannte aus Bethanien gewesen, die Jesus die Füße gesalbt hatte. Und die wurde in der Geschichte ja Sünderin genannt. So glaubte man bald zu wissen, Maria Magdalena sei eine Prostituierte gewesen, die Jesus zur Umkehr bewegt habe. Bis in das Musical Jesus Christ Superstar hat sich dieses Gerücht gehalten. Und es wirkt auch in Heinrich Bölls Forderung nach der Zärtlichkeit der Maria Magdalena für die Kirche nach.
Die biblische Geschichte gibt das nicht her. Das einzige, das die Bibel zu berichten weiß, ist eine kurze Notiz, Jesus habe Maria von Magdala von sieben Dämonen geheilt. Psychisch krank wird sie gewesen sein. Innerlich zerrissen und getrieben. Besessen wie man damals glaubte. Widerstrebende Impulse haben ihr Leben zerfetzt. Nichts hing mehr zusammen und nichts war mehr am Ort. Maria von Magdala war, als sie Jesus kennenlernte, hin und hergerissen, nicht Herr ihrer selbst. Von den Jüngern Jesu hören wir, dass sie ihre Berufe und Familien verlassen haben, um Jesus nachzufolgen. Und dass das gar nicht einfach war. Maria von Magdala hatte nichts, was zu verlassen gewesen wäre. Nur bei Jesus konnte sie leben. Wieder sich selbst zu gehören, selbstbestimmt und eindeutig zu leben: das war für sie heil werden. So wird sie Jesus gefolgt sein von Galiläa bis zum Kreuz.
Sprecher: Sie war bei Jesus geblieben, war nicht geflohen wie die Jünger. Sie hatte getan, was sie tun konnte. Ihre Verbindung zu Jesus war stärker gewesen als die Angst. Hatte sie getragen bis zu seinem Tod. Dann war alles sinnlos geworden. Nur die Sehnsucht gab noch Kraft eine Kraft, die durch die Nacht trieb hin zum Grab.
Autorin: Maria von Magdala bahnt sich den Weg durch die Nacht. Irgendetwas von der Überzeugung ist in ihr wach geblieben: Es geht immer weiter. Es lohnt sich, sich auf den Weg zu machen. Und dann: Der Stein ist weg. Das Grab ist leer. Das ist das erste, das Maria von Magdala sieht. Die Versteinerung löst sich. Sie beginnt zu weinen. Und mit den Tränen in den Augen wird etwas Neues sichtbar: Engel. Engel in der Bibel begleiten Menschen, da wo sie an ihre Grenzen kommen. Und meist ist ihr erster Satz Fürchte dich nicht!.
Sprecher: Maria Magdalena ist längst durch die Angst hindurchgegangen. Wovor soll sie sich fürchten? Sie hat alles verloren. Deshalb fragt der Engel: Frau, warum weinst du? Und Maria findet in ihrer Trauer wieder Worte. Zugleich klammert sie sich an das äußere, das ihr geblieben ist. Sie haben meinen Rabbi fortgenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gebracht haben! Dann dreht sie sich zu der Stimme um und sieht Jesus, ohne ihn zu erkennen. Jesus fragt: Frau, warum weinst du? Wen suchst du?. Rückwärts gewandt - in der Vergangenheit suchend - kann sie ihn nicht erkennen. Da ruft Jesus sie bei ihrem Namen Maria. Nur ein Wort. Geborgen fühlt sich Maria durch dieses eine Wort sicher und stark. So wendet sie sich erneut um ihrer Zukunft zu. Jetzt erkennt sie Jesus. Sie kann ihn nicht mehr berühren, aber ihr wird klar, dass das, was sie vor Jesu Tod mit ihm erlebt hat, auch nach seinem Tod noch Bedeutung hat. Maria Magdalena bekommt einen Auftrag. Sie wird zu den Jüngern und Jüngerinnen geschickt mit Botschaft: Jesus ist auferstanden. Die Gemeinschaft, die ihr geblieben ist, kommt wieder in den Blick. Menschen, denen sie sich mitteilen kann. Und sie wird zur ersten Botin der Auferstehung, zu einer, die mehr zu berichten hat als nur von Engeln und vom leeren Grab.
Autorin: Später wurden ihr in der Tradition andere Frauen zur Seite gestellt. Die Mutter Jesu wird wichtiger als seine Freundin. Maria Magdalena schafft es nicht bis ins Glaubensbekenntnis. Die Männer werden zu den Predigern der Auferstehung.
Sprecher: Paulus wird Maria von Magdala mit keinem Wort mehr erwähnen. In seiner Liste der Zeugen der Auferstehung wird er sie übergehen.
Autorin: In den frühen Gemeinden wird sie noch als Vertraute Jesu, bei den Katharern als Beispiel von Standhaftigkeit verehrt, muss aber zunehmend dem Marienkult der offiziellen Kirche weichen. In den folgenden Jahrhunderten lebt sie in der Kunst weiter als schöne Predigerin, die auf mittelalterlichen Kanzeln steht, die in einem sakralen Glasfenster sogar tauft. Erst im Protestantismus wird sie wiederentdeckt. Katharina Zell, die Frau des Straßburger Reformators, beruft sich auf Maria Magdalena, als sie am Grab ihres Mannes predigt. Später entdecken auch andere sie wieder als erste Predigerin der Auferstehung. Manche sehen gar Magdalena und nicht Maria als Gegenbild zu Eva:
Sprecher: Eine Frau übertrat als erste, und so verkündet auch eine Frau als erste die Auferstehung.
Autorin: In neuerer Zeit ist Maria von Magdala für feministische Theologinnen wichtig geworden. Auf der Suche nach weiblichen Vorbildern und Frauengestalten in der Bibel sind sie auf Maria Magdalena gestoßen: auf die erste Predigerin der Auferstehung, die mit ihrer Lebensgeschichte deutlich macht, dass Auferstehung keine Zukunftsmusik ist, sondern eine Erfahrung der Gegenwart.
Sprecher: Maria Magdalena wird zur Trostgestalt für alle, die nicht wissen, wie sie weiterleben sollen, wenn Menschen alles, was von Gott kommt, töten können. Denn sie findet wieder Kraft und Sprache und kehrt aus ihrer inneren Finsternis zurück zu den Menschen, die ihr wichtig sind. Sie spürt in sich, dass Gott nah ist: eine Kraft, die Tod und Sinnlosigkeit beendet, nicht am Ende der Zeit, sondern jederzeit. Weil sie das erfahren hat, kann sie von Auferstehung reden.
Autorin: Während bei Paulus die Auferstehung das Entscheidende ist und von dort aus sich die Bedeutung Jesu erschließt, ist es bei Johannes umgekehrt: Die Auferstehung am Ostermorgen kann nur sehen, wer am eigenen Leib erlebt hat, dass Jesus Kraft und Leben und Rettung ist. Deshalb heißt von Auferstehung reden auch: Auferstehung zu praktizieren, für das Leben eintreten. Dorothee Sölle hat das so formuliert:
Sprecherin: Ich glaube an Jesus Christus, der aufsteht in unser Leben, dass wir frei werden von Vorurteilen und Anmaßung, von Angst und Has,s und seine Revolution weitertreiben auf sein Reich hin.
Autorin: Auferstehung hat immer auch eine politische Dimension: Sie ist Aufstand für das Leben. In einer Welt, in der noch nicht alle Wunden geheilt sind, erzählen Auferstehungsgeschichten davon, dass die Kraft Gottes schon an einer neuen Schöpfung arbeitet. Auferstehung beschreibt die Hoffnung, dass das Unrecht nicht siegt. Damit wandelt sich die Passions- und Ostergeschichte von der Verherrlichung des Leidens zu einer Widerstandsgeschichte.
So an die Auferstehung zu glauben heißt dann: aus der Gewissheit zu leben und zu handeln, dass sich nicht das auf Dauer bewährt, was Tod bringt, sondern das, was das Leben fördert. Das ist die Hoffnung, die den Ostermorgen überstrahlt. Die feministische Theologin Luzia Sutter Rehmann hat sie in einem Gedicht beschrieben.
Sprecherin: Wir sind auf der Suche Nach der Kraft Die uns aus den Häusern Aus den zu engen Schuhen Und aus den Gräbern treibt.
Aufstehen und Mich dem Leben in die Arme werfen Nicht erst am jüngsten Tag, nicht erst, wenn es nichts mehr kostet und niemanden mehr wehtut.
Sich ausstrecken nach allem, was noch aussteht, und nicht nur nach dem Zugebilligten. Uns erwartet das Leben. Wann, wenn nicht jetzt?
Autorin: Wann, wenn nicht jetzt? Ich wünsche ihnen einen gesegneten Sonntag. Ihre Sabine Haupt-Scherer von der Evangelischen Kirche.
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Beim Erstellen dieser Andacht habe ich von folgender Literatur besonders profitiert: - Drewermann, Eugen: Maria von Magdala am Grab: In: Derselbe: Die Botschaft der Frauen. Das Wissen der Liebe. München 1992, S.155-183. - Markert, E.C. / Schollas, T.: Maria Magdalena Die erste Zeugin der Auferstehung. In: Gast, Ursula / Markert, Elisabeth Christa / Onnasch, Klaus / Schollas, Thomas: Trauma und Trauer. Impulse aus christlicher Spiritualität und Neurobiologie. Stuttgart 2009, S.201-213. - Moltmann-Wendel, Elisabeth: Maria oder Magdalena Mutterschaft oder Freundschaft? In: Moltmann-Wendel, Elisabeth / Küng, Hans / Moltmann, Jürgen (Hg.): Was geht uns Maria an? Gütersloh 1991, S.51-59. - Sutter Rehmann, Luzia / Bieberstein, Sabine / Metternich, Ulrike (Hg.): Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen. Gütersloh 2003.
Maria von Magdala
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