Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.04.11, Pfarrerin Kerstin Goldbeck

"Verschwendung aus Liebe!" - Gottesdienst zu Palmsonntag

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt: Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, 40 Rosen stehen auf dem Geburtstagstisch. Langstielig, alle verschieden: Rot und orange, rosa und gelb – ein Meer von Blüten. „So verschieden, wie deine vierzig Lebensjahre“ sagt der Mann, der sie seiner Liebsten geschenkt hat.

40 traumschöne Rosen – für das Geld, das sie gekostet haben, hätte man ein solides Paar Kinderschuhe kaufen können. Oder es für die Urlaubskasse zurücklegen. Oder etwas für „Brot für die Welt“ ermöglichen – wie viele Arme hätten davon wohl eine Zeit lang satt werden können?

Verschwendung?

Die beschenkte Frau weiß, ihr Mann ist ein vernünftiger und sparsamer Mensch. Er schmeißt sein Geld nicht leichtfertig zum Fenster raus. Sie kann sich denken, dass er innerlich durchatmen musste, als die Floristin den Preis für den Strauß genannt hat. Und darum hat sie diesen Strauß nicht vergessen. Auch viele Jahre nach ihrem 40. Geburtstag nicht. Sie hat gespürt, was dieses Geschenk bedeutete. Du bist mir kostbar. Ich liebe dich. Das ist unbezahlbar.

Unbezahlbar war auch, was eine namenlose Frau an Jesus tat; bald nach seinem Einzug in Jerusalem. – So erzählt es das Markusevangelium:

Sprecher: Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. (Mk 14,3-9)

Predigerin: Unbezahlbar ist es, was diese namenlose Frau an Jesus tut. Sie betritt den Raum, in dem Jesus sitzt mit seinen Jüngern und anderen Wegbegleitern. Die Männer essen miteinander, sie sind im Gespräch, Fragen werden gestellt, aufmerksam zugehört oder auch widersprochen und durcheinandergeredet – so wie es ist, wenn Menschen bei Tisch miteinander sprechen.

Und dann kommt sie. Ohne ein Wort. Ruhig und sicher, als wisse sie ohne jeden Zweifel, was jetzt zu tun ist. Ohne zu zögern, geht sie auf Jesus zu. Zerbricht den Hals des kleinen Alabasterfläschchens in ihrer Hand. Sofort breitet der Duft sich aus, erdig und herb. Sie gießt das Öl auf seinen Kopf. Sie berührt ihn mit ihren Händen. Und er?  Hält er inne? Schließt er die Augen? Atmet er tief? Wird es still im Raum, bleibt die Zeit stehen für einen Augenblick?

Dann aber beginnt das Raunen und Zischen und Murren und Kopfschütteln. Ungeheuerlich ist es, skandalös, dass eine Frau es wagt, vor aller Augen einen Mann zu berühren. Zärtlich noch dazu, sanft, liebevoll …  Aufgebracht klingen die Stimmen. Was tut sie da! Was erlaubt sie sich! Wie kann sie nur! Und dann spitzt alles sich zu auf einen einzigen Vorwurf: Verschwendung, ungeheuerlich! Was hätte man alles Sinnvolles tun können mit so viel Geld!

Eigentlich haben sie ja recht, die Kritiker. Sie rechnen und überschlagen. Dreihundert Silbergroschen kostet so ein Fläschchen. Dafür muss ein einfacher Mann ein ganzes Jahr lang arbeiten! Ein Vermögen - zunichte gemacht in ein paar Augenblicken.

Aber indem sie rechnen und messen und bewerten und schätzen, verfehlen sie die Tat dieser Frau. Denn sie hat nicht gerechnet. Sie liebt! Wer liebt, ist nicht berechnend. Fragt nicht: Lohnt sich das? Ist es den Aufwand wert? Macht sich das bezahlt?

Es ist, als sprächen die Ankläger in ihrer Vernunft eine andere Sprache.
Die Vernünftigen kalkulieren. Die Liebende singt ein stilles Lied.
Die Vernünftigen rechnen und verbuchen. Die Liebende verströmt, was sie hat.
Die Vernünftigen murren und klagen an. Die Liebende gibt ohne Worte.
Wer liebt, rechnet nicht.

1. Musik / Instrumentalkreis auf Empore

Predigerin: Die namenlose Frau aus Betanien spricht als einzige die Sprache der Liebe. Und nur einer ist da, der ihre Sprache versteht. Weil er sie selber spricht. Weil er sich verströmt in seiner Liebe zu den Menschen. Er redet von Gott auf eine Weise, dass Menschen sich selbst in einem anderen Licht sehen können. Er hüllt sie ein in die Liebe Gottes. Er heilt den Schmerz ihrer Körper und ihrer Seelen. Er mahnt und tröstet. Er lehrt das Beten. Er zeigt, wie Teilen geht. Er besänftigt die Angstwellen. Er ruft ins Leben. In jeder einzelnen Begegnung gibt er. Und selbst dann, wenn er die Stille sucht, wenn er sich zurückzieht in die Berge, um allein zu sein mit seinem Gott, selbst dann laufen sie ihm nach. Und wenn er sie sieht, dann jammert es ihn, dann lässt er sich berühren und gibt. Immer und immer.

Nur ein einziges Mal erzählt die Bibel zuvor, dass Jesus beschenkt worden ist – mit Gold, Weihrauch und Myrrhe zu seiner Geburt. Seither ist er es, der gibt. Bis zu dem Tag, als diese Frau ihn beschenkt.

Und er lässt sich beschenken. Er nimmt, was sie gibt. Er versteht ihre Sprache, die Sprache der Liebe, die seine Sprache ist. Er lässt es an sich geschehen. Und als die Frau angegriffen wird, nimmt er sie in Schutz: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Er weist die vernünftigen Berechner in die Schranken. Ihr habt immerzu Gelegenheit, Almosen zu geben. Aber sie hat eine Gelegenheit genutzt, die bald verstreichen wird. Weil ich in den Tod gehe. Weil ich mich selber gebe, mein Leben, für euch alle. Sie hat es gesehen, und hat in ihrer Liebe auch den Schmerz getragen. Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis.

Jesus würdigt das Geschenk der Frau. Erst dadurch leuchtet es in seiner Kostbarkeit. Hätte er sich nicht so ganz an ihre Seite gestellt, das Geschenk hätte an Wert verloren. Ein schaler Beigeschmack wäre geblieben. Aber er belässt dieser Gabe ihren Wert, indem er sie ganz und gar hinnimmt. So wie er vollkommen geben kann, kann er auch vollkommen nehmen.

„Geben ist seliger als nehmen“, weiß die Bibel. (Apostelgeschichte 20,35) Ja, aber auch im Nehmen liegt ein Stück Seligkeit! Und mir scheint: Nehmen ist schwerer als Geben. Wir verraten uns, wenn wir als Beschenkte sagen: „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“ Nein, nötig gewesen wäre dieses Geschenk nicht. Aber reich und froh macht es doch! Oder, noch verräterischer: „Wie kann ich das wieder gut machen?“ Als wäre etwas schlecht geworden, wenn wir die Beschenkten sind. Jesus weiß: Sie hat ein gutes (!) Werk an mir getan. Weil ihr Schenken gut ist, darum ist es auch sein Empfangen.

Nehmen, liebe Gemeinde, einfach empfangen, uns beschenken lassen – können wir das? Ohne das Bedürfnis, es „wieder gut zu machen“? Ohne uns zu revanchieren? Einfach nur empfangen, annehmen, geschehen lassen – das ist schwer für uns erwachsene Menschen. „Wahrlich, ich sage euch“, sagt Jesus an anderer Stelle, „wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen …“ Kinder können das, sich ganz und gar beschenken lassen. Jesus kann es auch. Weil er die Sprache der Liebe spricht und versteht. In der Sprache der Liebe höre ich, wenn ich beschenkt werde: Ich bin dir wichtig und kostbar. Kann ich das glauben und annehmen und mich beschenken lassen? (4.20)

2. Musik / Instrumentalkreis auf Empore

Predigerin: Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. Jesus bewahrt der Frau, deren Namen die Bibel nicht erwähnt, ein Gedächtnis. Ihre Tat klingt nach durch die Jahrhunderte, ihre Liebe leuchtet. Bis zum heutigen Tag.

Wir hören ihre Geschichte an diesem Morgen. Wir erleben mit, wie sie schenkt, großzügig und hingebungsvoll. Und es strahlt etwas aus von ihr. Wie eine Einladung, eine Ermutigung. Liebe Gemeinde, diese Frau rührt eine Sehnsucht in mir an. Die Sehnsucht, so verschwenderisch schenken zu können! Zu geben, was ich habe. Zu verströmen, was mein ist. Großzügig, überfließend, ohne Berechnung.

Ich denke an meine drei Töchter und daran, wie sie mich beschenken, jeden Tag aufs Neue, jede auf die ihr eigene Weise. Die eine mit ihrem unvergleichlichen trockenen Humor, der schon so oft meine Anspannung gelöst und mich einfach nur froh gemacht hat. Die zweite, wenn sie mich anschaut an müden und trüben Tagen und sagt: „Mama, ich glaube, du brauchst eine Kraft-Umarmung!“ Die jüngste, deren unbeschwertes Geplapper mich erinnert, dass man das Leben nicht immer so schwer nehmen muss. Sie geben, was sie haben. Sie schenken, was in ihnen ist, einfach so, selbstverständlich, großzügig und frei. 

Ich glaube ganz sicher, dass Gott in einen jeden von uns gute Gaben gelegt hat. Dass wir alle etwas Kostbares in uns tragen, einen Schatz, uns anvertraut, mit dem wir beschenken und reich machen können. Was ist in Ihnen, liebe Gemeinde? Was tragen Sie Kostbares in sich, was ist gerade Ihnen zueigen, das zu verschwenden und verschenken sich lohnen würde? Zeit und ein offenes Ohr? Zufassende Hände? Eine Stimme, bei deren Gesang andere aufhorchen und still werden? Ein weites Herz, das auch die Schwierigen versteht? Kraft und Geduld zum Beten für jemanden in Not? Und wenn da nur Fragen und Zweifel sind – könnte nicht gerade dadurch ein anderer Mensch sich wichtig genommen fühlen in seinem Rat?

Die namenlose Frau aus Betanien ermutigt uns, zu verschenken, was in uns ist. „Sie hat getan, was sie konnte“, sagt Jesus. Darum geht es: Zu tun, was wir tun können! Wir brauchen nicht zu tun, was uns überfordert. Nicht was uns fremd ist, auch nicht, was andere können – nein, aber das, was gerade wir können!

Mag sein, dass der Schatz in uns manchmal fest verschlossen scheint, so wie das Salböl in dem kleinen Fläschchen. Wenn Angst oder Zweifel oder Scham es verhindern, dann kann nicht fließen, was wir zu geben haben. Ich denke an die Bilder eines alten Mannes aus Ägypten. Unter Tränen sagt er: „Warum haben wir nicht früher gekämpft für die Freiheit! Dann hätten die jungen Leute in unserem Land nicht so viel Leid ertragen müssen.“ Jetzt aber steht er inmitten einer Demonstration. Jetzt ist er Teil der großen Bewegung, die die arabische Welt erfasst hat. Da verströmen Menschen ihre Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit. Oft ohne Rücksicht auf die Gefahr für Leib und Leben, die das bedeutet. Da schenken sie der Welt ihren Mut, lassen sich nicht mehr den Mund verbieten, sich nicht mehr in die Schranken weisen von denen, die Macht haben.

An so vielen Orten der Welt sind Menschen in Not. Unsere Aufmerksamkeit ist in diesen Wochen bei den Opfern des Erdbebens und des Tsunamis in Japan. Bei den Arbeitern, die in Fukushima ihr Leben aufs Spiel setzen. Und zugleich warten in Lampedusa Tausende von Flüchtlingen auf ein menschenwürdiges Leben. Zugleich ist immer noch die Not groß in Haiti, sehnen sich Menschen nach Frieden in Afghanistan. Sie alle brauchen Aufmerksamkeit, finanzielle Hilfe und Menschen, die für sie beten.

Tun wir also, was wir tun können, liebe Gemeinde! Tun wir es für die Menschen in der Ferne und die in der Nähe. Gott hat Schätze in uns gelegt. Gott ist verschwenderisch großzügig mit uns, damit wir verschwenderisch schenken. Im Vertrauen auf die guten Gaben Gottes in uns werden wir tun, was gerade wir tun können.

Und so gehen wir die Schritte Jesu nach, der sich selbst gegeben hat, verschwenderisch und rückhaltlos, damit alle das Leben finden – und volle Genüge. Amen.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht als unser Denken und Verstehen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


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