Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.04.11, Pfarrer Rüdiger Schnurr

Pilatus - kein guter Tag für ihn

Guten Morgen, liebe Hörerin und lieber Hörer. Und nicht nur der Morgen soll gut für Sie sein, ich wünsche Ihnen, dass auch der Tag für Sie gut wird.

Einen guten Tag hätte sich vor rund 2000 Jahren auch Pilatus, der Statthalter des Kaisers in Judäa gewünscht. Aber er hatte es nicht in der Hand. Schon früh am Morgen kamen die vornehmen Vertreter der Juden zu ihm und verlangten von ihm die Bestätigung eines Todesurteils. Ihm war nicht wohl dabei. Der Gefangene Jesus kam ihm nicht wie ein Verbrecher vor. Merkwürdig, dass der sich noch nicht einmal verteidigte: Jesus sagte kein einziges Wort. Pilatus verwunderte sich sehr darüber. Dafür redeten, ja schrieen alle anderen umso mehr. Keinen Einwand von Pilatus ließen sie gelten. Aufruhr lag in der Luft. Es war kein guter Tag für Pilatus. Er machte keine gute Figur. Jede Souveränität fehlte ihm an jenem Tag. Er folgte nicht seinem eigenen Urteil. Der mächtige Vertreter des Kaisers entschied sich für den Weg des geringsten Widerstands. Auch die Verantwortung für seine Entscheidung wollte er nicht übernehmen. Er wusch seine Hände in Unschuld, als er das Todesurteil über Jesus bestätigte. Nach Rom konnte er zwar melden: es sei ihm gelungen, einen drohenden Aufstand in einer aufgeheizten Lage wenige Stunden vor dem großen Fest in Jerusalem zu verhindern.. Aber wenn er ehrlich war, das war wirklich kein guter Tag für ihn gewesen.

Solche Tage möchten wir am liebsten ausstreichen. Tage, an denen wir wider besseres Wissen und gegen unser eigenes Gewissen gehandelt haben. Wir sind nicht eingeschritten, als der neue Kollege den Rüffel für die Nachlässigkeit eines langjährigen Mitarbeiters bekam. Wir wollten es uns mit  jenem nicht verderben. Aber sich dann gut fühlen, das geht anders. Oder wie war das, als  nur ein Wort genügt hätte, und sofort der Verdacht gegen die angebliche Ladendiebin sich erübrigt hätte. Aber von Anfang an war die einem unsympathisch gewesen, als sie sich so frech vorgedrängelt hatte. Das wird sich schon von selbst klären.

Gewiss gibt es einen himmelweiten Unterschied in der Schwere der Schuld zwischen dem Versagen von Pilatus und den alltäglichen Versäumnissen bei uns. Aber der Grund ist immer der gleiche: Wir wollen uns raus halten. Wir scheuen Unannehmlichkeiten, obwohl wir unsere Verantwortung genau spüren. Und es geht uns in aller Regel nicht gut damit.

Pilatus ist der, der uns von allen, die in der Passionsgeschichte Jesu auftreten, am ähnlichsten ist. Er ist Teil eines Systems, das funktionieren muss. Daraus kann er sich nicht verabschieden. Er ist nicht die treibende Kraft in dem bösen Spiel, aber er hat ihm nicht viel entgegenzusetzen. Er findet gewiss immer Gründe, die ihn am Ende als klugen und weitsichtigen Politiker erscheinen lassen.  Er könnte Einfluss nehmen, aber er lässt sich treiben und stemmt sich nicht gegen das offensichtliche Unrecht. Von solchen Menschen gilt, was der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King einmal gesagt hat: „Wer das Böse ohne Widerspruch hinnimmt, arbeitet in Wirklichkeit mit ihm zusammen.“

Pilatus wird es nicht gehört haben, als Jesus später am Kreuz gebetet hat: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“ Aber auch für ihn hat Jesus gebetet. So oft wissen wir auch nicht, was wir mit unserem Schweigen und bloßen Zusehen anrichten. Wir lassen uns so oft mit der Masse treiben und trauen uns  nicht gegen den Strom zu schwimmen. Am Ende wissen wir, das war wieder einmal kein guter Tag für uns..

Jesus hat sein Gebet; „Vater, vergib ihnen...“ auch für uns gesprochen. Vergebung macht ja nur dann Sinn, wenn es danach ohne die Schuld weitergeht. Wenn wir eine neue Chance zur Bewährung haben. Darum bricht die Geschichte Jesu auch nicht am Kreuz ab. Sie führt weiter. Denn sonst wäre der Tod Jesu ein sinnloser Tod. Dann wäre auch das Gebet Jesu sinnlos. Dann wären alle Tage auf dieser Erde Tage ohne Zukunft.

Aber weil Jesus gebetet hat, haben wir es nicht nötig unsre Hände in Unschuld zu waschen. Wir können zu unserem alltäglichen Versagen stehen und täglich neu anfangen auch gegen den Strom zu schwimmen.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Rüdiger Schnurr, Pfarrer in Hilchenbach.

Audiobeitrag Pilatus - kein guter Tag für ihn


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