Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.04.11, Pfarrer Erhard Ufermann

Zwischenräume

Ich mag Osterfeuer. Heute Abend fahre ich übers Land und stell mich irgendwo dazu. Möglichst da, wo es Kartoffeln oder sogar ein im Feuer schwarz gebratenes Würstchen gibt.

Ich steh dann bei den Leuten, schau ins Feuer, und manchmal kommt man beim Bier ins Reden. Vielleicht ist es Nostalgie, die Erinnerung an die Kindheit, vielleicht der Wunsch nach Wärme und Frühling, vielleicht die heimliche Sehnsucht nach einer heilen Welt. Ich mache das jedes Jahr. Die meisten suchen Ostereier. Ich suche Osterfeuer.

Zwischen Karfreitag und Ostern: Eine sich etwas merkwürdig anfühlende Zeit. Eigentlich leben wir immer dazwischen: Zwischen Aufstehen und ins Bett gehen, zwischen Schulbeginn und -ende, Berufsanfang und -ausstieg, zwischen Verliebtheit und Gewohnheit, Lebensanfang und -ende. Wir leben in Zwischenräumen. Etwas beginnt und endet irgendwann. Diese kurze Zeit zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen der Hinrichtung Jesu und dem, was wir Auferstehung nennen, ist anders: Am Anfang steht das Ende.

Die Freunde Jesu waren am Karfreitag fertig. Es brach für sie eine Welt zusammen. Sie hatten gehofft, dass er die Besatzungsmacht Rom ins Meer jagt und das eigene Establishment gleich mit; dass er Freiheit bingt und Gerechtigkeit; dass er die Religion befreit von traditionellen Verkrustungen und neue Perspektiven öffnet.

Stattdessen reichten eine Handvoll Soldaten, ein Verrat aus eigenen Reihen und ein paar diplomatische Winkelzüge, um alle Hoffnungen zu beenden. Ja noch mehr: Die Freunde selbst mussten vor den Ermittlungsbehörden untertauchen, um nicht als Sympathisanten festgenommen zu werden. So einfach war das zu erledigen mit diesem Wanderprediger und vermeintlichen Hoffnungsträger.  Was bleibt, wenn alles am Ende zu sein scheint? Wenn man z.B. einen Menschen verliert, den man liebt oder an den man geglaubt hat? Was bleibt, wenn offenbar sogar Gott gescheitert ist?

Morgenmagazin. Die Kamera zeigt einen alten Mann mitten in der katastrophalen Zerstörung seiner Stadt in Nordjapan. Er steht dort, wo sein Haus stand. Was mit seiner Familie sei, wisse er nicht, so übersetzt die Journalistin. Dann wendet er sich ab und sortiert vor laufender Kamera das, was er im Chaos von sich wieder finden konnte: Eine Teekanne, Fotos, etwas Regalähnliches. Schnelle Schnitte und Bilder der Kamera. Ein O-Ton. Nur nicht zu lange hinsehen. Es könnte den Tag verhageln. Ein Blick von oben auf den geplatzten Reaktor. Drei Arbeitern wurden die Füße vom kontaminierten Wasser verbrannt. Ein verlogenes Statement des Sprechers der Betreibergesellschaft. Dann das Wetter in Japan und in Deutschland. Und wir glauben zu wissen, was passiert.
Ist Gott gescheitert? Oder nur der Mensch? Läuft beides nicht auf dasselbe hinaus? Ich habe in meinem Leben ein paar Menschen kennen lernen dürfen, die aus dem Schutt ihres Lebens heraus kletterten. Völlig fertig. Am Anfang stand ihr Ende. Dann richteten sie sich auf einmal auf und fingen an, das Wenige zu sortieren, dass sie von sich noch finden konnten. Ich weiß nicht, woher sie die Kraft nahmen. Ich bin nur Zeuge ihres Aufstandes.  Wir leben in Zwischenräumen. Manchmal endet etwas im Leben, um irgendwann neu zu beginnen. Auferstehung. Der Aufstand des Lebens gegen den Tod.

Zwischen Karfreitag und Ostern. Ich suche heute Abend mein Osterfeuer. Ich stell mich irgendwo dazu, schau ins Feuer und hoffentlich wird mir warm.

Audiobeitrag Zwischenräume


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