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Ecce homo
Im ersten Moment denkt man an eine schlechte Inszenierung: Irgendjemand schiebt den Gefolterten an den Bühnenrand.
Eine bluttriefende, makabre Szene und ruft: Seht: Ein Mensch! Und das Volk grölt: Weg mit dem!
Ein paar Tage zuvor wurde er noch gefeiert wie ein Pop-Star, wie ein Thronnachfolger. Die Medien berichteten. Es sprach sich rund: Er käme, um aufzuräumen. Gesetze seien für den Menschen gemacht, nicht umgekehrt, soll er gesagt haben. Macht sei immer relativ und müsse sich messen lassen. Gerechtigkeit forderte er für die, die ausgebeutet und benutzt werden. Gott sei auf ihrer Seite, auf Seiten der Ohnmächtigen. Die Mächtigen aber fanden seine Auftritte wenig witzig. Die das Sagen haben, definieren, wer Recht hat, und wo Gott ist. Da halten dann auch schon mal Politik und Religion, Justiz und Medien zusammen.
Als Jesus die Tische der Bänker umtrat, schlug das System zurück: Schmiergelder und Kronzeugenregelung, Verrat und Verleugnung durch die engsten Freunde, Anklage wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung und so weiter. Man machte kurzen Prozess. Alles ganz legal natürlich: Höchststrafe.
Die Vorführung des Gefolterten durch Pilatus - ein Lehrstück für Diplomatie: Ich finde keine Schuld an ihm, sagt Pilatus. Ecce homo! Seht: Ein Mensch! Nur ein Mensch. Das Volk aber schrie noch lauter: Weg mit dem! Am Ende machte der Vertreter der Weltmacht Rom das, was von ihm erwartet wurde: Er lieferte aus. Nur ein Verwaltungsakt. Die Wahrheit wurde zwar verkauft, die Ordnung dafür aber aufrecht erhalten. So geschehen hunderttausend Mal in der Geschichte. Die Wahrheit, der Mensch: Geopfert.
Eine alte Geschichte, ein zeitlos brisantes Thema. Dass Wahrheit und Gerechtigkeit verkauft werden können, wissen wir. Dass Ordnung oft wichtiger zu sein scheint als Menschenfreundlichkeit, hat jeder schon mal auf der Arbeit oder bei Behördengängen erlebt. Dass der Mensch verraten und geopfert wird, damit wird in unserem Wirtschaftssystem im wahrsten Sinne des Wortes gerechnet. Das Spekulationsobjekt: Ecce homo! Letztes zynisches Beispiel: Zwei Wochen nach der Katastrophe in Japan hält der US Börsenmogul Warren Buffett japanische Aktien für gewinnträchtige Kaufgelegenheiten - gerade wegen der Katastrophe.
Morgen ist Karfreitag, ein Klage- und Trauertag in Erinnerung an die Hinrichtung Jesu. Am Vorabend seines Prozesses saß er noch mit seinen Freunden zusammen und feierte den Beginn des Pessachfestes, die alljährliche Erinnerung des jüdischen Volkes an das Ende der Sklaverei.
Vielleicht ist es gut, sich einmal im Jahr zu erinnern, zu betrauern und zu beklagen, wo Wahrheit verbogen, Gerechtigkeit umgedeutet, der Mensch ausgeliefert wird. Denn wenn sich Gott mit dem Ausgelieferten identifiziert, steht viel mehr auf dem Spiel als ein Einbruch der Aktienkurse. Dann entscheidet sich unser Menschsein daran, ob wir Partei ergreifen oder Gott verkaufen. Weg mit dem!
Die Erinnerung an die Verurteilung Jesu kann vielleicht dabei helfen, dass wir Menschen besser zu uns finden, zu unseren Möglichkeiten, Grenzen und zu unserer Verantwortung. Gerade jetzt - bei den gegenwärtigen Umbrüchen, Unsicherheiten und Katastrophen in unserer Welt. Dann macht der Karfreitag als Feiertag Sinn. Ecce homo! Seht: Ein Mensch!
Ecce homo
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