Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.04.11, Pfarrer Matthias Köhler

Zeichen der Zeit

Das Jahr 2011 werden wir nicht so schnell vergessen – hoffentlich. In Japan bebte die Erde, wurde danach überflutet und anschließend verstrahlt.

Alles was schief gehen konnte ging auch schief, eine tödliche Kombination aus Naturgewalt und empfindlicher menschlicher Technik.

Viele halten die Katastrophe in Japan für ein Menetekel. Und wieder fällt der Satz, den wir nach dem 11. September 2001 so oft hören mussten: Die Welt ist nicht mehr so, wie sie vorher war.

Die Katastrophe von Japan zeigt uns, wie klein und unbedeutend, wie hilflos und ohnmächtig der Mensch, gegenüber den Kräften der Natur ist. Ein solch starkes Beben hat man schlicht  für unmöglich gehalten.

Nun zeigt sich einmal mehr, dass der Mensch, so sehr er sich bemüht, der Natur Herr zu werden, Gottes Schöpfung zu beherrschen und zu kontrollieren, scheitern muss. Die Schöpfung lässt sich nicht kontrollieren. Jedenfalls nicht von uns. Wir müssen lernen mit der Natur und nicht gegen sie zu leben.

Wenn diese Katastrophe irgendeine Botschaft haben kann, dann mag es ein eindringlicher Ruf zur Umkehr und zur Demut sein, der dann aber nicht nur den Menschen in Japan gilt, sondern uns allen. Aber wer will schon hören, dass es so nicht mehr weitergeht?

Ich frage mich, ob wir tatsächlich die Zeichen der Zeit erkannt haben und wie ernst wir es meinen mit der Neuorientierung in Bezug auf unseren Energiehunger. Ist das dreimonatige Moratorium der Laufzeitverlängerung lediglich Wahlkampfgetöse oder Ausdruck echten Nachdenkens? Werden die geforderten Prüfungen der Energiekonzepte ohne Tabus wirklich angegangen oder verlaufen sie im diplomatischen Gerangel parteipolitischer Überlegungen? Sind die Zeiten der Lobbypolitik endgültig vorbei?

Und sind wir bereit, die fälligen Konsequenzen aus einer veränderten Energiepolitik zu tragen, sprich: mehr Geld auszugeben für Wärme und Licht und Mobilität? Oder wollen wir doch nicht auf die Vorteile preiswerten Stroms verzichten?

Besitzen wir den Willen und den Mumm, Energie effizient zu sparen anstatt nach neuen Ölfeldern zu bohren? Besitzen wir den Willen und den Mumm, weniger Auto zu fahren und höhere Benzinpreise zu akzeptieren anstatt auf vermeintlich verbrauchsärmere Motoren und scheinbar ökologische Treibstoffe zu setzen?

Es ist Zeit zur Umkehr! So wie bisher kann und darf es nicht mehr weitergehen, nicht nur in puncto Energieverbrauch. Die Gier nach immer mehr, diese Sucht nach immer mehr Wohlstand, die immer mehr Opfer fordert, diese kapitalistische Art die Welt zu sehen, die zu einer Gleichgültigkeit gegenüber den vielen Armen und Hungernden führt, wird uns in den Abgrund führen und sie tut es schon mit der Hälfte der Menschheit.

Alle sieben  Sekunden stirbt ein Kind an Unterernährung, an mangelnder medizinischer Versorgung und verunreinigtem Wasser, während bei uns dreißig Meter lange Regale mit Hundefutter aus bestem Fleisch zu jedem halbwegs gut sortierten Supermarkt gehören.

Es ist Zeit nicht mehr nur den eigenen Wohlstand in den Blick zu nehmen, sondern auch darauf zu achten, welche Welt wir eigentlich unseren nachfolgenden Generationen überlassen.

Es ist Zeit zur Umkehr in vielerlei Hinsicht. Denn viel mehr Zeichen, dass uns unser Weg geradewegs in den Abgrund führen wird, werden wir nicht bekommen.

Audiobeitrag Zeichen der Zeit


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