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Mein liebster Schatz
Hallo Schatz, ich bin wieder daheim
so ruft jemand ins Haus hinein, der sich freudig-fröhlich zuhause anmeldet,
nachdem er mit der Arbeit fertig oder von einer Reise zurückgekehrt ist. Auch mir geht das Wort Schatz gerade dann schnell über die Lippen, wenn ich mit vollen Einkaufstaschen vom Supermarkt gerade zur Tür hereingekommen bin. Das klingt schön und wohlig, herzlich und vertraut. Doch so leicht einem das Wort Schatz von den Lippen geht, so grübele ich doch manchmal, was genau damit gemeint ist, was sich dahinter verbirgt. Denn Schatz ist ein schillernder Begriff.
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, ich bin Rainer Withöft, evangelischer Pfarrer in der Gemeinde Gemarke-Wupperfeld in Wuppertal. Was haben wir nicht alles schon an Schätzen in unserem Leben vermutet, gesucht, entdeckt und gehoben. Jeder von uns ist ein Schatzsucher.
Musik
Autor: Unsere Schatzsuche beginnt schon in der Kindheit. Eine Kastanie vom Waldboden, eine Muschel vom Strand, ein glitzerndes Steinchen vom Flussufer. Kinder finden Schätze noch und nöcher. Es sind meist unbedeutende Gegenstände, die im Augenblick des Findens ihren Wert erhalten. Herausgeholt aus ihrer alltäglichen Umgebung werden sie mit Bedeutung aufgeladen. Der Entdecker allein setzt den Massstab, wieviel wert, wie kostbar das Fundstück ist. Sie werden zu einem Schatz, der gut gehütet sein will. Keksdosen und Zigarrenkisten werden zu Tresoren, die das kostbare Gut verstecken und hüten sollen.
Wer einmal so einen Schatz gefunden hat, der bleibt sein Leben lang auf der Suche. Er vermutet, dass er Schätze überall finden kann. Wenn er denn nur mit wachen Augen und aufmerksamen Sinnen durchs Leben geht. Und er spitzt die Ohren, wenn andere von ihren Schätzen erzählen. Spätestens dann hakt sich ein neuer Gedanke ein: Die Vorstellung eines großen unermesslich kostbaren Schatzes, den wir besitzen wollen, drängt sich in unsere Phantasie. Dieser Schatz hat aber entgegen unserer kindlichen Findebegabung ein Handicap: Er ist schwer erreichbar, unzählige Klippen und Hindernisse liegen zwischen ihm und uns. Aber manche lässt das nicht mehr los. Neugierig brechen sie auf vom Sauerland zum Silbersee, wie es so schön in dem Klassiker Der Schatz im Silbersee von Karl May anklingt.
Musik: Winnetoumusik
Autor: Die Schatzsuche aber endet ja nicht in der Kindheit. Vielleicht ändert sich die Qualität des Schatzes. Andere Werte treten in den Vordergrund. Schauen wir mal genauer hin: zunächst sind da die materiellen Schätze, die wir im Laufe unseres Lebens sammeln. Da gibt es doch des Deutschen liebstes Kind: Das Auto! Viele Menschen, es sind meist Männer, stellen ihr Auto nahezu höher in ihrer Schatzsammlung als Frau und Kind, es wird gehegt, gepflegt, gesäubert und poliert, manchmal sogar liebkost und wenn was dran ist, sofort repariert. Auf jeden Fall gut behandelt, wie es einem wahren Schatz doch auch gebührt. Frauen dagegen hüten lieber Schmuck. Geerbte oder von lieben Menschen geschenkte oder nach langem Auswählen selbst gekaufte Kostbarkeiten. Diese Schätze werden dann tatsächlich in Schatztruhen oder Schmuckkästchen aufbewahrt, manchmal wandern diese Schätze auch in den Haustresor, damit sich nicht irgendwann ein Langfinger darüber hermacht. Denn mit dem Besitz eines Schatzes geht sogleich auch eine Angst einher, den Schatz zu verlieren, ihn geraubt oder zerstört zu bekommen, damit eben auch einen Teil seiner Selbst zu verlieren. Denn wer schon mal von Dieben heimgesucht wurde, der weiß, wie schrecklich man sich fühlt, wenn fremde Menschen sich des heimlichen und wertvollen Schatzes bemächtigt haben und nun Schindluder damit betreiben, wie meine Oma immer sagte
Musik:
Autor: Es gibt die Ahnung in uns, dass auch Menschen zu solchen Schätzen für uns werden können. Schätze, die ich jeden Tag neu pflegen muss. Wenn man sein Gegenüber mit Schatz, Schatzi oder Schätzchen betitelt, dann steht dahinter das unmittelbare Gefühl: hier ist jemand an meiner Seite, da möchte ich gut drauf aufpassen, ihn gewissenhaft hüten und an niemanden sonst verlieren. Diesem Schatz möchte ich verfügbar sein, möchte achtgeben, dass nichts mit ihm passiert, ihm Zeit und Aufmerksamkeit schenken und das zukommen lassen, was er wirklich braucht. Auch die eigenen Kinder sind solche Schätze, die man hegt und pflegt, gut auf sie achtgibt und sich allezeit vergewissert: Haben diese Schätze auch das, was sie brauchen an Pflege, Unterstützung, Heimat und Fürsorge. Man möchte ihnen ein guter Wegbegleiter sein auf dem Weg in das Erwachsenenleben, ihnen die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen für ein eigenständiges und sozial abgesichertes Leben. Diese Schätze sind deshalb so wertvoll und besonders, weil wir sie nicht in einen Tresor sperren können, um uns allezeit vergewissern zu können, dass sie gut aufgehoben sind. Diese Schätze sind ständig in Gefahr, verloren zu gehen, sich abzuwenden oder ganz zu verschwinden.
Musik:
Autor: Biblische Texte verbergen oft wahre Schätze. Manchmal erzählen sie direkt von der Suche und Bergung eines Schatzes, wie zum Beispiel in der Parabel vom Schatz im Acker. Diese Schatzgeschichte basiert auf blosse Vermutung: Dort wird uns eine Geschichte erzählt, in der von einem solchen Schatz die Rede ist, der auf einem Acker vergraben wurde. Doch das ist nur eine Vermutung. Und dennoch kommt ein Kaufmann vorbei, der davon gehört hat und sich seitdem dem Acker geradezu verpflichtet fühlt. Er kauft den gesamten Acker, mit Erde, Unkraut und Steinen, in der Freude, diesen Schatz nun besitzen zu dürfen. - Eine eigenartige Erzählung über einen Schatzsucher. Müsste er nicht schlauer sein und den Schatz irgendwie anders bergen, ohne gleich einen ganzen Acker dafür zu kaufen. Eine andere biblische Schatzgeschichte berichtet von einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht. Als er eine besonders wertvolle und schöne Perle gefunden hat, verkauft er alles, was er besitzt, um sie zu kaufen. Auch hier wieder völlige Hingabe an den einen Schatz, alles wird auf eine Karte gesetzt. Geht´s schief, verlieren die Perlen- und Ackerbesitzer alles, was sie je besessen haben. Aus wirtschaftlicher Sicht handeln die Kaufmänner unvernünftig. Der Theologe Fulbert Steffensky sieht das anders, er sagt zu dieser Unvernunft:
Sprecher: Es gibt etwas, wofür man seine ganzen Lebenskräfte und Lebensmittel aufwenden könnte, um es zu finden. Diese charmante Geschichte von dem verrückten Menschen, der alles auf eine Karte setzte, arbeitet an unseren Schatzgräberinstinkt, wie viele andere Erzählungen des Evangeliums ebenso.
Doch der Mensch verkauft alles, was er hat, und findet den Schatz.
Es sind Leichtsinnsgeschichten, die da erzählt werden. Es sind die Geschichten eines jungen und frischen Geistes. (Genau) das ist die Lust, jene Geschichten schön zu finden. Man müsste diese Kaufleute mit ihrem falschen Berufsverhalten schön finden. Man müsste ihre Keckheit, ihren Mut und ihre größere Fülle charmant finden. Man müsste sie heiraten wollen wegen ihres Lebensreichtums. Nur wer die Güte schön findet, wird zu ihren Verbündeten.
Autor: Der Schatz im Acker ist das Symbol für Unvernunft und Leichtsinn. Man tut etwas Ungewöhnliches in der innigen Hoffnung, dass daraus etwas Wunderbares entsteht. Manchmal tut man etwas Verrücktes und schaut, was dann passiert. Man schließt vielleicht heimlich mit sich selbst eine Wette ab und wartet ab, was sich nun ergibt.
Musik:
Autor: Uns ist dieser Leichtsinn scheinbar abhanden gekommen. Vielleicht haben wir als Kinder und Jugendliche öfter mal etwas Verrücktes gemacht, es manchmal hinterher bereut, aber auch manchmal mit Staunen quittiert. Es ist schon verrückt, wozu wir da in der Lage waren. Wir haben uns quasi für den Moment im Ausnahmezustand erlebt. Vielleicht sind wir längst auf der Suche nach wunderbaren Schätzen, trauen uns aber nicht, uns dafür auch mal zu verändern, zu vergessen, zu vergeben. Steffensky erinnert uns an die Leichtigkeit des Seins, will uns aufrufen, mehr Mut und Zuversicht für Ungewisses zu riskieren. Die Augen aufzumachen, die wahren Schätze auf unserem Lebensweg weder zu ignorieren noch zu übersehen. Schätze, für die wir nichts bezahlen müssen, die uns geradezu in den Schoß fallen. Steffensky möchte uns auf die Stimmen zurückbesinnen, die uns helfen können, Schätze in unserem Leben zu bergen. Er sagt dazu:
Sprecher: Wir haben einen Chor von Stimmen, versammelt in der Bibel. Auch der der Bibel gegenüber gilt das Bilderverbot. Sie ist nicht der Schatz im Acker, aber sie ist der Acker, in dem wir die Schätze vermuten und nach ihnen graben können. Hier sind die Stimmen des Ursprungs zusammen, fehlbar auch diese. Aber aus ihrem Zeugnis ist die Wahrheit herauszuhören und zu ermitteln, nicht leicht, und auch wir werden nicht ohne Irrtümer bleiben bei unseren Hörversuchen und bei der Arbeit, die Wahrheit weiterzusagen. Nein, die Bibel ist nicht das Wort Gottes. Aber wir können uns darin üben, seine Stimme herauszuhören aus dem Gespräch der Zeugen des Anfangs.
Autor: Jesus hat in seiner Bergpredigt von solchen Schätzen geredet und in diesem Zusammenhang deutlich gemacht, dass einem diese Schätze nicht wieder verloren gehen können, weil dort, wo der Schatz ist auch das Herz ist. Mit anderen Worten, wenn wir uns dem Schatz, den wir gefunden haben, nicht verschließen, sondern ihn mit offenen Armen empfangen, werden wir selbst von ihm ergriffen, verändert, wunderbar berührt. Das ehrliche Wort eines Freundes, die Zuneigung des geliebten Menschen, der Blick eines Kindes, die aufkeimende Saat im Garten, die beginnende Kirschblüte im Park.. All das kann uns zum Schatz werden, unser Leben bereichern und erfüllen. Da, wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz, sagt Jesus und meint damit genau das. Wo Liebe zu etwas, zu jemandem, zu sich selbst keimt und zum Blühen kommt, haben wir auf unserer Schatzsuche mehr Gold gefunden, als wir es jemals erträumt haben. Dann wird unser Herz von göttlicher Kraft und Fülle durchdrungen sein.
Musik:
Autor: Bei der Schatzsuche auf unserem Lebensweg geht es natürlich auch nicht darum, allen materiellen Schätzen zu entsagen oder prinzipiell eine Absage zu erteilen und uns ins Kloster zu begeben. Dafür haben wir ja im Laufe des Lebens einiges an Luxusgütern und technischen Geräten verdient und bewusst in unser Leben integriert. Es geht vielmehr um die Wertschätzung und Wahrnehmung von Herzensangelegenheiten, die wir als Schätze in uns tragen und vor Gefahr schützen wollen. Dann können, Auto, Fernseher, Handy, Schmuck unser geschätztes Dasein auf ihre Weise bereichern und aufwerten, jedoch niemals von innen heraus verändern oder gar erfüllen. Das allein vermögen all die wertvollen Begegnungen und Ereignisse, die unser Herz von je her berührt haben. Gespräche, Blicke, Aufmerksamkeiten und auch Berührungen, die wie nie vergessen haben, die uns zu eigen geworden sind.
Solche Schätze bleiben uns erhalten, berühren uns allezeit, erinnern uns an die Tiefe und Weite menschlichen Erlebens. Mit diesen Schätzen werden wir einer Wirklichkeit begegnen, die uns oft verschlossen bleibt. Jene Schätze haben wir vielleicht nur deshalb finden und bergen können, weil wir es gewagt haben, den Leichtsinn zuzulassen. Nochmal ganz kindisch und unüberlegt aufs Ganze zu gehen. Nicht vorher alle möglichen Konsequenzen abzuklopfen. Risikoreich das Unmögliche in Aussicht zu stellen, damit mögliche Schätze auch gehoben werden können.
Das Herz kann nie genug mit solchen Schätzen gefüllt werden, solange man sich dieser wunderbaren Welt mit allen Sinnen öffnet. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Frühlingstag, gefüllt mit wahren und wirklichen Schätzen. Ihr Rainer Withöft, von der Evangelischen Kirche.
Musik:
Literatur: ·Steffensky, Fulbert, Der Schatz im Acker, Gespräche mit der Bibel, 2010 ·Ebert, Andr., Auf Schatzsuche. 12 Expeditionen ins Innere des Christentums, 1990 Strack,Hanna (Hg.),Den Schatz heben. Gottesdienste nach biblischen Texten, 1992
Mein liebster Schatz
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