Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.04.11, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Tolu und die Dankbarkeit

Manchmal geht es Tom-Lukas richtig elend. Zum Beispiel, wenn man ihn Tom-Lukas nennt. Er hasst diesen Namen und findet seine Eltern bescheuert,

die ihm diesen Namen angedreht haben. Er nannte sich deshalb schon seit Jahren Tolu. Und meistens nannten ihn die anderen auch so.

Nein, diesmal fühlte er sich so richtig mies, weil er glaubte, alles habe sich mal wieder gegen ihn verschworen. Gut, seine Eltern waren nicht schuld, auch nicht die Oma, selbst seine blöde dreizehnjährige Schwester nicht, obwohl er die fast genau so hasste, wie seinen vollen Namen.

Er hatte die Mathearbeit zurückgekriegt. Total verhauen. Stress mit dem Vater, obwohl der in der Schule auch keine große Leuchte in Mathe war, wie Tolu von seinem Onkel wusste. Überhaupt die Schule. Wozu ist die denn gut? Warum soll man all das Zeug lernen, dass er später sowieso nicht brauchen würde. Er würde Maler werden, ein Künstler –und wozu bitte schön sollte er sich mit Sachaufgaben in Mathe oder mit Aufsätzen oder Englisch beschäftigen? Und dann weigerte sich seine Mutter seit neuestem, ihn mit dem Auto zu  Schule zu fahren und ihn auch da abzuholen Solle er jetzt etwas bei Wind und Wetter an einer blöden Bushaltstelle stehen? Hat er sie gefragt. Das ginge doch überhaupt nicht. Außerdem müsse er dann noch früher aufstehen. Aber alles Palaver hat nichts genutzt. Mutter blieb hart. Meistens wenigstens.

Und dann verweigerten ihm die Eltern das Handy; obwohl alle in der Klasse eins hatten. Stimmt nicht, sagte seine Mutter und zählte ein paar auf, die auch keins hatten. Dass die immer alles so genau nahm. Und dann musste er neuerdings immer diese Tabletten schlucken, dann würde seine Haut nicht so jucken. Er wollte keine Tabletten schlucken. Und dann noch das: er war beim Fußball mit einem Mitspieler zusammengerasselt. Auch noch mit einem aus der eigenen Mannschaft. Gut, er war ein bisschen übereifrig gewesen. Dabei hatte sich den Knöchel gestaucht und ne Rippe geprellt. Tat höllisch weh. Aber noch schlimmer war: sie hatten dadurch den Ball verloren und die gegnerische Mannschaft hatte daraus das spielentscheidende Tor gemacht. Also verloren, wegen seines Übereifers, was ihm den geballten Ärger seiner Mannschaft einbrachte. Und dann noch für die nächste Zeit Trainings- und Spielverbot wegen seiner Verletzungen.

Nein, Tolu war sich ganz sicher: die ganze Welt hatte sich gegen ihn verschworen.

Am Nachmittag hatte es in Strömen geregnet und aus Langeweile hat Tolu mal Fernsehen geguckt. Beim Zappen, das kannte er von seinem Vater, blieb er an einer Sendung hängen. Es ging um einen afrikanischen Jungen; vielleicht so alt wie er. Der freiwillig noch vor Morgengrauen aufstand, um ja rechtzeitig in der Schule zu sein, die einige Kilometer von Zuhause entfernt war. Zu Fuß. Kein Mamaauto, kein Bus. Barfuss. Und in sengender Hitze zurück und dann zuhause geholfen bei der Feldarbeit. Und abends noch Aufgaben gemacht. Vom Reporter befragt, sagte der Junge, wie toll es sei, in eine Schule gehen zu dürfen, was für ein Glück er hätte. Klar müsse man auch den Eltern helfen und Barfußgehen, daran sei er gewöhnt. Er hoffe nur, nicht krank zu werden. Denn einen

Arzt gäbe es in der Nähe nicht und Geld für Medikamente hätten sie auch nicht. Tolu schaute gebannt zu und war hinterher sehr kleinlaut.

In der Bibel steht: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Einen schönen Sonntag voller Dankbarkeit wünscht Ihnen Pfarrer Gerd Höft aus Düsseldorf.

Audiobeitrag Tolu und die Dankbarkeit


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen