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Tolu und der Liebesbrief
Wenn Tolu etwas mit seine 1o Jahren schon gelernt hat, dann dies: eine ältere Schwester ist die Hölle. Seine ist dreizehn und er nennt sie nur noch Monster.
Sie schlägt natürlich zurück und nennt ihn, auch vor ihren Freundinnen und in aller Öffentlichkeit Tofu und dann gickeln und kichern alle und Tolu, der ja eigentlich Tom-Lukas heißt, kriegt einen roten Kopf und schämt sich in Grund und Boden. Aber auch sonst quält ihn seine Schwester, wo sie nur kann. Da wirft sie schon mal einige seiner Sammelkarten weg. Aus Versehen, wie sie dann mit unschuldigem Augenaufschlag sagt. Dann war mal sein Referat weg. Und er hatte einigen Stress in der Schule, weil ihm keiner glaubte, dass er das Referat angefertigt hatte. Ein paar Tage später tauchte es wieder auf, wie aus dem Nichts. Tolu war sicher, dass das seine Monsterschwester getan hatte. Außerdem petzte sie, was das Zeug hielt; manchmal auch nicht so ganz wahre Sachen. Und komischerweise hatte er immer das Gefühl, dass sie bei den Eltern mit allem durchkam. Seine Versuche, sich zu wehren, hatten keinen großen Erfolg, weder bei der Schwester noch bei den Eltern.
Und dann schien es, als hätte der Himmel ein Einsehen. Er sah, wie seiner Schwester auf dem Schulweg etwas aus der Jackentasche fiel, als sie ihr Handy rauskramte. Sie merkte das nicht. Tolu hob das Etwas auf. Ein Briefumschlag mit etwas drin. Ihm klopfte das Herz bis zum Hals, als der das Fundstück einsteckte und konnte es kaum erwarten, den Umschlag zu öffnen. Auf dem Umschlag stand in der Name ihres Mathelehrers. Der zufälligerweise auch seiner war.
In der Ecke zwischen Turnhalle und Ligusterhecke, dort, wo die Großen manchmal schnell eine rauchten, öffnete er den Brief. Und er traute seinen Augen nicht. Seine Schwester schrieb dem Mathelehrer einen Liebesbrief; aber was für einer! Soviel wusste Tolu schon die Aussagen darin waren nicht ohne. Einerseits war er peinlich berührt, so was zu lesen, aber andererseits sprang ihn geradezu folgende Gedanke an: Hab ich dich endlich, Schwesterherz. Dieser Brief wird dich unmöglich machen, in er Schule, zuhause und überall; denn das war Tolu klar: den Brief wird er vielfach kopieren und verteilen.
Aber andererseits war etwas anderes vielleicht nochbesser. Wenn er seiner Schwester sagt, dass er den Brief hat, hätte er ein wunderbares Erpressungsmittel in der Hand. Ja, das wars. Seine Schwester würde so was von handzahm werden; alles würde sie sicher machen, nur damit der Brief geheim bliebe. Ein wunderbares Leben mit einer fügsamen Schwester ein Traum und das Mittel dazu hielt er in der Hand.
Als aber dann die erste Euphorie nachließ, schlichen sich andere Gedanken in seinen Kopf. Wenn er seine Schwester erpresste, war er dann soviel besser als sie, die ihn quälte. Vergalt er nicht Gleiches mit Gleichem, hier also Böses mit Bösem. Er wollte doch anständig behandelt werden, hatte seine Schwester nicht auch ein Recht darauf, selbst wenn sie sich anders verhält. Und wenn man sich immer nur gegenseitig bekriegt, kann es denn dann irgendwann mal Frieden geben? Tolu seufzte tief. Ging zu seiner Schwester, gab ihr den Brief und sagte nur: Den hast du verloren. Verzog sich in sein Zimmer, schalt sich einen Idioten und fühlte sich wunderbar.
Jesus sagt: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut auch ihnen.
Einen schönen Sonntag, an dem es Ihnen gelingen möge, eine unheilvolle Kette von Widrigkeiten zu durchbrechen, wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Gerd Höft aus Düsseldorf
Tolu und der Liebesbrief
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