Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.04.11, Pastor Christoph Neumann

"Auf der Isolierstation"

Zuerst kommt der grüne Kittel. Dann binde ich mir die Haube um den Kopf und den Mundschutz über Nase und Mund.

„Hier haben Sie Handschuhe“ sagt die Schwester und wir dann gehen durch eine Schleuse in den Raum der Kranken. Es ist ein fremdes Gefühl in diesen Kleidern. Ich mache einen Besuch auf der Intensivstation. Ganz peinlich achtet das Krankenhauspersonal darauf, dass keine gefährlichen Keime übertragen werden können.

Ich setze mich ans Bett und halte die Hand der Kranken. So hat sie ein wenig menschliche Nähe in dieser abgeschotteten medizinischen Welt.

Immer mehr bedrohliche Viren und Keime werden entdeckt. Die Welt ist zu einem großen Dorf geworden. Da wird es immer wichtiger, Gefahren von Seuchen und Epidemien schon im Keim zu ersticken. Wie gefährlich das in einer globalisierten Welt sein kann, wird uns immer stärker bewusst. Ob BSE, Vogel und Schweinegrippe, immer wieder bedrohen uns ansteckende Krankheiten, die zu Epidemien werden können. Doch diese Gefahren gab es schon immer. Nicht erst im Mittelalter, in dem oft ganze Städte von Pest und Cholera hingerafft wurden. Schon in der Bibel gibt es eine ganze Reihe von Vorschriften, die die Gefahr von Seuchen und Krankheiten vermindern sollten. Wer sich nicht daran hielt, dem wurden die Leviten gelesen. Denn diese Vorschriften stehen im Buch Levitikus. Damals lebten die Israeliten als nomadischer Stammesverband in Zelten. Auf engsten Raum. Unterwegs durch die Wüste, in der es oft nur wenig Wasser gab. Kein Wunder, dass es da Vorschriften gibt, die uns fremd vorkommen. Was zu tun ist, wenn die Frau ihre Tage hat, bei Ausflüssen und Hauterkrankungen und Verletzungen. Oft wurden die Menschen dann isoliert. Ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. So, wie heute bestimmte Patienten auf die Isolierstation müssen. Das war schon damals wichtig. Doch später veränderten sich die Verhältnisse. Man wohnte nicht mehr auf engem Raum in Zelten, sondern lebte in Häusern. Die hygienischen Bedingungen wurden besser. Und doch blieben viele diese Vorschriften als göttliche Anordnungen bestehen. Man wusch sich zum Beispiel die Hände nicht nur aus hygienischen Gründen, sondern, weil Gott das einmal so angeordnet hatte. So entwickelte sich ein Bewusstsein der Absonderung. Juden durften keinen Kontakt mit Nichtjuden, den sogenannten Heiden haben. Die Gefahr einer medizinischen Ansteckung wurde zu einer geistig - religiösen Ansteckungsgefahr.

Als Christ haben für mich die Vorschriften aus dem Buch Levitikus keine Bedeutung mehr. Natürlich. Auch heute muss Hygiene sein, wenn Keime und Viren im Spiel sind. In religiösen Angelegenheiten aber orientiere ich mich an Jesus. Auch Jesus kannte die mosaischen Regeln und hat viele dieser Vorschriften beachtet. Doch seine besondere Fürsorge galt gerade den gemiedenen und isolierten Menschen seiner Zeit. Den Menschen, zu denen man auf Distanz ging, nicht weil ihr Körper mit gefährlichen Keimen infiziert war, sondern weil sie andere Speisen aßen oder zu einer anderen Kultur gehörten. Diese Vorschriften hat Jesus nicht beachtet. Jesus wusste: Wie wir miteinander reden, das bewirkt auch Isolation oder Nähe. Ein freundliches Wort kann Nähe schenken. So, wie eine böse Bemerkung isolieren kann. Deshalb hat Jesus gesagt: „ Nicht, was in den Mund geht, führt zu Isolation, sondern was aus dem Munde geht, das kann Menschen isolieren.“

Der grüne Kittel, die Haube und den Mundschutz. Wir brauchen ihn. Und genauso wichtig ist es, Berührungsängste abzulegen. Ängste, die dazu führen, dass wir von Menschen absondern, weil sie aus einer anderen Kultur. Da ist jedes freundliche Wort. Jeder wohlwollende Dialog ein Schritt auf einander zu.

Audiobeitrag "Auf der Isolierstation"


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