Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.04.11, Pastor Christoph Neumann

"Eine namenlose Mutter"

„Mein lieber kleiner Engel. Ich hoffe, du wirst einmal ein glückliches Leben führen“ So ist eine namenlose Mutter im Gespräch mit ihrem Neugeborenen.

Eine Mutter, die nicht weiß, wie sie ihr Kind  großziehen soll. Aus Verzweiflung setzt sie den Säugling mit einem Abschiedsbrief aus. In der Hoffnung, dass es Menschen gibt, die dem neuen Erdenbürger vielleicht zu einem glücklichen Leben verhelfen können.
Doch es gibt auch Mütter, die mit List und dem Mut der Verzweiflung ungewohnte Schritte wagen, sodass manchmal aus einer Verzweiflungsgeschichte eine Hoffnungsgeschichte wird.

Auch die Bibel erzählt von einer solchen namenlosen Mutter. Diese Geschichte spielt im alten Ägypten. Damals lebten viele Israeliten als Gastarbeiter im Land. Mit ihren kinderreichen Familien wurden sie dem Herrscher des Landes, dem Pharao, zunehmend ein Dorn im Auge. So befahl er, alle neugeborenen Jungen der Israeliten zu töten. Eine der Mütter hat eine besondere Idee, wie sie ihren neugeborenen Jungen retten könnte. Sie verstreicht das Körbchen, in dem der kleine Junge liegt, mit Teer. So wird daraus ein kleines Boot. Dann geht sie mit ihrer Tochter hinunter zum Nil. Dort lassen sie die kleine Arche zu Wasser und beobachten ihren weiteren Weg. Ganz in der Nähe befindet sich hinter dem Schilf versteckt, eine Badestelle. Dort badet die Tochter des Pharaos, begleitet von ihren Kammerzofen. Als sie das Körbchen entdeckt, lässt sie es holen. Und als die Frauen den jungen Schreihals sehen, bekommen sie Mitleid mit dem kleinen Erdenbürger und beschließen, sich um den Säugling zu kümmern.

Die Mutter und ihre Tochter, die das Geschehen beobachten, erweisen sich nun als pfiffige Frauen. So als sei es rein zufällig, geht die Tochter zu den Frauen und bietet sich an, eine Amme zu holen, die das Kind stillen könne. Die ist,- natürlich auch wieder rein zufällig, in der Nähe. So bekommt die Mutter ihr Kind zurück. Die Tochter des Pharaos erweist sich so –ungewollt- als ihre Verbündete. Und sie bezahlt die vermeintliche Amme sogar noch für die Pflege des Kindes, bis die Stillzeit zu Ende ist. Dann adoptiert sie den Jungen und holt ihn an den Hof des Pharaos. Der kleine Schreihals aus dem Körbchen im Nil bekommt den Namen Mose. Das bedeutet der Herausgezogene. Und nicht nur das. Mose, der aus dem Schilf gezogene Junge wird am Hof des Pharaos eine hervorragende Erziehung und Ausbildung erhalten. Und eine wichtige Rolle in der Geschichte Israels spielen.

Gott sei Dank haben wir bei uns heute andere Verhältnisse als im alten Ägypten. Und trotzdem. Auch bei uns heute gibt es Kinderfeindlichkeit. Und es gibt Mütter, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder großziehen sollen. Wie die namenlose Mutter, die ihrem lieben kleinen Engel einen Abschiedsbrief schrieb. Der heißt übrigens Jona und hat ein neues Zuhause gefunden. Auch heute brauchen solche Mütter Verbündete. Menschen, die bereit sind, alles zu tun, damit jedes zur Welt gekommene Kind eine hoffnungsvolle Zukunft hat. Menschen in verantwortlichen Positionen, die bereit sind, Geld zu investieren in Pflege, Erziehung und Bildung.

Was aus Jona einmal werden wird, wissen wir nicht. Wie die Zukunft des aus dem Nil gezogenen Mose aussieht, und ob daraus ein glücklicher Mensch geworden ist, das wollen wir uns in dieser Woche etwas näher anschauen.

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pastor Christoph Neumann aus Iserlohn

Audiobeitrag "Eine namenlose Mutter"


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