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Genussdatum Ostern
Als Schokoladenfan genieße ich es, das ganze Jahr über aus dem Vollen zu schöpfen. Keiner da, der es mir verbietet
es sei denn die Kilos auf der Waage oder die Fastenzeit vor Ostern.
Vier von sieben Wochen ohne Schokolade sind schon um. Und meine Gier hat als Meisterin der Ausredekunst schon wieder ganze Arbeit geleistet. Da steht die kleine Schale mit Schokoeiern auf dem Besuchertisch im Büro, Geschenk eines Gastes. Na ja, sage ich mir, so ein winziges Ei, wenn ich ansonsten standhaft bleibe
Überlegen muss ich meist nicht lange. Die Ausreden lungern in meinem Kopf herum. Tag und Nacht bereit, mich vor mir selbst zu verteidigen. Kurzerhand wischen sie selbstkritische Sätze vom Tisch wie Werd jetzt bloß nicht wieder schwach! oder Gib der Gier keine Chance. Jede Ausrede kommt der Gier gelegen. Vor allem dann, wenn sie noch wissenschaftlich untermauert ist, wie dieser Aufruf von zwei amerikanischen Marketingforscherinnen, den ich in einer Zeitschrift entdeckte: Genießen Sie Ihre Geschenke zeitnah., heißt es da. Perfekt.
Der Hintergrund: Die Wissenschaftlerinnen haben herausgefunden, Menschen verzichten nicht nur in der Fastenzeit auf Genuss, sondern auch sonst schieben sie den Genuss von Dingen auf. Der Grund: Sie nehmen an, dass irgendwann der passendere Zeitpunkt dafür kommt. Doch der kommt meist nicht. Und so endet manch edle Weihnachts- oder Oster-Praline noch originalverpackt in der Mülltonne. Wollte man diese edle Köstlichkeit doch aufheben für einen besonderen Anlass oder bis ein paar Kilos vom Winterspeck runter sind. Und dann: Verfallsdatum abgelaufen.
So verfallen auch Kino- oder Restaurantgutscheine. Sie kramen schon in der Küchenschublade? Oder auf dem Schreibtisch? Irgendwo war er doch, dieser Parfümerie-Gutschein von Weihnachten
Schauen Sie mal nach. Abgelaufen. Mist. So gehts vielen Menschen. Die Forscherinnen hatten für ihre Studie Werbegutscheine verteilt. Je kürzer die Gültigkeitsdauer war, desto häufiger wurden sie eingelöst. Je mehr Zeit die Testpersonen hatten, sie einzulösen, desto eher ließen sie sie verfallen.
Das liegt nicht daran, dass die Besitzer klug genug waren, der Werbeindustrie ein Schnippchen zu schlagen. Sondern daran, dass die Leute dachten: Wir haben ja noch Zeit. Lass uns warten, bis wir mal nicht so im Stress sind, bis ich abgenommen habe, bis das Wetter besser ist. Am Ende wird nie was draus und der Genuss kommt zu kurz. Deshalb also raten die Wissenschaftlerinnen: Genießen Sie Ihre Geschenke zeitnah. Und weiter: Setzen Sie sich ein festes Genuss-Datum. Sie haben nicht alle Zeit der Welt. Und so stehe ich vor der kleinen Schale mit den leckeren Eiern und sage mir: Warum mich selbst kasteien? Warum nicht gleich genießen? Du hast nicht alle Zeit der Welt, sagt schon die Wissenschaft. Doch diesmal schlägt der Verstand blitzschnell die Bauchargumente: Nichts da. Aufgeschoben in der Fastenzeit ist ja nicht aufgehoben. Und vor allem: Das Datum für deine Genussfeierstunde steht längst fest! Deine Fastenzeit endet nach christlicher Tradition mit dem feierlichen Fastenbrechen beim Osterfrühstück. Und das wird dann erstmal ein Genuss!
Quelle: Zeitschrift Psychologie heute, August 2010, Was du heute kannst besorgen
Wir schieben nicht nur gute Vorsätze, sondern auch Vergnügen auf von Walter Braun, S. 17. Studie: Susanne B. Shu and Ayelet Gneezy: Procrastination of Enjoyabel Experiences, Journal of Marketing Research, im Druck.
www.siebenwochenohne.de
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