Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

05.04.11, Daniel Schneider

Unerwartet

Übergroße Schuhe und Hose, enge Jacke, Spazierstock und eine Melone auf dem Kopf - Der Komiker Charlie Chaplin, unverkennbar eine wahre Legende.

 Toller Schauspieler, Witzbold und Megastar. Und das schon zu seinen Lebzeiten. Ein großer Spaß damals waren die  Doublewettbewerbe. In San Francisco zum Beispiel. So in den 20er Jahren. Prämiert wurde derjenige, der Chaplin täuschend echt nachmachen konnte und täuschend echt aussah wie er.

Charlie Chaplin hörte von diesem Wettbewerb. Er war zufällig in der Stadt. Er machte sich einen Spaß und ging hin. Inkognito. Er nahm am Wettbewerb teil. Und er belegte ….. einen wunderbaren dritten Platz. Das Original hat schlechter abgeschnitten als die Fälschungen.

Unfassbar. Genau. Die Leute haben nicht mal daran gedacht, dass es im Bereich des möglichen liegen könnte, dass der Megastar bei ihrer Veranstaltung vorbeischaut. Und wenn, dann doch bitte schön als Ehrengast, als VIP, über den roten Teppich schlendernd und lässig in die Menge winkend. Ich weiß nicht, ob sich Chaplin zu erkennen gegeben hat, aber selbst wenn, dann hätten die Leute ihm wahrscheinlich nicht geglaubt. Sie haben ihn einfach nicht erwartet.

Ich erwarte auch so einiges nicht. Ein Beispiel: Ich bete zu Gott und erwarte doch manchmal nicht, dass mir beim beten wirklich jemand zuhört. Einfach weil es doch unglaublich ist, dass mich jemand hört, selbst wenn ich alleine bin und noch nicht einmal laut rede.
Ich gebe zu, die Legende von Charlie Chaplin in Verbindung mit Gott zu setzen; so ein Vergleich hinkt etwas, aber macht mir deutlich: Ist etwas, nur weil ich es nicht erwarte, glaube oder es für unglaublich halte, auch unwahr?

Ich lehne mich noch ein bisschen weiter aus dem Fenster und sage: In gewisser Weise kann man Chaplin mit Jesus vergleichen.

Der kam auf die Welt, im wahrsten Sinne des Wortes, unerwartet, keiner war darauf so richtig vorbereitet, ohne großes Brimborium, siehe Weihnachten, und hat damit auch so einige Leute verwirrt. Und das zieht sich durch sein ganzes Leben bis zu seinem Tod am Kreuz, siehe Ostern. Und selbst nach Ostern, der für viele unerwarteten und unglaublichen Auferstehung, hat nur ein Bruchteil der damaligen Bevölkerung geglaubt, dass das der Sohn Gottes ist, der gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Selbst die frommen Leute von damals haben ihn nicht erwartet. Besonders die nicht. Denn sie hatten besonders klare Vorstellungen darüber, wie Gottes Sohn sein sollte.

Nachdenken ist gut und ich finde, dass Logik und Realitätssinn wichtig sind. Fantastereien und bestimmte Schwärmereien sind bedenklich. Da kann eine Menge schief gehen - auch in Sachen Religion auch negative Folgen haben. Und trotzdem möchte ich von Gott das Unerwartete erwarten. Weil ich glaube, dass er es gut mit uns Menschen meint und uns das auch spüren lässt.

Und zwar gar nicht immer so im großen Stil. Vielleicht ist der neue Arbeitskollege gar nicht so unfreundlich, sondern guckt nur so. Oder vielleicht macht es doch Sinn, für die schwere Entscheidung, die ansteht, zu beten. Und Gott zu sagen, was mich beschäftigt. Kurz nur, ein Stoßgebet vielleicht. Ich glaube aber auch, dass Gott sich nicht aufdrängt. Er ist da, und er wartet auf uns. Er erwartet uns. Das kann ich nicht beweisen, aber erleben. Indem ich das Unerwartete von Gott erwarte.

Audiobeitrag Unerwartet


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