Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.04.11, Daniel Schneider

Ein Buch voller offener Fragen

Die Bibel ist ein Buch voller offener Fragen. Hier ein Beispiel: Ein sehr angesehener Mann der damaligen Zeit schleicht durch die Nacht.

Er will, nein, er darf nicht gesehen werden. Er, Nikodemus, hat einen Ruf zu verlieren. Schließlich ist er Pharisäer, also ein hoher Repräsentant seiner  Kirchengemeinde. Und das was er tut, darf er nicht. Er hat Kontakt mit jemandem , der in seinen Kreisen ein wahrer Stein des Anstoßes ist. Ein Störenfried. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ihn jetzt einer seiner Kollegen sieht.

Und trotzdem trifft er sich mit ihm, ist fasziniert von dem, was dieser Mann so erzählt und tut. Er spürt, dass dieser Mann etwas mit Gott zu tun hat. Und in Sachen Gott kann ihm niemand etwas vormachen. Nikodemus hat schließlich studiert und kann die Thora auswendig, das jüdische Gesetzbuch, also Gottes Anweisungen..

Und er spürt, dass dieser Mann auch mit seinem Leben etwas zu tun haben könnte.

Eine interessante Unterhaltung beginnt. Ein Gespräch voller Missverständnisse und mit einem offenen Ende. Zumindest was Nikodemus angeht. Er hat offensichtlich nicht alles verstanden, was Jesus ihm erzählt hat. Von neuem geboren werden … Sohn Gottes …. bei allem Respekt, aber das ist mehr als unglaublich. Es wird nicht erzählt, wie er nach Hause schleicht. Ob es ihm nach dem Gespräch mit Jesus besser ging oder ob er noch  mehr Fragen hatte als vorher.

Ich freue mich über das Unverständnis von Nikodemus. Ich freue mich über das offene Ende. Über die Verständnislosigkeit. Über sein Nachfragen: Moment mal, Jesus. Wie jetzt?? Ich freue mich über  Nikodemus. Weil ich genauso bin!

Ich verstehe eine ganze Menge biblischer Storys nicht. Für mich ist die Bibel  des öfteren ein Buch mit sieben Siegeln. Verschlossen, verkopft, veraltet ….. Und trotzdem glaube ich, dass Jesus für mein Leben wichtig ist. Lebenswichtig.  Viele offene Fragen in meinem Leben werden nicht durch Bibellesen und Gebet beantwortet:

Warum ist meine Mutter krank geworden? Moment mal, da schlage ich doch mal die Bibel auf .. Und … ach, da stehts ja. Kapiert!  Das klappt natürlich nicht.`

Aber ich habe gemerkt, dass ich trotz offener Fragen durch das Bibellesen oder das Beten getröstet werde. Und selbst wenn ich einfach nur sage: Das, was da jetzt abgeht, verstehe ich nicht. Wenn du Gottes Sohn bist, dann kümmere dich doch mal darum! Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Gott darum kümmert. Manchmal nicht. Aber ich habe immer das Gefühl, dass ich bei ihm richtig bin. Und so ist im Laufe der Jahre eine Beziehung zwischen mir und Gott entstanden. Nicht durch Antworten auf offene Fragen, sondern durch das immer wieder nachfragen.

Und ich glaube, dass Nikodemus das auch erfahren hat. Denn einige Zeit nach der Unterhaltung mit Jesus hat er für ihn Partei ergriffen. Kein großes Bekenntnis, sondern eine kritische Nachfrage an die Leute, die Jesus ans Leder wollten. Er fragte: Passt mal auf, bevor ihr jetzt ein Urteil fällt, wäre es doch fair, wenigstens mal ihn anzuhören und mal ein bisschen mehr versuchen, zu verstehen, was dieser Jesus will. Eine Nachfrage, die ihn garantiert viel Überwindung gekostet hat und wofür er sehr scharfe Kritik einstecken musste. Aber diese Bemerkung zeigt, dass ihn das Gespräch mit Jesus nicht losgelassen hat. In seinen Gedanken und in seinem Herzen.

Audiobeitrag Ein Buch voller offener Fragen


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen