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Den Versuchungen widerstehen
Sympathy For The Devil heißt einer der großen Klassiker der Rolling Stones. Sympathie für den Teufel.
Das Lied drückt viel vom rebellischen Geist seiner Zeit aus und ist seither von vielen anderen Musikern bearbeitet und nachgespielt worden. Ich habe die Musik immer gemocht und den Text interessant gefunden - auch wenn ich nie Sympathie für den Teufel empfunden habe. Weder damals, als ich ehrenamtlicher Mitarbeiter der evangelischen Jugend war, noch heute. Ich heiße Johannes Doering und bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.
Musik: Rolling Stones Sympathy For The Devil bis 00.21, dazu Text (Sprecher): Darf ich mich vorstellen: ich bin ein Mann von Wohlstand und Geschmack. Vielen Menschen habe ich die Seele und den Glauben gestohlen. Ich war da, als Jesus Christus zweifelte und litt, und habe sein Schicksal durch Pilatus besiegelt. Schön, Dich zu sehen. Ich hoffe, Du errätst meinen Namen. Aber was Dich verwirrt, ist die Art, wie ich mein Spiel treibe.
Musik weiter: Rolling Stones Sympathy For The Devil
In der Gestalt des Teufels personifizieren sich unsere Erfahrungen mit der Macht des Bösen. Er ist ein Symbol für alles, was Menschen dazu verleitet, andere und sich selbst ins Verderben zu reißen. Am gefährlichsten ist das Böse oft da, wo es nicht mit plumper Gewalt, sondern mit List und Tücke daherkommt. Diabolos - der Durcheinanderwerfer, der Verwirrer - heißt der Teufel im Griechischen.
Von einem Verwirrspiel handelt auch Sympathy For The Devil. Der Teufel verschleiert das Unheil, das er anrichtet, mit einem wohlhabenden, kultivierten Auftreten. Zugleich läßt er die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen: jeder Polizist sei ein Krimineller, jeder Sünder ein Heiliger. Der Teufel verkörpert hemmungslose Lust ohne Scham und Skrupel. Und so denken nicht nur diejenigen, die sich ausdrücklich auf ihn berufen: Erlaubt ist, was mir Spaß macht und Befriedigung verschafft. Warum sollte ich es mir schwerer machen als nötig? Wozu auf Annehmlichkeiten und Vorteile, die ich haben kann, verzichten?
Warum willst Du hungern? sagt der Teufel im Matthäus-Evangelium zu Jesus. Mach aus den Steinen, die hier überall herumliegen, Brot! Ja, warum eigentlich nicht? Sicher leben wir nicht vom Brot allein, aber ohne Brot könnten wir doch auch nicht leben. Und soll Jesus an anderer Stelle nicht selber fünftausend hungernde Menschen mit Brot versorgt haben?
Satt werden und frei von materieller Not leben zu wollen ist natürlich nichts Verwerfliches. Aber dennoch wäre es verkehrt, jedem Bedürfnis nachzugeben oder immer den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Das Leben ist nicht eine einzige Wohlfühl-Oase, und wo man uns ein allzu leichtes, bequemes Glück verspricht, sollten wir eher mißtrauisch sein. Was wirklich zählt, verlangt mir oft auch einiges ab. Manche Ziele erfordern große Einsatz- und Opferbereitschaft. Mit einem anderen Menschen glücklich sein kann ich nur, wenn ich auch Leid und Lasten mit ihm teile. An Widerständen kann ich wachsen und stärker werden. Wer aber gegen den Widerstand anderer zu sich selbst und zu seiner Überzeugung steht und allzu faule Kompromisse ablehnt, macht sich damit nicht nur Freunde.
Jesus hat sich in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen, um sich über seinen künftigen Weg klar zu werden. Dabei versinnbildlichen die Entbehrungen in dieser unwirtlichen Umgebung die Mühen und Kämpfe, die ihm bevorstehen, wenn er seiner Berufung folgt. Da regt sich die Stimme der Versuchung: Willst Du das wirklich auf Dich nehmen? Bleib bei Deinem Beruf als Zimmermann, iß und trink und laß es Dir gut gehen, anstatt den Gesandten Gottes zu spielen. Oder nutze die Hingabe Deiner Anhänger aus! Laß Dich von ihnen bedienen! Mach Dir auf ihre Kosten ein angenehmes Leben in Saus und Braus! So wie das viele religiöse oder politische Führer und Geschäftemacher tun!
Musik: Blood, Sweat & Tears Symphony For The Devil
Jesus lehnt ab. Die Stimme der Versuchung geht darauf ein und nimmt einen neuen Anlauf: "Du hast völlig Recht: laß die Spießer, denen es nur um ihre Bequemlichkeit und ihr Wohlleben geht, ihre Bäuche füllen - Du bist mehr, Du bist größer als sie, auf Dich wartet Besseres und Höheres: Du bekommst Macht! Alle Reiche dieser Welt gehören Dir, wenn Du Macht an Dich reißt, wenn Du die Macht anbetest und verherrlichst und ihrer Logik folgst."
Macht und ein sattes Wohlleben sind Versuchungen, die oft Hand in Hand gehen. Aber die Macht kann auch verlocken, wenn keine materiellen Vorteile dabei herausspringen. Es kann meinen Stolz und meine Eitelkeit befriedigen, als Sieger dazustehen. Oder ich sinne auf Rache für erlittene Demütigungen. Oder ich versuche, meine eigene innere Schwäche zu überspielen, indem ich andere strammstehen lasse, und empfinde Genugtuung, wenn sie mir gehorchen und mir zu Willen sein müssen.
Musik: Blood, Sweat & Tears Symphony For The Devil
Jesus kommt nach Jerusalem. Sein Weg führt ihn zum Tempel, dem Zentrum des jüdischen Glaubens und geistlicher Macht. Als er den beeindruckenden Bau vor sich sieht, meldet sich die Stimme der Versuchung erneut: Jesus soll sich vom Dach des Tempels stürzen - ihm, dem Sohn Gottes, werde doch nichts passieren! Es ist die Versuchung, mich im Rausch meiner Erfolge für unfehlbar und unverletzlich zu halten, mich in trügerischer Sicherheit zu wiegen; zu glauben, es ginge immer alles so weiter: immer mehr, immer größer, immer perfekter; zu glauben, ich könnte mir alles erlauben und alle Grenzen selbstherrlich übertreten, ohne die zerstörerischen Konsequenzen meines Handelns tragen zu müssen.
Den Gedanken, daß ich scheitern könnte, blende ich aus; technische, finanzielle oder medizinische Risiken spiele ich herunter; und erst recht verbanne ich den Anblick des Todes aus meiner schönen, reibungslos funktionierenden Welt. Die Mahnung des 90.Psalms, meine Sterblichkeit zu bedenken, damit ich klug werde, verscheuche ich wie eine lästige Fliege. Ich glaube, mir seien Flügel gewachsen - und merke nicht, daß ich mich in Wahrheit im freien Fall befinde. Bis ich eines Tages auf dem harten Boden der Tatsachen aufpralle und vor einem Scherbenhaufen stehe: einer ruinierten Gesundheit, zerrütteten Familienverhältnissen oder der bitteren Einsicht, mich für lauter Nichtigkeiten aufgerieben zu haben, die es gar nicht wert waren.
Musik: Camel Rhyader Alone
Es muß nachdenklich stimmen, daß gerade unser "christliches Abendland" eine Zivilisation über die ganze Welt verbreitet hat, die so sehr um Macht und Wohlstand kreist und mit Scheitern, Sterben und Tod so schlecht fertig wird. Die drei Versuchungen, denen Jesus widersteht, zielen ja nicht nur auf den allgemeinen menschlichen Egoismus, sondern hängen auch mit einem mißverstandenen christlichen Glauben zusammen: "Wenn Du Gottes Sohn bist, dann könntest Du doch, dann müßtest Du doch ..." - es ist die Versuchung, mich auf Gott zu berufen, ohne ihn ernst zu nehmen. Die Freiheit, zu der er mich bestimmt hat, in Anspruch zu nehmen, ohne mich ihm oder sonst jemandem dafür verantwortlich zu fühlen, wozu ich sie verwende. Und mich damit aus den Bindungen zu lösen, ohne die ich nicht wirklich frei sein kann.
"Alles gehört Euch," schreibt der Apostel Paulus. Alles ist in Eure Hand gegeben und steht Euch zur Verfügung. Für alle anderen Religionen der damaligen Zeit war die Welt voller Tabus, voller Götter und Dämonen und heiliger Orte, Lebewesen und Naturerscheinungen. Der jüdisch-christliche Glaube an den einen, einzigen Gott hat die Welt entgöttert und entzaubert und sie dem forschenden, planenden Zugriff des Menschen preisgegeben. Damit hat er der modernen technisch-wissenschaftlichen Zivilisation geistig den Weg bereitet.
Aber Paulus bleibt bei dem Alles gehört Euch nicht stehen, sondern fährt fort: Ihr aber gehört Christus. Und er seinerseits gehört Gott. Wo Ihr das vergeßt oder Euch mutwillig darüber hinwegsetzt, gerät Eure Freiheit zur Willkür. Da verliert Ihr jedes menschliche Maß und richtet andere und Euch selbst zugrunde.
Ihr gehört Christus, und mit ihm gehört Ihr Gott: gehören nicht in dem Sinne, in dem wir Menschen einander häufig vereinnahmen und besitzen wollen oder einander vielleicht sogar hörig sind. Sondern eher so, wie wir jemandem, den wir sehr gern haben, sagen: Wie gut, daß ich Dich habe. Oder: Was sollte ich nur machen, wenn ich Dich nicht hätte? So, wie wir Ehepartner, Kinder oder Eltern als unsere, als mein bezeichnen, ohne damit - wenn wir sie wirklich lieben! - Besitzansprüche zu stellen. Wir gehören Gott, wir sind sein, so wie Menschen, die einander lieben oder miteinander befreundet sind, einer den anderen haben und zueinander gehören.
Solche Bindungen unterwerfen mich keinem fremden Willen, sondern sie stärken mir den Rücken. Sie geben mir Halt und Sicherheit. Sie machen mich frei, meinen eigenen Weg zu gehen und meinem eigenen Urteil zu folgen. Nicht ängstlich danach zu schielen, was andere von mir denken, und mich nicht von ihrem Beifall abhängig zu machen.
Ein guter Freund wird sich nicht gleich von mir abwenden, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Und jemand, der mich liebt, kann mich auch auf Irrtümer und Fehler aufmerksam machen, ohne daß ich mich dadurch gleich angegriffen oder völlig in Frage gestellt fühle. Das Selbstvertrauen, zu dem er mir verhilft, schließt einen nüchternen, selbstkritischen Blick nicht aus, sondern ein.
Was aber für unsere zwischenmenschlichen Bindungen gilt, das gilt genauso auch für die Bindung an Gott, für den Glauben. Das ist es, was Jesus dem Teufel entgegenhält: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von der Kraft und dem inneren Halt, den er bei Gott findet. Es steht geschrieben: Du sollst ihn nicht in hochmütiger Selbstüberschätzung herausfordern, denn das widerspräche der Liebe und dem ungetrübten Vertrauen, das zwischen Dir und Gott herrschen soll. Ihm allein sollst Du mit ganzer Hingabe dienen. Denn das macht Dich wahrhaft frei. Von dem, was andere Dir einreden und aufschwatzen wollen. Aber auch von aller nur scheinbar selbstbewußten Selbstherrlichkeit und Selbstgefälligkeit.
Einen guten Sonntag wünscht Ihnen Pfarrer Johannes Doering von der Evangelischen Kirchengemeinde Unna.
Musik: Marvin Staples Saviour
Den Versuchungen widerstehen
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