Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.03.11, Pfarrer Dr. Gerd Höft

Tolu und die 10 Euro

Tolu versteht mal wieder die Erwachsenen nicht. Manchmal denkt er aber auch, vielleicht verstehen die Erwachsenen ihn nicht.

Ganz schön schwierig, das alles. Tolu hat mit seinen zehn Jahren schon einiges kapiert, z.B. das mir dem Bravsein. Also Erwachsene wollen immer, dass Kinder brav sind, und brav heißt, dass sie alles machen, was die Erwachsenen wollen. Und so reden, wie die Erwachsenen wollen, selbst wenn man die richtige und ganze Wahrheit dann und wann ein bisschen schönen muss. Aber Hauptsache brav. Und brav war er natürlich auch, als ihm die Oma einfach so 10 Euro zugesteckt hatte. „Kauf dir was Schönes“ hat sie noch gesagt – und Tolu merkte, dass sie mächtig stolz auf ihr Geschenk war. Tolu wusste, was zu tun ist: DankeDanke sagen, Oma umarmen, Küsschen geben. Das volle Programm halt. Nicht, dass Tolu damit gelogen hätte. Gefreut hat er sich schon, keine Frage. Aber die Oma will halt immer so ein richtig üppiges Danke, bei jedem Geschenk. Na ja, Erwachsene halt. Machen alles ne Nummer größer als es erforderlich wäre.

Tolu hat also den Zehner eingesteckt und war in die Stadt gefahren. Tolu heißt eigentlich Tom-Lukas. Aber kein Mensch ruft ihn mehr so. Er wollte das nicht und mittlerweile halten sich alle daran. Tolu schlendert also durch die Einkaufsstraße und weiß nicht so recht, was er mit den zehn Euro anfangen soll. Für ne Kleinigkeit ist der Betrag zu groß und für was Größeres reicht er nicht. Vielleicht sparen? Ach ne. Vater hat neulich ja gesagt, der Rubel muss rollen.

Im Windfang des Kaufhauses sitzt ein ziemlich heruntergekommener Bettler. Er sieht schmutzig und ungepflegt aus. Jeans und Windjacke sind fleckig. Er hat einen Schuh und Strumpf ausgezogen und zeigt so einen wunden, verunstalteten Fuß. Tolu findet so was eklig. Neben dem Fuß ein Jogurtbecher. Im Vorübergehen  wirft Tolu schnell einen Blick hinein. Reine Neugier. Ein Zweicentstück. Nicht gerade viel.

Was also kaufen von 10 Euro? Aber Tolu kann sich nicht mehr so recht darauf konzentrieren. Ihm geht der Bettler nicht mehr aus dem Kopf. Und weil er eine Menge Fantasie hat, fallen ihm tausend Geschichten ein, was dem Bettler wohl passiert sein mochte, dass es ihm jetzt so elend geht. Denn das kann sich Tolu ja denken. Man wird nicht als Bettler geboren. Der war ja auch mal ein Kind, hatte Eltern und ein Zuhause, ist in die Schule gegangen, war vielleicht nicht der Klügste oder Fleißigste. Wird auch Freunde gehabt haben. Vielleicht hatte er ja auch geheiratet gehabt und Kinder. Aber die wollen sicher nichts mehr von ihm wissen, so wie er jetzt da saß. Ist ja auch peinlich. Wer will sich mit so jemandem schon sehen lasse. Und dann dieses  Zweicentstück. Tolu findet plötzlich das Zweicentstück am Schlimmsten. Wer so im Dreck sitzt, dem werfe ich doch keine Zweicentmünze in den Pappbecher, das ist ja fast, als wolle man sich noch lustig über ihn machen. Und dann schämt sich Tolu, obwohl er nichts dafür kann. Er geht zurück hastig, friemelt den 10Euroschein aus der Tasche und steckt ihn in den Jogurtbecher, traut sich nicht sich umzusehen, sieht auch den Bettler nicht an und dessen immer größer werdende Augen und läuft fast davon. Und fühlt sich plötzlich sehr gut. Oma wird stolz auf mich sein, dachte er beim Nachhause gehen. Denn sie redet ja immer von den armen Leuten auf der ganzen Welt und dass man ihnen helfen müsse.Und dann kommt alles ganz anders. Oma fängt an zu toben. Sagt, er wäre wohl verrückt geworden. Die Bettler sollen arbeiten gehen und nicht herumlungern, das Geld würden die  ja sowieso sofort versaufen. Und in nächster Zeit würde sie es sich dreimal überlegen, ob sie ihm überhaupt noch mal so viel Geld geben soll, wenn er es ja sowieso zum Fenster rausschmeiße. Schließlich würde sie es sich ja von ihrer kümmerlichen Rente absparen, die so kümmerlich gar nicht war, wie Tolu von seinen Eltern wusste. Tolu verlässt die Oma und versteht die Welt nicht mehr. Besonders diesmal seine Oma. Aber irgendwie hat er das Gefühl, doch was Richtiges getan zu haben. Irgendwie wenigstens.

In der Bibel sagt Jesus: Was ihr dem Geringsten unter euren Mitmenschen getan habt, das habt ihr mir getan.

Einen Sonntag, an dem Sie Gutes tun können, wünscht ihnen ihr Pfarrer Gerd Höft aus Düsseldorf.

Audiobeitrag Tolu und die 10 Euro


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