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Hat die Zeit uns oder haben wir Zeit?
Unsere Zeit - das ist eine Erfindung und ein ziemlich seltsames Ding! Wie lange ist das Erdbeben in Japan schon her und die Tage der Angst vor der atomaren Katastrophe:
eine Woche, zwei oder gar die Aufstände in Libyen? Unser Zeitempfinden wird von unserer Anteilnahme an den Dingen der Welt mitbestimmt. Nehmen wir die Zeitmessung. Armbanduhren gab es den größten Teil der Menschheitsgeschichte nicht, die Kirchturmuhr ist auch erst im Mittelalter entstanden und war lange Zeit die einzige Möglichkeit zur Orientierung. Quarzuhren vermitteln uns heute den Eindruck, Zeit sei zerhackt, dabei fließt sie. Als Kind habe ich immer fasziniert auf die großen Uhren an Bahnsteigen gestarrt, die auf der Zwölf eine bedeutungsvolle Pause machten - die Zeit schien für einen Augenblick still zu stehen. Zeit kann unendlich schnell gehen, wenn wir einen lieben Menschen nur einmal im Jahr besuchen, sie kann sich ziehen, wenn wir auf den Zahnarzt warten oder darauf, dass die kleine Tochter - wie bei unserer Familie vor wenigen Wochen - aus der Vollnarkose erwacht. Zeit ist relativ, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ganz subjektiv in unserem Empfinden. Warum erzähle ich das alles? Weil wir einer Erfindung wie der Zeit eine unglaubliche Macht einräumen. Natürlich, ohne Uhren könnte eine moderne Gesellschaft nicht funktionieren und ich will nicht dahin zurück, dass wir uns wieder am Sonnenaufgang orientieren und im Winter um 17 Uhr ins Bettchen schlüpfen. Aber ich frage mich manchmal: Hat die Zeit uns oder haben wir Zeit? Ist unsere Zeit gefüllt oder erfüllt?
Das klingt nach Spitzfindigkeiten sprachlicher Art, aber dahinter steckt nicht weniger als eine Grundsatzentscheidung. Gestalten wir unser Leben aktiv oder werden wir vom Leben getrieben und reagieren nur noch. Gott hat uns die aktive Rolle von Anfang an gegeben, die Verantwortung, voranzutreiben, schöpferisch zu sein, aktiv zu gestalten. Als seine Verwalter sollten wir - nach Gottes Willen - die Erde gut pflegen und kreativ füllen. Das da etwas schief gelaufen ist, ist augenscheinlich.
Das Neue Testament sagt zum Thema Zeit: Macht den bestmöglichen Gebrauch von eurer Zeit, gerade weil wir in einer schlimmen Zeit leben. (Epheser 5,16, NGÜ). Und wenn wir die Katastrophen bedenken, die uns täglich ins Wohnzimer schwappen; die natürlichen wie Erdbebe und Tsunamis und die hausgemachten wie explodierende Atommeiler, dann klingt das doch sehr nach einem ernsten Zeitgenossen, der besorgt den Zeigefinger schwenkt. Gemeint ist etwas anderes. Die schlimme Zeit ist eine Zeit, in der Menschen getrieben werden von allem möglichen und kein Zentrum haben, an dem sie sich orientieren können. Die schlimme Zeit ist eine Zeit, in der Menschen sich selbst zum Gott machen. Dabei möchte Gott sie zum wahren Menschen machen. Erfüllte, gute Zeit, das ist Zeit, in der Gottes Friede herrscht.
Das allerdings ist ein Friede, wie ihn sich kein Mensch selbst geben kann. Er wird geschenkt. Wenn wir, und das meint der Bibelvers, innehalten und nach dem Zentrum unseres Lebens fragen und ihm folgen. Gott als Zentrum - das sagt Jesus deutlich - das tut gut und gibt unserem Leben Perspektive, die richtigen Prioritäten, Gelassenheit und Frieden. Von daher können wir die Zeit beginnen, aktiv zu gestalten. Und die Zeit verliert ihre beängstigende Macht und entlässt uns aus ihren Fängen.
Hat die Zeit uns oder haben wir Zeit?
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