Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.03.2011 Pfarrerin Sabine Steinwender-Schnitzius

Eine Pfarrerin berichtet aus Tokyo

Man kann im Grunde nur hoffen und beten, schreibt Pfarrerin Elisabeth Hübler-Umemoto aus Tokyo. Die Westfälin leitet seit 2003 die deutschsprachige Auslandsgemeinde in Tokyo.

Sie bekommt in diesen Tagen viele Anrufe aus Deutschland. Verwandte und Freunde, die sie unter Tränen fragen: Wie könnt Ihr das nur alles nur aushalten?

Viele fragen sich das in Deutschland. Überall hört man aber, die Japaner könnten das, sie seien so diszipliniert, das Wohl der Gemeinschaft sei ihnen wichtiger als das eigene. Das mag so sein. Wer - will das von uns beurteilen. Japan ist weit weg.

Aber wahr ist auch: Für das Entsetzen ist im Moment keine Zeit.

„Wir sind mit Durchhalten beschäftigt“, schreibt die deutsche Pfarrerin aus Tokyo. Und weiter: „Wir sind mehr mit der Anspannung beschäftigt, mitzubekommen, was jetzt zu tun ist, Entscheidungen zu treffen, Gottesdienste vorzubereiten, Telefonate zu führen, alle zu informieren. Das Entsetzen ist so groß und so nah, dass ich es nicht fühlen kann. Es passt in eine Seele nicht hinein.“

Es sind Bilder wie diese: Eine Frau sitzt in einem Trümmerhaufen. An einem Feuer zusammen mit anderen. Auf dem Rücken trägt sie ihren Sohn. Es schneit. „Mein Kopf ist leer“, sagt sie, „seit dem Tsunami. Ich kann nichts mehr  denken, nichts entscheiden. Deshalb bleibe ich einfach hier.“

Andere sind in Notunterkünften zu Hunderten und Tausenden. Viele laufen umher und suchen ihre Angehörigen. Junge, Alte, Kinder wie der neunjährige Toshi.  Um seinen Hals hängt ein Schild. Auf dem Schild stehen die Namen seiner Eltern und Geschwister. Auch heute kann ihm keiner weiterhelfen. Toshi gibt nicht auf: Und dann steht da noch ein Satz. „Morgen komme ich wieder“,

Es ist anrührend: Menschen machen sich hier gegenseitig Mut: Gambatte kudasai! Halten Sie sich so gut sie können! Sagen sie einander. Und  man bedankt sich höflich für die Ermutigung.

Die Japaner sind mit Durchhalten beschäftigt. Das Entsetzen ist so groß und so nah. Es passt in eine Seele nicht hinein.

„Zum ersten Mal fange ich zu verstehen, warum die japanische Kultur so oft eine Atmosphäre der Traurigkeit enthält“, erzählt die deutsche Pfarrerin aus Tokyo.  „Das ist nicht nur die Überalterung der Gesellschaft. Nicht nur die Unübersetzbarkeit der japanischen Sprache . Eine Nation, die solche Katastrophen erlebt und damit weiterlebt, trägt davon etwas in der Seele.“

„Man kann im Grunde nur hoffen und beten“. In Gemeinschaft. So wie  die deutschsprachige Gemeinde in Tokyo. Im Gottesdienst sprechen sie darüber, wie schwierig es ist, einfach weiter zu arbeiten, so als sei nichts gewesen. Zu funktionieren, obwohl Tausende gerade gestorben sind, Hunderte sterben und alle Angst haben vor einer atomaren Katastrophe. Schmerzhaft wird ihnen bewusst,  was der Prediger Salomo schreibt: „Alles ist eitel und ein Haschen nach Wind. „

„Die Parameter verschieben sich. Das eigentlich wichtige sind die anderen Menschen, sind die Beziehungen, schreibt Pfarrerin Elisabeth Hübler-Umemoto. Das miteinander Teilen von Gedanken, Gefühlen, und sich gegenseitig erzählen, wie es mir ergeht.“
Die Straßenbahn wird nicht mehr beheizt. Energie muss gespart werden. Trotzdem das ganz normale Leben geht weiter. In Tokyo. Menschen gehen zur Arbeit, kaufen ein, essen, gehen abends aus.

„Wir machen weiter, was uns aufgetragen ist und beten um die Gegenwart Gottes, die uns Kraft und Gelassenheit gibt“, heißt es in dem Brief aus Tokyo. Und weiter:  „Wir begeben uns in die Obhut des Unverfügbaren. Mehr haben wir nicht: Beten und tun, was uns aufgetragen ist. Mehr nicht, aber das ist nicht wenig.“

Audiobeitrag Eine Pfarrerin berichtet aus Tokyo


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