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Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm! Das Zeichen Jesu auf Hoffnung!
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.
Liebe Gemeinde, Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt. Was der Dichter Georg Neumark in seinem Lied empfiehlt, kann ich zurzeit nicht. Bei aller Liebe. Bei allem Glauben. Stille halten. Vergnügt sein. So vieles, was ich im Moment wahrnehmen muss, macht mich sprachlos und wütend zugleich. Mich ängstigt zutiefst, was ich zurzeit in den Nachrichten höre und sehe mehr noch als sonst.
Ich würde gerne etwas tun. Ich kann nicht ein wenig stille halten, wenn ich an die Naturkatastrophe in Japan denke. An die vielen, ungezählten Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben und nun obdachlos sind. Und als wären Erdbeben und ein Tsunami nicht schon schlimm genug, nun kommt es auch noch zu einer atomaren Katastrophe. Einem GAU dem größten anzunehmenden Unfall. Nur kann kein Mensch erahnen, wie groß der größte Unfall letztlich sein wird. Die Industrienation Japan liegt in Schutt und Asche. - Aber es ist nicht nur allein Japan.
Wie soll ich vergnügt sein, wenn ich an die vielen Menschen denke, die im Moment ihr Leben riskieren oder es sogar schon geopfert haben im Kampf um ihre Freiheit? Wie ein Flächenbrand hat sich der Widerstand des Volkes in Tunesien und Ägypten in der arabischen Welt ausgebreitet. Immer mehr Menschen wehren sich und gehen für Freiheit und Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Frieden auf die Strassen. Und werden niedergeknüppelt oder Schlimmeres. In Libyen wird die Freiheit mit Blut bezahlt.
Oder ich denke an Afghanistan. Ich will nicht akzeptieren, dass dort immer wieder Menschen ermordet, gefoltert und erniedrigt werden. Ich will nicht, dass Mütter und Väter von deutschen oder anderen Soldatinnen und Soldaten an den Gräbern ihrer Söhne oder Töchter stehen müssen. Ich will keinen Krieg.
Und das sind ja nur drei der großen Katastrophenherde unserer Erde. Es gibt so viele andere, die gerade nicht in den Medien publik gemacht werden und in denen Menschen auch leiden müssen. Die Erde bebt. An allen Ecken und Enden der Welt geschehen schreckliche Dinge. Deutschland lebt in keiner separaten Sicherheitszone.
Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. Manche höre ich schon von apokalyptischen Vorboten sprechen. Wir kommen dem Weltuntergang näher, sagen diese Leute. Sie verstehen die Natur- und von Menschen gemachten Katastrophen als Zeichen Gottes. Als negative Zeichen, in denen Gott uns Menschen für unseren Ungehorsam strafen wolle. Mit denen er uns zur Umkehr rufe. Verwüstung, Elend und Krieg als eindeutige Zeichen der Strafe Gottes also?
Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; (
) Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt (
), spricht Gott in Seinem Herzen. Nach dem Ende der zerstörerischen Sintflut so erzählt es die Bibel - hat Gott versprochen: solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (Gen 8,21bf.)
Naturgewalten und ihre schrecklichen Auswirkungen auf uns Menschen hat es immer schon gegeben. Sie sind kein Zeichen von Gott. Sie sind keine Strafen. Dass es so scheint, als würden sie sich häufen, hat sicher auch mit unserer medialen Welt zu tun. Wir erfahren mehr von den weltweiten Katastrophen, intensiver und zeitnäher als alle Generationen vor uns.
Eine neue Dimension sehe ich in der Tsunami-Katastrophe in Japan allerdings schon: aus einer verheerenden Naturkatastrophe in einem Gebiet wird eine noch verheerendere atomare Katastrophe weltweit. Wir Menschen haben uns mit unserem technischen Fortschritt in Sicherheit gewähnt. Bei unseren Allmachtsgefühlen haben wir dabei verdrängt, dass unsere Erde lebt. Sie ist nicht unser Spielball, und wir sind keine Schöpfer, sondern nur Geschöpfe. Unsere vermeintlichen Sicherheitskonzepte hängen nur an einem seidenen Faden. Das sind unsere menschliche Leichtsinnigkeit und unsere fehlende Verantwortung. Keine Strafe Gottes.
Aber auch ich sehe ein Zeichen in den Katastrophen deute, was ich erlebe. Für mich ist das, was sich überall auf der Welt in so dramatischer Weise tut, ein deutliches Zeichen dafür: wir sind eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft von Menschen, in der niemand mehr sagen kann: was interessiert es mich, wenn in China ein Sack Reis umfällt? Die Zeiten sind vorbei, in der wir abgeschottet so tun könnten, als lebten wir in Deutschland auf einer kleinen Insel der Glückseligen. Und die anderen sollen doch tun und lassen, was sie wollen. Die Freiheitskämpfe in Tunesien oder sonst wo sind auch unsere Angelegenheit. Ägypten ist nur einen Steinwurf weit entfernt. Nicht nur weil wir dort Urlaub machen. Sondern weil die Flüchtlinge über kurz oder lang an unsere Türen klopfen.
Gerade die Ereignisse in Japan machen auf erschreckende Weise deutlich: wir alle leben in einer Welt. Wir alle atmen dieselbe Luft, trinken vom gleichen Wasser, bewohnen dieselbe Erde. Wir alle sind auf Nahrung von dieser einen Erde angewiesen. Und es kann uns nicht egal sein, wie anders wo mit Giften umgegangen wird. Wie die Natur ausgebeutet und zerstört wird. Alles hängt mit allem zusammen. Die unsichtbare Radioaktivität aus den Atomkraftwerken in Fukushima ist gefühlt doch schon längst bei uns angekommen. Und es ist doch so: keiner weiß, was geschieht, wenn mit Meerwasser Atomkerne gekühlt werden. Was bedeutet das für den Fisch, den wir morgen essen wollen? Wir sind aufeinander angewiesen und voneinander abhängig. Auch die Wirtschaft ist auf das empfindlichste miteinander verbunden.
Das ist für mich das Zeichen, dass wir beginnen müssen, über den eigenen Tellerrand zu sehen. Wir leben auf dieser einen Erde über alle nationalen und religiösen Grenzen hinweg in einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Ob wir wollen oder nicht. Und nur gemeinsam können wir die Verantwortung für Gottes Schöpfung tragen. Von der wir Menschen nur ein Teil sind.
Die Zeichen der Zeit stehen auf Sturm. Aber Zeichen sind nicht eindeutig. Am allerwenigsten im Glauben. Denn Glauben heißt vertrauen. Bedingungslos. In letzter Konsequenz: sich mit geschlossenen Augen fallen lassen wie ein kleines Kind und sich blind darauf verlassen: ich werde in den Armen meines Vaters landen. Unverletzt und sicher! Eindeutige Zeichen gibt es nicht.
Wir alle sehen Ereignisse, deuten sie, interpretieren sie. Wir alle fordern Zeichen ein. Positive Zeichen können auch Sicherheit geben. Menschen, die sich Zeichen wünschen und suchen, kann ich sehr gut verstehen. Die meisten haben doch die Welt und ihr Leben gerne klar und eindeutig, zweifelsfrei und sicher. Ich auch.
Und so ging es wohl auch den Pharisäern und Schriftgelehrten, die im 12. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mtth12,38-41) Jesus um ein klares Zeichen baten.
Sprecher: Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu Jesus: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.
Musik / Orgel und Cello: J.S. Bach: Wer nur den lieben Gott lässt walten
Die Schriftgelehrten und Pharisäer fordern von Jesus ein Zeichen. Zweifellos ein positives. Einen eindeutigen Beweis, dass er der Messias, der Retter der Welt ist. Von Gott gesandt. Jesus soll sich also legitimieren. Dieses unverwechselbare Zeichen soll schon etwas ganz Besonderes sein. Etwas Einmaliges. Noch nie Dagewesenes. Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden. Jesus lehnt die Zeichenforderung strikt ab.
Keine Zeichen sind aber auch ein Zeichen: Gott ist unverfügbar, unbegreiflich. Gott lässt sich nicht von uns Menschen einfangen, nicht beherrschen. Gott passt nicht in unsere Hosentasche. Keine Zeichen sind auch ein Zeichen. Ein Zeichen von Mündigkeit und Vertrauen. Gott mutet uns im Glauben einiges zu. Aber: Gott traut uns im Glauben auch eine Menge zu. Vertrauen gegen Vertrauen. Deshalb sollen wir uns nicht einlullen oder blenden lassen von äußeren Zeichen, sondern unserem Herzen folgen und selbst urteilen. Glaubt an Gott und vertraut voller Hoffnung Gottes Wort.
Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden. Jesus lehnt die Zeichenforderung strikt ab. Aber dann, komischerweise, nennt er plötzlich doch eines: Es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.
Mit dem Propheten, der vor Gott fliehen will und letztlich im Bauch eines Wales landet, vergleicht sich Jesus: so wie Jona seine Zeit im dunklen Schlund des Wales verbringt, um dann wieder ausgespien zu werden; so stirbt der Menschensohn am Kreuz, um dann am dritten Tage aufzuerstehen von den Toten. Das ist die Geschichte von Karfreitag und Ostern in der Kurzversion.
Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.
Drei Tage und drei Nächte. Das deutet auf Katastrophen. Auf weltweite und persönliche. Eingesperrt im Dunkeln. Alleine. Ohne Aussicht auf Rettung. Verlassen wie in einem einsamen Grab. Nur die Angst und keine Aussicht auf Rettung als treue Begleiter. Ich bin sicher, dass es vielen Menschen in Japan, in Libyen und überall auf der Welt genauso ergeht. Angesichts der großen Katastrophen wirken viele unserer Problemchen banal. Aber wie schwer jedes Leid wiegt, das weiß nur derjenige, der es trägt. Und auch wenn uns die Welt draußen näher gekommen ist, will ich nicht vergessen, dass es auch ganz in unserer Nähe Menschen gibt, die sich von der Dunkelheit umgeben fühlen: Kranke, Sterbende und Arbeitslose, Menschen in Konflikten. Es gibt viele Jonas unserer Zeit!
Drei Tage und drei Nächte. Das ist die Zeit, in der ich glaube, es gibt keine Rettung mehr für mich. Es muss für immer so schrecklich und aussichtslos bleiben, wie es jetzt gerade ist. Es gibt kein Medikament, das mir helfen wird. Kein Freund, der mir beisteht. Niemand, der mir eine Chance gibt, mich besucht und tröstet. Ich fürchte: aus meinem tiefen Grab komme ich niemals mehr heraus.
Musik: Cello spielt solo eine Strophe von eg 369
Als Jona allein und von der Welt verlassen im Wal strandet, als seine Not am allergrößten ist, verzweifelt er nicht gänzlich. Obwohl er allen Grund hätte. Stattdessen besinnt er sich auf Gott: Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches und sprach: Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. (Jona 2,2f) Von Dunkelheit umgeben, konfrontiert mit einer noch nie dagewesenen Katastrophe so geht es Jona. In dieser Situation sucht er nach keinem Zeichen mehr. Kein Strohhalm kann ihn retten. Er tut das Abwegigste und doch zugleich das Einzig-Mögliche: Er vertraut Gott und wendet sich an ihn. Jona ist in einer Lage, in der nur noch eines hilft: beten! Beten und darauf vertrauen: Gott wird mich erhören.
Vertrauen gegen alle Widerstände und Vernunft. Das bringt Hoffnung. Und die Hoffnung ist nur drei Tage weit entfernt - sagt Jesus. Sicher, manchmal werden aus drei Tagen vielleicht auch drei Wochen, drei Jahre oder viel länger. Aber das ändert nichts: Es gibt Hoffnung und Rettung. Damals für Jona. Und durch Jesus auch für uns heute. Manchmal müssen wir durch das Jammertal der Angst und Traurigkeit. Der Enttäuschung und Tränen. Aber wir leben im Unterschied zu den Schriftgelehrten und Pharisäern nicht vor, sondern nach Ostern. Auch wenn wir uns jetzt während der Passionszeit daran erinnern, wie Jesus einst leiden und am Kreuz sterben musste, so gilt doch heute für uns: einmal Ostern immer Ostern. Jesus hat den Tod endgültig besiegt.
Drei Tage und drei Nächte. Die sind in den Katastrophenregionen und auch für viele der Menschen bei uns noch lange nicht vorbei. Aber ich möchte nach vorne blicken; auf einen Tag danach: Auf Jesu Tod folgt seine Auferstehung. Und deshalb dürfen auch wir nach jedem persönlichen Karfreitag auch auf ein persönliches Ostern vertrauen und hoffen. Tag für Tag. Jesu Tod und Auferstehung, das ist das entscheidende, einmalige Zeichen, das Gott uns schenkte.
Und das Geschenk, die Gabe Gottes, wird zur Auf-gabe. Vielleicht ist das viele Jahrhunderte nach Jesu Tod und Auferstehung unser Auftrag, der uns heute fordert: nicht mehr auf göttliche Zeichen zu hoffen, sondern selber zu Zeichen der Hoffnung zu werden. Zu menschlichen Zeichen Gottes. Besonders dann, wenn Angst und Zweifel Besitz von uns ergreifen.
Für viele Menschen hier in Deutschland bedeutet das aktuell, sich an den vielen Mahnwachen gegen die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zu beteiligen. Auch die evangelischen Kirchen beziehen Position und geben klare Zeichen zum Beispiel mit einem offenen Brief an den Bundesumweltminister und mit der Forderung zum Ausstieg aus der gegenwärtigen Atompolitik. Spendenaktionen laufen an. Manche wollen uns ein Zeichen sein, indem sie wieder beginnen, sich politisch zu engagieren.
Aber nicht jeder ist für Aktionen geschaffen. Trotzdem ist Unterstützung möglich und nötig, denn neben diesen tatkräftigen Händen brauchen Gott und die Welt auch betende Hände. Menschen, die trotz aller Katastrophen an Gottes Hilfe glauben und wie Jona darauf vertrauen: Gott rettet uns aus aller Not und erhört unser Gebet.
Führe uns, o Herr, und leite / unseren Gang nach deinem Wort; / sei und bleibe du auch heute / unser Beschützer, unser Hort. / Nirgends als von dir allein / können wir recht bewahret sein. (eg 445.5)
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Der nächste Evangelische Hörfunkgottesdienst aus Nordrhein-Westfalen, wird am 17.04.2011 von 10 Uhr bis 11 Uhr auf WDR 5, aus der Ev. Thomaskirche in Hamm gesendet. Die Predigt hält Pfarrerin Kerstin Goldbeck.
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