Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.03.11, Dr. Werner M. Ruschke

Leben in Selbstbestimmung und Freiheit

„Selbstbestimmung und Freiheit? Danach können Sie mich in zwei Jahren fragen, dann bin ich im Ruhestand.“

So antwortete mir ein Bekannter, als ich mich erkundigte, was er mit diesen Begriffen verbinde. – Ein anderer meinte: „Die beiden Begriffe beinhalten ein und dasselbe. Sie erklären sich gegenseitig: Nur wer frei ist, kann selbstbestimmt leben, und nur wer über sich selbst bestimmt, lebt frei.“ – Ein dritter schließlich meinte lächelnd: „Selbstbestimmung und Freiheit kenne ich beide nicht, weil: Ich bin verheiratet.“

Dass Menschen in möglichst hohem Maße selbstbestimmt und frei leben, das ist ein wesentliches Ziel in der sozialen Arbeit der Diakonie, meinem beruflichen Arbeitsfeld. Mein Name ist Werner Max Ruschke, und ich bin in Münster Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Perthes-Werkes, einem großen diakonischen Träger in Westfalen mit Angeboten vor allem für alte, aber auch für behinderte und sozial benachteiligte Menschen.

Musik Agnes Obel, Just so

Selbstbestimmung und Freiheit, ist das erst eine Sache des Ruhestandes? Da ist etwas Wahres dran: Wer arbeiten muss, erfährt auch Fremdbestimmung und Unfreiheit. Andere bestimmen, was wann wie zu tun ist. – Diese Art von Fremdbestimmung und Unfreiheit ist mit dem Ruhestand vorbei. Es bleiben aber die Abhängigkeit von der politischen Großwetterlage: Krieg oder Frieden. Von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung: Steigerung oder Minderung des eigenen Einkommens. Von der Familie in der ich aufgewachsen bin, von Erziehung und Bildung, von Krankheit oder Gesundheit. Und vom Erbgut, das mich zeitlebens prägt. Ob es mir gefällt oder nicht: Ich bin immer und in jeder Lebenssituation zu einem großen Teil fremdbestimmt und unfrei. Und das reibt sich mit meinem Glauben.

Gott will ja Freiheit für seine Menschen. Befreiung, das ist die zentrale Erfahrung Israels mit seinem Gott. Daran erinnert Gott in seinem Vor-Satz zu den Zehn Geboten: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe.“ (2. Mose 20,2) Und dann folgen die Zehn Gebote. Sie benennen Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen, weil damit die Freiheiten anderer Menschen verletzt oder zerstört würden. Sie sind Wegweiser zur Freiheit. Die Gebote Gottes begrenzen die Freiheit und eröffnen zugleich jenen weiten Raum, in dem wir in Freiheit und Verantwortung unser Leben zu gestalten haben. Der Philosoph Hegel bestimmt Freiheit als „Einsicht in die Notwendigkeit“. Christenmenschen leben aus der Einsicht: Die Gebote Gottes sind notwendig, weil ohne sie Freiheit verkommen würde zur Willkür.

Selbstbestimmung und Freiheit sind christlich verstanden somit doch nicht ein und dasselbe. Nicht wir bestimmen selbst, was Freiheit ist, sondern Gott bestimmt unseren Freiraum. Von daher ist Selbstbestimmung und Freiheit nur bedingt ein christliches Begriffspaar. Genauer muss es heißen: Gottesbestimmung und Freiheit.

Jene Bemerkung meines dritten Gesprächspartners, er kenne weder Selbstbestimmung noch Freiheit, weil er verheiratet sei, trifft das sehr gut. Wer verheiratet ist oder in enger Partnerschaft lebt, der ist ja darauf bedacht, die Freiheit des anderen nicht einzuschränken, sondern zu erweitern, der erfährt in dieser wechselseitigen Abhängigkeit nicht einen Verlust, sondern einen Zugewinn an Freiheit. „Freiheit ist immer Freiheit des Anderen“, hat Rosa Luxemburg zutreffend gesagt, und ich ergänze: Freiheit ist immer Freiheit mit Anderen, für Andere und durch Andere.

Diese eigenartige Wechselbeziehung von eigener Freiheit, die sich Gott verbunden weiß sowie zugleich der Freiheit des Mitmenschen, sie macht das Wesen christlicher Freiheit aus. Damit knüpfe ich an Martin Luther und seine bedeutsame Schrift an „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Darin sagt Luther sinngemäß: Durch seinen Glauben an Gott gewinnt ein Christenmensch innere Unabhängigkeit. Und dann wörtlich: „Ein Christenmensch ist ein völlig freier Herr über alles und niemandem untertan.“ Durch seine Abhängigkeit von Gott aber fühlt sich ein Christenmensch gelockt und herausgefordert zur Nächstenliebe. Darum fügt Luther sogleich hinzu: „Ein Christenmensch ist ein völlig dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“ Wer diese Spannung von Selbstbestimmung und Gottesbestimmung, von Freiheit und Abhängigkeit aushält und gestaltet, der lebt – wie Paulus (Römer 8, 21) es einmal nennt – in der „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“.

Diese Freiheit hat Jesus Christus eindrücklich vorgelebt. Er heilte Menschen, die durch ihre Krankheiten ausgegrenzt wurden und deshalb in Unfreiheit lebten. Er nahm sich die Freiheit, auch mit verachteten und schuldig gewordenen Menschen zusammen zu sein und eröffnete ihnen einen Neuanfang. So übertrug er den Geist der Freiheit auf andere. Die davon berührt wurden und werden, die sind nicht wie ein krummes Holz, die werden befreit zum aufrechten Gang. 

Musik Simphime Dana, Ndiredi

Freiheit ist zugetraute und zugemutete Freiheit. Was das bedeuten kann, habe ich vor etwa zwanzig Jahren eindrücklich erlebt. Damals habe ich in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gearbeitet. Neben meiner eigentlichen Aufgabe war ich an einem Nachmittag in der Woche in einem der Bethel-Häuser als Seelsorger tätig. In ‚meinem’ Haus lebten mehrfach-schwerstbehinderte Bewohnerinnen und Bewohner. Viele von ihnen waren orientierungslos. Wenn sie ohne Begleitung außer Haus waren, wussten sie bald nicht mehr, wo sie sich befanden, liefen ängstlich und hilflos umher. Um ein unbegleitetes Herauslaufen zu verhindern, waren die Türen zu den Wohnbereichen ständig abgeschlossen.

Einer der Bewohner verfügte noch über ein gewisses Orientierungsvermögen Er wartete  geradezu darauf, dass jemand vergaß, die Türen abzuschließen. Dann nutzte er die Gelegenheit zur Flucht und versteckte sich irgendwo draußen, und die Mitarbeitenden hatten viel Mühe, ihn zu finden. Da hatte eine junge Mitarbeiterin die kühne Idee: Wir geben diesem Bewohner einen eigenen Schlüssel und schauen einmal, was passiert. – Weil die Freiheitsbeschränkung diesen Bewohner nicht am Fortlaufen hindern konnte, versuchten wir es nun mit einer Freiheitseröffnung. Und siehe da, von Stund an ist er nie wieder geflohen, um sich zu verstecken. Wenn ihm danach war, öffnete er die Tür und ging vors Haus, um nach einem Spaziergang wieder zurückzukehren.

Zumeist erwartete er mich bei meinem wöchentlichen Besuch vor dem Haus, schloss mir die Tür auf, und wenn ich ging, schloss er sie wieder hinter mit zu. Einmal erklärte er mir in der ihm eigenen stockenden Sprechweise: „Pastor Ruschke, ich schließe deshalb hinter Dir zu, weil Du es ja vergessen könntest. Und dann laufen die Bewohner nach draußen und bekommen Angst und müssen gesucht werden.“

Musik Souad Massi, I won´t forget

Gott schenkt uns Freiheit, er mutet uns Freiheit zu und ermutigt uns, mit dieser Freiheit, mit diesem Spielraum verantwortungsvoll umzugehen. Leben aus dem Glauben heißt, sich auf das Wagnis der Freiheit für mich und für Andere vertrauensvoll einzulassen.

Das beinhaltet die Bereitschaft zum Umlernen, zum Umdenken und zum anders Handeln, auch im Bereich der Diakonie. Lange, lange Zeit haben wir in der Diakonie gemeint, wir Helfer wüssten am Besten, was für die damals sogenannten „Zöglinge“ und „Insassen“ unserer Einrichtungen am Besten sei. Die Diakonie ist gerade erst dabei, ihre jahrzehntelange Schuldgeschichte aufzuarbeiten. Im Bereich der Jugendhilfe berichten alt gewordene ehemalige Heimkinder nach langem Schweigen, wie sie seinerzeit drangsaliert und unterdrückt wurden, wie sie unter freiheitsentziehenden Maßnahmen gelitten haben. Ähnliches gilt für den Bereich der Wohnungslosenhilfe.

Im Bereich der Behindertenhilfe und der Altenhilfe sind wir erst seit etwa 25 Jahren dabei, den Willen der unmittelbar Betroffenen gezielt zu erfragen und zum Maßstab für unser diakonisches Handeln zu machen. Mühsam etwa haben wir gelernt, das auch behinderte Menschen einen Anspruch auf Sexualität haben. Mühen bereitet es in der Altenhilfe, die Dienstpläne so zu gestalten, das nicht die Interessen der Mitarbeitenden, sondern die der betreuten Menschen an erster Stelle stehen. Es ist nach wie vor nicht überall üblich, in Altenheimen die Essenspläne und Essenszeiten mit den Bewohnerinnen und Bewohnern abzustimmen. Und sehr mühsam erlernen wir die Sprache von dementen Bewohnerinnen und Bewohnern, um sie als eigenständige Persönlichkeiten mit ihren Wünschen ernst zu nehmen. – Freiheit in diesem Sinne zu gestalten, ist mühsam, dazu braucht es viel Kraft und Mut; Freiheit ist auch in diesem Sinne eine Zumutung.

Gott traut und mutet uns zu, mit der uns geschenkten und ermöglichten Freiheit angemessen umzugehen, für uns und für Andere. Wer Freiheit nach allen Seiten absichern will, endet in Unfreiheit. Freiheit ist und bleibt ein Wagnis. Diese Spannung ist nach christlichem Verständnis der Kern von Selbstbestimmung und Freiheit. Wer sich in der Kraft des Glaubens auf diese Freiheit einlässt, der erlernt die Kunst des Lebens. Die beschreibt Paulus in Galater 5 (1+13f) so:

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Ihr aber seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht euren sündigen Neigungen Raum gebt; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.“

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, dass Sie diesen Sonntag als Frei-Tag erleben, als einen freien Tag, an dem Sie selbst bestimmen, womit Sie sich und vielleicht auch andere erfreuen. Ihr Werner Max Ruschke von der evangelischen Kirche in Münster.

Musik, Zaz, Les Passants

 

Audiobeitrag Leben in Selbstbestimmung und Freiheit


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