Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.03.11, Pfarrerin Kerstin Hanke

Damaskus liegt auch in Japan

„Irgendwo im Himmel wurde ein Becher Gift ausgegossen. Es fiel wie schwarzer Regen auf die rauchende Stadt.“

Sprecher: „Irgendwo im Himmel wurde ein Becher Gift ausgegossen. Es fiel wie schwarzer Regen auf die rauchende Stadt.“

Autorin: Ein apokalyptisches Bild von Tod und Zerstörung. So schilderte ein Augenzeuge die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl. Auf eine Katastrophe dieser Größenordnung war niemand vorbereitet. Wie bei allen großen Katastrophen gab es erhebliche Probleme der Kommunikation und der Abstimmung zwischen den verschiedenen Leitungsebenen. Die Öffentlichkeit erfuhr nur häppchenweise, was geschehen war. Menschen wurden zu spät evakuiert. Kinder spielten noch im Freien, Wäsche trocknete an den Leinen. Gut 25 Jahre ist das her, doch die Berichte von damals sind brennend aktuell.

Sprecher:„Die Nacht war warm. Ich dachte, es sei das Dampfventil, das wir von Zeit zu Zeit hörten. Dann folgte sekundenschnell auf einen hellen, blauen Blitz eine enorme Explosion. Als ich zum Block hinüber sah, bemerkte ich, dass nur noch zwei Mauern standen. Ein, zwei Minuten danach begann es zu regnen. Ich dachte erst, das ist normaler Regen, aber als ich in einen Spiegel blickte, sah ich, dass mein Gesicht mit Ruß bedeckt war. Nach ungefähr zwanzig Minuten fühlte ich mich hundeelend – meine Beine trugen mich nicht mehr, und dann verlor ich das Bewusstsein“

Autorin: erzählt Wladimir Maichailowitsch Tschenousenko. Er war wissenschaftlicher Leiter der Aufräumarbeiten nach der Katastrophe in Tschernobyl. Der Professor der Atomphysik war Zeit seines Lebens ein Befürworter der Atomenergie gewesen und nun beobachtete er, wie die Menschen starben, wie die Natur starb. Die russische Regierung weigerte sich seinen Bericht zu veröffentlichen. Der Professor wich dem Konflikt nicht aus.. Er wurde aus dem Institut für Physik in Kiew entlassen. Tschenousenko hatte selbst eine tödliche Dosis Strahlung abbekommen. Er wusste um die Begrenztheit seines verbleibenden Lebens und wurde zum unermüdlichen Mahner: Tschnernobyl darf sich nicht wiederholen. 1996 starb Tschernusenko an Krebs.

Der Tag der Katastrophe, der 26. April 1986 , war biblisch gesehen sein Damaskuserlebnis. Die Geschichte eines totalen Sinneswandels. Saulus wurde in Damaskus zu Paulus, dem Botschafter der Nächstenliebe wandelte. Von einem hellen Licht geblendet, erblindete Saulus und erkannte seine Verblendung. Im Zentrum seiner Verzweiflung traf er auf Gott, der ihn nicht strafte, sondern ins Leben zurückschickte.

Sprecher:Irgendwo im Himmel wurde ein Becher Gift ausgegossen. Es fiel wie schwarzer Regen auf die rauchende Stadt.“

Widersprüchlich sind die Nachrichten über die Atomanlage in Fukushima. Die japanischen Behörden halten sich bedeckt oder widersprechen sich. Was sich wirklich ereignet hat, wir werden es wie bei Tschernobyl erst Tage und Wochen später erfahren und wie Puzzleteilchen zusammensetzen.

Nein, es ist nicht der Himmel, der uns vergiftet. Der Grund liegt im Menschen verankert. Wir können nicht mit dem Unwahrscheinlichen im Leben rechnen. Risiken und Chancen werden daher immer mit Zahlen versehen, die wir einschätzen, kalkulieren, beherrschen können. Das gibt uns die nötige Sicherheit. Das ist richtig so.

Aber es lässt uns schnell vergessen, dass es mehr und größeres gibt. Ein Erdbeben von dieser Stärke war nicht eingeplant. Die Natur macht uns einen Strich durch die schlimmsten Prognosen. Sie ist eben nicht beherrschbar und kontrollierbar. So sehr sich das die Krone der Schöpfung auch wünschen mag.

Tschernobyl hat die Energiepolitischen Diskussionen verändert. Fukushima wird es auch tun.

Es wird für viele Menschen ein Damaskuserlebnis sein

Audiobeitrag Damaskus liegt auch in Japan


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