Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.03.11, Pfarrerin Silke Niemeyer

„Korn, das in die Erde“ (eg 98)

Damals, als er achtzehn war, gab es für Helmut nur eine große Liebe: den Fußball. Kaum hatte er Feierabend, fand man ihn auch schon auf dem Platz.

Der Junge hat Talent, da waren sich alle einig. Wenn er Richtung Tor spurtete, konnte kein Gegner ihn stoppen. Und erst springen konnte er! Bis zu jenem Nachmittag, als er zum letzten Mal dem Ball entgegen springt und danach nicht mehr aufstehen kann. Er zieht sich eine schwere Rückenverletzung zu. Helmut ist plötzlich querschnittsgelähmt. Es ist als würde er mitten im Leben in den Tod versinken.

Choral / Strophe 1: Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, / Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. / Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: / Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Autorin: „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt.“ Mit dem Bild vom Weizenkorn singt der Choral von unterirdischen Erfahrungen im Leben: vom Verschwinden in der Dunkelheit, vom Versinken im Tod, von erstorbener Liebe.
Helmut verlässt das Krankenhaus im Rollstuhl. Nicht nur sein Rückgrat, auch seine Seele ist gebrochen. Er spricht kaum noch. Er lacht nicht mehr. Will niemanden sehen. Von seinen Freunden wendet er sich ab. Er kann sie nicht ertragen mit ihrer Gesundheit, mit ihrem normalen Leben. Ihre Zuwendung legt er als Mitleid aus. Das will er nicht. Sein Chef hält ihm die Stelle frei. Aber Helmut will nicht mehr. Er hasst sein Leben. Begräbt seine Zukunft. Verschließt sich im Grab seiner Verzweiflung.

Instrumentalmusik

Sprecher: Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Instrumentalmusik

Autorin: Der Choral geht den Weg in die Dunkelheit, aber er lässt uns nicht darin versinken. Er nimmt uns auch mit ins Licht des neuen Morgens, in dem neues Leben keimt.:„Liebe lebt auf, die längst erstorben schien.“ Die Musik ist ursprünglich eine französische Weihnachtsmelodie, 500 Jahre alt. Aus ihr war in England ein Passionslied geworden. Der Pfarrer Jürgen Henkys übertrug es 1976 in freier Übersetzung ins Deutsche. Sein Choral hat unüberhörbare österliche Anklänge: Erstorbene Liebe beginnt wieder zu grünen. Behutsam und anrührend hebt das Lied von der Auferstehung an, vom Aufleben des Totgeglaubten. Wie das Lied des Vogels in der Dunkelheit, der schon vor dem Morgengrauen die ersten Strahlen des neuen Tags begrüßt.

Choral / Strophe 2: Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, / Wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. / Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn? / Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Sprecher: Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, Wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?

Autorin: Der Choral führt uns zum Hügel Golgatha, wo Jesus am Kreuz starb. Und zu seinem Felsengrab, in das er gelegt wurde. Es ist das Urbild für alle gestorbenen und begrabenen Hoffnungen. „Wer wälzt uns den Stein vom Grab?“, fragen sich die Jüngerinnen, als sie den Leichnam Jesu salben wollen. Und dabei wissen sie doch: Niemand wird ihn wegrollen können. Als Jesus tot ist, da ist auch für die Menschen, die an ihn glauben, das Leben vorbei. Sie verkriechen sich. Sie sehen keine Zukunft. Sie versinken mit ihm in seinen Tod.

Instrumentalmusik

Autorin: Aber irgendwann dringen Worte in ihr Herz vor, die ihnen helfen zu verstehen. Plötzlich erinnern sie sich an Jesu Abschiedswort:

Sprecher: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. (Johannes 12,24)

Choral: Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, / Unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn - / Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien: / Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Autorin: Im letzten Sommer beerdigte ich Helmut. Mit 72 Jahren war er plötzlich verstorben. Er hätte so gern noch gelebt, sagte seine Nichte – ihr Lieblingsonkel mit dem unverwüstlichen Humor und Optimismus. Er habe ihr immer Mut gemacht, wenn sie nicht weiter gewusst habe. Sie erzählte mir seine Lebensgeschichte. Lange Zeit war Helmuts Herz gefangen im Gestrüpp seiner Depression und in den Dornen des Schmerzes über sein Schicksal. Doch dann fasste er den Entschluss zu leben.

Instrumentalmusik

Sprecher: Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, Unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn. Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Instrumentalmusik

Autorin: Unter der Geduld seiner Familie macht Helmut eine Verwandlung durch: „Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien.“ Der Tag, an dem Gott den toten Jesus aus dem Felsengrab rief. Auch wenn Helmut nicht mehr aufstehen konnte, war es doch eine Auferstehung, als er nach und nach das Leben von neuem eroberte. Er wendete sich dem Behindertensport zu. Dort fand er seine Liebe zu einer erblindeten Frau, mit der er das Leben teilte. Im Urlaub zog es die beiden auf vielen Flugreisen in die Ferne. Seiner Fußballleidenschaft frönte er weiterhin an den Wochenenden auf der Tribüne des BVB. Helmut lebte selbständig und hatte, wo er Hilfe brauchte, Freunde, Nachbarn und Verwandte. Und wenn man ihn fragte „Wie geht’s?“ Dann sagte er: „Gut! Ich bin ja gesund.“

Choral 1 / Strophe 1: Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, / Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. / Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: / Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Musikinformation:

Text von Dichter: Jürgen Henkys
Melodie: Noel nouvelet, Frankreich 15. Jahrhundert
CD:   Mit allen Sinnen erleben – Gemeindelied neu – mit der Hochschule für Kirchenmusik Herford
Herausgeber: Kirchenmusikhochschule Herford

Audiobeitrag „Korn, das in die Erde“ (eg 98)


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