Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

12.03.11, Pfarrer Gerd Höft

Nach dem Beben

Ich starre auf die Bildschirme, klebe mit den Ohren am Radio. Schon wieder eine Katastrophe. Die wirklichen Dimensionen noch nicht absehbar.

Viele, zu viele Tote. Materielle Schäden in nicht abschätzbarer Höhe und die furchtbare Sorgen um die Atomkraftwerke. Japan, von einer Minute zur anderen ein geschundenes Land. Ich bin tausende Kilometer entfernt und doch ist das nichts, was mit der Entfernung für mich leichter wäre zu ertragen.  Ich bin entsetzt, aber fast noch mehr hilflos. Und das ist das, was ich nicht gerne mag, wahrscheinlich niemand von uns: Hilflos zu sein, wenn die Erde bebt, Sekunden nur, wenn die Wassermassen kommen in rasender Geschwindigkeit und mit unglaublicher Wucht. Ich stehe hier auf sicherem Boden und Wassermassen habe ich nicht zu fürchten. Und doch diese Hilflosigkeit. Wie stolz sind wir doch auf unsere technischen Leistungen, auf unsere Möglichkeiten, die Naturgewalten zu zähmen, zu beherrschen. Wie gerne spielen wir uns auf als die Beherrscher der Welt. Bauen Dämme und Deiche, erdbebensichere Häuser, erstellen Notfallpläne und drücken uns doch vor der wichtigsten Erkenntnis, die uns alle Naturkatastrophen bisher gelehrt haben. Wir sind und bleiben ein Nichts, wenn die Erde ihre Kräfte entfesselt. Die Menschen in Japan leben mit Erdbeben, sie haben sicher alles getan was Menschenmöglich ist – und es reicht nicht aus, es reicht nie aus.  Und dann wird meine Hilflosigkeit begleitet von einem geradezu altmodischen Gefühl, für viele wenigstens, Demut. Die Demut weist den Menschen den  Platz zu im großen und kleinen, zeigt uns, wo wir stehen, und was in unseren Kräften steht und was nicht.

Es wird Sie nicht wundern, wenn mir als Pfarrer Gedanken aus der Bibel  sich aufdrängen.  In geradezu brutaler Nüchternheit heißt es:  wir wissen doch, was für Gebilde wir sind. Wir sind Staub. Wie sind wie Gras und all unsere Herrlichkeit wie die Blume des Grases. Das Gras verdorrt und die Blume fällt ab. Am Morgen grünt und blüht es, am Abend wird es geschnitten und verdorrt.

Demut erinnert daran. Sie hält unseren Machbarkeitswahn in Grenzen, stellt in vom Kopf auf die Füße. Ja vorsorgen müssen wir, unsere Energie und unseren Intellekt müssen wir einsetzten. Wir dürfen uns nicht zu hilflosen Opfern von Katastrophen machen lassen. Aber in aller Demut.

Gott schickt keine Katastrophen, um uns eines Besseren zu belehren. Er braucht keine Katastrophen um uns unsere Grenzen zu zeigen.  Katastrophen geschehen. Sie sind ein Bestandteil aller irdischer Existenz. Niemand weiß das besser als die Menschen in Japan und im pazifischen Raum. Beten wir für sie, dass sie ihre innere Stärke nicht verlieren und tragen können, was sie tragen müssen. Dass so viel Hilfsangebote jetzt schon aus aller Welt vorliegen, gibt mir Hoffnung, dass wir uns alle wenigsten ab und an als das verstehen, was wir sein sollten. Eine starke Gemeinschaft, die nichts und niemanden  im Stich lässt.

Audiobeitrag Nach dem Beben


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen