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Nach dem Beben
Ich starre auf die Bildschirme, klebe mit den Ohren am Radio. Schon wieder eine Katastrophe. Die wirklichen Dimensionen noch nicht absehbar.
Viele, zu viele Tote. Materielle Schäden in nicht
abschätzbarer Höhe und die furchtbare Sorgen um die Atomkraftwerke. Japan, von
einer Minute zur anderen ein geschundenes Land. Ich bin tausende Kilometer
entfernt und doch ist das nichts, was mit der Entfernung für mich leichter wäre
zu ertragen. Ich bin entsetzt,
aber fast noch mehr hilflos. Und das ist das, was ich nicht gerne mag, wahrscheinlich
niemand von uns: Hilflos zu sein, wenn die Erde bebt, Sekunden nur, wenn die
Wassermassen kommen in rasender Geschwindigkeit und mit unglaublicher Wucht.
Ich stehe hier auf sicherem Boden und Wassermassen habe ich nicht zu fürchten.
Und doch diese Hilflosigkeit. Wie stolz sind wir doch auf unsere technischen
Leistungen, auf unsere Möglichkeiten, die Naturgewalten zu zähmen, zu beherrschen.
Wie gerne spielen wir uns auf als die Beherrscher der Welt. Bauen Dämme und
Deiche, erdbebensichere Häuser, erstellen Notfallpläne und drücken uns doch vor
der wichtigsten Erkenntnis, die uns alle Naturkatastrophen bisher gelehrt haben.
Wir sind und bleiben ein Nichts, wenn die Erde ihre Kräfte entfesselt. Die Menschen
in Japan leben mit Erdbeben, sie haben sicher alles getan was Menschenmöglich
ist und es reicht nicht aus, es reicht nie aus. Und dann wird meine Hilflosigkeit begleitet von einem
geradezu altmodischen Gefühl, für viele wenigstens, Demut. Die Demut weist den
Menschen den Platz zu im großen
und kleinen, zeigt uns, wo wir
stehen, und was in unseren Kräften steht und was nicht.
Es wird Sie nicht wundern, wenn mir als Pfarrer Gedanken aus
der Bibel sich aufdrängen. In geradezu brutaler Nüchternheit heißt
es: wir wissen doch, was für Gebilde
wir sind. Wir sind Staub. Wie sind wie Gras und all unsere Herrlichkeit wie die
Blume des Grases. Das Gras verdorrt und die Blume fällt ab. Am Morgen grünt und
blüht es, am Abend wird es geschnitten und verdorrt.
Demut erinnert daran. Sie hält unseren Machbarkeitswahn in
Grenzen, stellt in vom Kopf auf die Füße. Ja vorsorgen müssen wir, unsere
Energie und unseren Intellekt
müssen wir einsetzten. Wir dürfen uns nicht zu hilflosen Opfern von Katastrophen
machen lassen. Aber in aller Demut.
Gott schickt keine Katastrophen, um uns eines Besseren zu
belehren. Er braucht keine Katastrophen um uns unsere Grenzen zu zeigen. Katastrophen geschehen. Sie sind ein
Bestandteil aller irdischer Existenz. Niemand weiß das besser als die Menschen
in Japan und im pazifischen Raum. Beten wir für sie, dass sie ihre innere
Stärke nicht verlieren und tragen können, was sie tragen müssen. Dass so viel
Hilfsangebote jetzt schon aus aller Welt vorliegen, gibt mir Hoffnung, dass wir
uns alle wenigsten ab und an als das verstehen, was wir sein sollten. Eine
starke Gemeinschaft, die nichts und niemanden im Stich lässt.
Nach dem Beben
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