Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

10.03.11, Pfarrerin Silke Niemeyer

Was isst der Mensch? - Was von des Reichen Tisch fällt. (Lukas 16,1-9-31)

„Was isst der Mensch?“, ist meine Frage in dieser Woche. Er isst gern viel und gut. Manchmal aber muss er essen, was übrig bleibt.

Lazarus zum Beispiel, von dem Jesus in einer Geschichte erzählt. Der liegt vor der Tür eines reichen Mannes. Dort isst er, was vom Tisch abfällt. Dazu kommen die Hunde des Reichen und lecken seine Geschwüre. Richtig unappetitlich beginnt die Geschichte. Man mag sich das gar nicht vorstellen.

Darum werden sie ja auch vor der Tür gehalten, die Lazarusse. Zäune aus Stahl und Paragraphen werden vor den Habenichtsen gezogen. Städte erlassen Bettelsatzungen, um die Bettler aus den Zentren zu vertreiben. Lazarus soll das entspannte Shoppen nicht stören.

Die Wachhunde passen auf, dass Lazarus keinen Fuß zwischen die Tür bekommt. Menschen, die nichts Schlimmeres taten, als in unserem reichen Land anzuklopfen, um ein besseres Leben zu suchen, werden in Abschiebezellen gesteckt und bewacht. Beamte gehen in die Wohnungen der Armen und wachen darüber, dass sie keine unrechtmäßigen Transferleistungen beziehen.

Einige der Hunde sind dem Lazarus zu lieben Gefährten geworden. Es mildert seinen Juckreiz, wenn sie seine Geschwüre lecken. Das verschafft ihm ein bisschen Erleichterung in seiner Pein. Wie die Wohlfahrtsorganisationen und Stiftungen die ärgste Not lindern mit ihren Diensten und Hilfsangeboten. Dafür werden sie sogar manchmal vom Reichen Mann gestreichelt.

Manch ein Lazarus liegt bis ans Ende seiner Tage vor des Reichen Mannes Tür und fristet sein Dasein mit dem, was von dessen Tisch fällt. Er kauft getragene Kleider im Sozialkaufhaus. Er erwirbt den Salat, der im Laden liegen blieb, bei der Tafel. Und wenn er stirbt, wird er verbrannt und ohne Trauerfeier begraben.

In der Geschichte, die Jesus erzählt, geht es jedoch ganz anders weiter. Lazarus stirbt und wird von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Der Reiche stirbt auch und wird begraben. Als er nun in der Hölle ist, schreit er um Erbarmen: „Abraham, schick doch den Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle.“ „Denk daran, dass du dein Gutes empfangen hast“, antwortet Abraham ihm. „Und außerdem: zwischen uns und euch besteht eine große Kluft.  Niemand, der von hier zu euch hinüber will, kann dorthin kommen, und auch niemand  von dort zu uns herüber.“

Die Geschichte vom Reichen Mann und Armen Lazarus endet pessimistisch. Wer wollte auch nicht ganz hoffnungslos werden, denn die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Aber es gibt Menschen, denen es gelingt Brücken über den Graben zu bauen.

Der verstorbene Bernliner Pfarrer Joachim Ritzkowsky zum Beispiel. Er bescheinigte dem obdachlosen Manfred Lehmann einen Wohnsitz in seiner Kirche, damit der einen Personalausweis bekommen konnte. Es begann ein juristischer Streit um die Frage, was ein Wohnsitz sei. Eigentlich wohnte Manfred Lehmann in der Frauentoilette am U-Bahnhof, aber auf Ritzkowskys Vorschlag, dort eine Hausnummer  anzubringen, war die Verwaltung nicht eingegangen. Das Gericht vertrat die Auffassung, dass man nur dort wohnen könne, wo man auch Einrichtungsgegenstände besitze. Also  nicht in der Kirche. Ritzkowsky wurde zu einer Geldstrafe von 2.500 Mark verurteilt. Erst in zweiter Instanz bekam der Pfarrer Recht.

Der Journalist Heribert Prantl, der diese Begebenheit erzählt, kommt zu dem Schluss: „In letzter Instanz wird er dafür belobigt worden sein.“

Audiobeitrag Was isst der Mensch? - Was von des Reichen Tisch fällt. (Lukas 16,1-9-31)


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