Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.03.11, Pfarrerin Silke Niemeyer

Was isst der Mensch? - Nichts. Er fastet. (Matthäus 4,1-11)

„Was isst der Mensch?“, ist meine Frage in dieser Woche. Meine Antwort heute am Aschermittwoch: Manchmal isst er gar nichts. Er fastet und verzichtet freiwillig aufs Essen.

Heutzutage meistens, um die Ausbreitung der so genannten Problemzonen des Körpers zu stoppen. Die kirchliche Fastenzeit bewahrt dagegen eine uralte biblische Tradition.

Jesus selbst hat gefastet. Vierzig Tage und Nächte zieht er sich in die Wüste zurück. „Damit er vom Teufel versucht würde“, wird uns erzählt. Dieser Diabolos – zu Deutsch: der Verwirrer – tritt zu dem Hungrigen und spricht:

Sprecher: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

Versuchung Nummer eins: Sattheit. Hauptsache, du wirst satt! Die römischen Imperatoren kannten den Reiz dieser Versuchung und regierten damit. Sie gaben dem Volk Brot und Spiele. Mit Brot und Spielen wurden Völker versklavt, Kriege geführt, Unterdrückte am Hungern gehalten. Heute gibt es dafür Big Mac und Dschungelcamp.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“, widerspricht Jesus. Gewiss braucht der Mensch sein täglich Brot. Aber nicht Brot allein. Brot ohne Gerechtigkeit, Brot ohne Freiheit ist kein Lebensmittel, sondern ein Mittel zum Tod. Zum Leben braucht es mehr: Zum Brot muss der Hunger nach Gerechtigkeit kommen. Zum Brot muss Gottes Gebot kommen: Brich dem Hungrigen dein Brot.

Danach führt der Verwirrer Jesus auf die Zinne des Tempels und lockt:

Sprecher: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: Deinetwegen wird er seine Engel senden und sie werden dich auf Händen tragen, damit dein Fuß an keinen Stein stößt.

Versuchung Nummer zwei: Größenwahn. Du musst den großen Sprung machen. Nur wer wagt, gewinnt! 2000 Jahre später, als die Finanzblase platzte, versammelten sich Demonstranten vor den Türmen der Banken in der Wallstreet und hielten den Bankern Transparente hin. Auf denen stand: „Jump!“ – „Springt!“ Sie spielten auf die große Depression der zwanziger Jahre an, als sich Spekulanten von den Hochhäusern in den Tod gestürzt hatten.

Wie die Situationen sich ähneln! Jesus antwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ Groß herauskommen schön und gut. Aber man kann an seinem Wunsch nach Grandiosität krepieren. Der große Sprung kann tödlich sein. Und es ist nicht einmal gesagt, ob man sich selbst oder anderen dabei den Hals bricht. In der Finanzkrise waren es die anderen.

Schließlich führt der Verwirrer Jesus auf einen hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt:

Sprecher: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Versuchung Nummer drei: Imperialismus. Mache dir die Welt untertan! Pax Romana. Deutschland über alles. Verteidigung am Hindukusch. In allen schwillt das Begehren, obenauf zu sein und die Welt zu beherrschen. Frieden ist in dieser Sicht auf die Welt, wenn die anderen besiegt sind. Das ist die Triebfeder des Unfriedens. Imperialismus ist nicht von Gottes Gnaden, sondern der Kniefall vor dem Teufel. Der Inbegriff des Diabolischen.

„Weg mit dir, Satan!“, scheucht Jesus ihn fort. „Denn es steht geschrieben: Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ Da verließ ihn der Teufel. Und siehe: da traten Engel zu ihm und dienten ihm.

Audiobeitrag Was isst der Mensch? - Nichts. Er fastet. (Matthäus 4,1-11)


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