Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

08.03.11, Pfarrerin Silke Niemeyer

Was isst der Mensch? - Die verbotende Frucht (Gen 2-3)

Was isst der Mensch? Dem möchte ich in dieser Woche auf die Spur kommen. Morgen nämlich beginnt die Fastenzeit. Eine gute Gelegenheit vorher noch schnell zu fragen:

Was isst der Mensch?

Schlagen wir einfach die Bibel ganz vorn auf: Der Mensch isst … einen Apfel! Und schon ist es aus mit dem Paradies. Obwohl – der gesunde rotwangige Apfel ist vollkommen zu Unrecht in Verruf gekommen. In der Geschichte von Adam und Eva ist nur von „der Frucht“ die Rede. So schnell kann’s jedenfalls gehen. Ein Mundvoll vom verbotenen Obst und vorbei das heile Leben. Das bittere Ende des süßen Genusses heißt: Im Schweiße seines Angesichts muss der Mensch fortan sein Brot essen.

Aber fangen wir am Anfang an: Gott schafft den Adam. Das ist kein Vorname, sondern heißt schlicht „Mensch“. Diesem Adam haucht er Leben ein und setzt ihn in das Paradies. Kein Schlaraffenland des Müßiggangs. Adam hat die Aufgabe Eden zu bearbeiten und zu behüten. Dabei kann er allerdings aus dem Vollen schöpfen. Denn da wächst alles, was das Herz begehrt.

Halt! Eines fehlt zum vollkommenen Glück: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, stellt Gott fest. Darum teilt er den Adam und schafft aus seiner Rippe ein ebenbürtiges Gegenüber. Das Menschenwesen Adam war ja bis hierher weder Mann noch Frau. Liebe Männer, merkt euch heute am internationalen Frauentag: Wir Frauen sind nicht aus eurer Rippe gemacht. Adam war einfach noch nicht fertig. Ihm fehlte noch etwas Entscheidendes. Erst mit Evas Erschaffung wird der Mensch richtig zum Menschen und der Adam zum Manne.

Eine tolle Geschichte. Vor allem, wenn wir sie mit anderen Schöpfungsmythen vergleichen. Die erzählen davon, dass die Götter sich Menschen machen, weil sie keine Lust haben zu arbeiten. Sie sollen schuften, um ihnen Götterspeise zu beschaffen. Der biblische Gott aber will keine Sklaven. Er krempelt selbst die Ärmel auf und pflanzt einen Garten. Den stellt er Adam und Eva frei zur Verfügung. Die Arbeit, die sie darin tun, kommt ihnen selbst zu Gute. Von allen Bäumen dürfen die Menschen sich bedienen.

Nur eine Frucht sollen sie nicht essen – die vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. „An dem Tag, an dem du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“, warnt Gott. Ist das nun der Haken an der phantastischen Geschichte? Sollte der Mensch nach Gottes Willen wohl glücklich sein, aber dumm bleiben? Happy, aber eben doof? Selig aus Naivität?

Gott verhängt hier kein Denkverbot über uns. Er verbietet nicht das Forschen und Nachdenken und das Mündigwerden. Es geht vielmehr um die Humanität des Menschen. Dass Erkenntnis auch dem Bösen dienen kann und Leben zerstört, davor warnt die Urgeschichte. Gott will mit seinem Verbot kurz gesagt verhindern, dass der Mensch zum Unmensch wird. Denn auch vor über 2500 Jahren kannten die Erzähler menschliche Unmenschlichkeit sowie die Zwiespältigkeit menschlicher Erkenntnis zur Genüge.

Wie oft wird Erkenntnis menschenfeindlichen Zwecken dienstbar gemacht? Menschen nutzen ihr Wissen, um intelligente Bomben zu entwickeln, psychologisches Know- how, um Foltermethoden zu verfeinern, naturwissenschaftliche Erkenntnisse, um Nahrungsmittel zu manipulieren.

Was wäre, wenn der fatale Biss in die Frucht ausbliebe? Immer wieder wird sie uns hingehalten. Als ewige Versuchung, sein zu wollen wie Gott. Aber einer Versuchung zu widerstehen ist ja auch eine gute Erkenntnis.

Audiobeitrag Was isst der Mensch? - Die verbotende Frucht (Gen 2-3)


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